von am 25. Februar 2014
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Die Politikwissenschaftlerin Dr. Bilgin Ayata (Foto: Ezgi Aydin)

Noch bis zum 28. Februar ist in der Werkstatt der Kulturen im Rahmen des Black History Month die Ausstellung „Manufacturing Race“ zu sehen – eine Auseinandersetzung mit den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika.

Verantwortlich für die Betreung der Ausstellung ist die Politikwissenschaftlerin Dr. Bilgin Ayata von der Freien Universität Berlin. Wir sprachen mit ihr über den deutschen Kolonialismus, die Verbindung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie mit dem Völkermord an den Herero und darüber, warum die Ausstellung besonders gut in Neukölln aufgehoben ist.

neukoellner.net: Frau Ayata, Sie betreuen die Ausstellung „Manufacturing Race“. Wie kam es zu dem Projekt?
Bilgin Ayata: In der Werkstatt der Kulturen findet bis Ende Februar der alljährliche Black History Month statt. Einer der diesjährigen Schwerpunkte liegt auf dem Schicksalsjahr 1904, dem Beginn des Krieges der Deutschen gegen die Herero in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, der in einen Völkermord an den Herero und Nama mündete. Das ist eines der Themen unserer Ausstellung. Zusammengestellt wurde „Manufacturing Race“ von fünf Studierenden an der FU Berlin, ich habe das Projekt betreut. Als wir gefragt wurden, ob wir im Zuge des Black History Month ausstellen würden, haben wir sofort begeistert zugesagt.

Was für einen Bezug haben Sie als Politikwissenschaftlerin zu dem Thema Kolonialismus?
Im Sommersemester 2013 habe ich ein Hauptseminar zum Thema Postkolonialismus geleitet, das auf viel Interesse stieß. Unter anderem habe ich versucht, anhand des Gebäudes, in dem sich das Otto-Suhr-Institut befindet, also das Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität in Berlin-Dahlem, deutsche Kolonialgeschichte plastisch zu machen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 befand sich im Gebäude des Otto-Suhr-Instituts das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, in dem unter anderem menschliche Schädel aus Deutsch-Südwestafrika aufbewahrt wurden. Das Gebäude selbst hat also Kolonialgeschichte. Das Institut wurde geleitet von einem Prof. Eugen Fischer. Fischer war ein Rassenforscher und Befürworter der Eugenik der ersten Stunde, noch weit vor den Nazis. Weiter war am Institut Ottmar von Verschuer angestellt, ein Zwillingsforscher und „Rassenhygieniker“, der übrigens auch der Doktorvater des Auschwitz-Massenmörders Josef Mengele war. Am Eingang des Gebäudes erinnert heute eine Gedenktafel an den Beitrag dieser Forscher an den Verbrechen des Holocaust, jedoch wird dabei der koloniale Zusammenhang nicht erwähnt.

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Führung durch die Ausstellung „Manufacturing Race“ (Foto: Mike Bielski)

Wie erinnert man heute in Deutschland an das Thema deutscher Kolonialismus?
Man erinnert kaum. Die intensive deutsche Erinnerungskultur hört rückblickend oft mit dem Jahr 1933 auf. Dass es deutsche Kolonien gab, dass der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts der an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika zwischen 1904 und 1908 war, dass es damals Konzentrationslager dort gab, weiß ein großer Teil der deutschen Gesellschaft nicht.

Beschäftigt man sich an deutschen Universitäten mit dem Thema?
Die Beschäftigung mit deutschem Kolonialismus ist an deutschen Universitäten eine Randerscheinung. Die Nachfrage der Studenten aber ist groß – eben auch weil man oft nur wenig zu dem Thema weiß. Wenn es in meinen Seminaren um deutschen Kolonialismus geht oder um den Völkermord an den Herero, herrschte große Ahnungslosigkeit.

Wie kam es vom Seminar zur Ausstellung?
Eine Gruppe Studierender aus dem Seminar hatte die Idee, eine Ausstellung zum Thema Deutsch-Südwestafrika, Völkermord an den Herero und die Erinnerung daran eben auch in Verbindung mit dem Institutsgebäude zu erarbeiten. Die Studenten haben den ganzen Sommer gearbeitet und in Archiven geforscht. Dabei haben sie teilweise wichtige Dinge ans Tageslicht geholt. Beispielsweise haben sie herausgefunden, dass aus den 4000 bis 5000 menschlichen Schädeln, die im Institutsgebäude lagerten, mindestens dreißig aus Deutsch-Südwestafrika stammten. Gesprochen wird darüber erst jetzt, wegen der Ausstellung.

Wie ist die offizielle Haltung Deutschlands heute in Bezug auf den Völkermord an den Herero?
Deutschland erkennt den Völkermord an den Herero und Nama offiziell nicht als Völkermord an. Es wird offiziell argumentiert, dass Deutschland der Genozidkonvention von 1948 erst 1955 beigetreten sei und die Konvention nicht rückwirkend gelten könne. Das ist absurd, Deutschland beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust, aber verschließt die Augen vor seiner Kolonialgeschichte. Ich interessiere mich in meiner Forschung mitunter für Leugnungspolitik. Die Haltung Deutschlands in Bezug auf den Völkermord erinnert stark an die unrühmliche Leugnung der Türkei des Völkermords an den Armeniern. Das gibt mir zu denken. Gerade vor dem Hintergrund dessen, dass nun diskutiert wird Bundeswehrsoldaten nach Afrika zu schicken, dass offen über ein stärkeres Engagement der Bundeswehr im Ausland diskutiert wird, muss Deutschland einen anderen Umgang mit seiner Kolonialgeschichte finden. Aus einer postkolonialen Perspektive kann man das Damals und das Heute nicht trennen.

Glauben Sie, dass Neukölln für die Ausstellung von besonderer Bedeutung ist? Und wenn ja, warum?
Ja, ich glaube, dass Neukölln für die Ausstellung ein wichtiger Ort ist. In Neukölln leben Menschen mit verschiedensten Hintergründen, der Stadtteil wird als sozialer Brennpunkt in den Medien diskutiert. Dabei wird das Thema Rassismus eher ausgespart. Die Ausstellung aber behandelt genau dieses Thema: Rassismus. Sie handelt davon wie die Konstruktion von Rassen wissenschaftlich geschaffen wurde, daher auch der Titel „Manufacturing Race“. Und ich bin froh, dass wir jetzt aus einem akademischen Umfeld raus sind und verschiedene Menschen die Möglichkeit haben, sich die Ausstellung anzusehen. Darüber hinaus sind fast alle Studenten, die die Ausstellung erarbeitet haben Neuköllner, auch ich lebe in Neukölln. Auch deswegen freut uns, dass die Ausstellung in der Werkstatt der Kulturen stattfindet. Aber eigentlich gehört sie überall hin, denn die Geschichte des deutschen Kolonialismus muss stärker wahrgenommen werden und das Problem des Rassismus geht jeden etwas an.

Werkstatt der Kulturen
Wissmannstraße 32, 12049 Berlin
Öffnungszeiten: Di. und Mi. 10-18 Uhr, Do. und Fr. 10-21 Uhr, Sa. und So. nur während Veranstaltungen

 

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