„Ich sach` immer zu den Leuten, sie sollen ihre Schnauze halten, anfangen und lesen“. Clemens Meyer, wie man ihn kennt! Vergangenen Samstag war das “enfant terrible” zu Gast in der Buchhandlung Stadtlichter.

Das Jackett zerknittert, auf der Nase eine goldrandige Brille, um die ihn die Berliner Hipster und Wannabe-Nerds beneiden dürften, das blonde Haar akkurat gescheitelt – Clemens Meyer ist, man kann es nicht anders sagen, eine kuriose Erscheinung. Obwohl erst 34, wirkt er deutlich älter, was auch an seiner scheppernden Stimme liegen mag. Sein Ruf, ein „enfant terrible“ des Literaturbetriebs zu sein, wird Meyer auch an diesem Abend gerecht: 45 Minuten lässt er seine Fans bei gefühlten Saunatemperaturen warten. Als er dann endlich eintrifft, kann das Publikum von seinen Plätzen aus beobachten, wie der Dichter noch gemütlich vor der Buchhandlung eine Zigarette raucht. Ganz gemäß des Oscar Wilde’schen Grundsatzes „Pünktlichkeit stiehlt uns die beste Zeit“. Und die hatte Clemens Meyer wohl definitiv in den Stunden davor auf der Rennbahn. „Allgäuprincess“ und „Proust“ („natürlich wie der Dichter“) heißen seine Pferde. Schwärmend erzählt er im breiten Sächsisch, dass seine „Allgäusprincess“ diesmal in Magdeburg nur Sechste geworden ist.

Immer wieder wird der Schriftsteller in der folgenden Stunde auf Pferderennen zu Sprechen kommen. Es ist sein Thema gerade und irgendwie lauscht man auch gerne, wenn er von seiner Leidenschaft erzählt: „Letztens erst wieder in Hoppegarten war ich 600 im Plus und dann verlier ich alles im letzten Rennen.“ Obwohl zwischendurch schon mal der Gedanke aufkommt, dass das alles doch ziemlich abgehoben ist.

Das kann man von seinen Büchern (bisher: “Als wir träumten”, “Die Nacht, die Lichter”, “Gewalten. Ein Tagebuch”) ganz und gar nicht behaupten. Seine Protagonisten stehen zumeist am Rande der Gesellschaft. Die Sprache, mit denen er sie beschreibt, ist direkt, unprätentiös und einfühlsam. Parallelen zur Biographie des Autors finden sich zuhauf. Für “die Nacht, die Lichter” erhielt Meyer, der sich sein Studium als Möbelpacker, Bauarbeiter und Gabelstaplerfahrer finanzierte, 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse.

Aus drei Geschichten wird er an diesem Abend lesen, den Erzählfluss, aber auch immer wieder unterbrechen, um Anekdoten und Selbstbeobachtungen zum Besten zu geben. So erfährt man zum Beispiel, dass er die Geschichte aus dem Zyklus „Gewalten. Ein Tagebuch“, in der es um den Todesfall eines Mädchens geht, bei Lesungen immer nur bis zu einer bestimmten Stelle vorträgt, weil es danach zu sehr weh tun würde. „Ich dachte nach dem Kapitel, da krieg ich Krebs“, erzählt er dazu. Mit jener Geschichte endet dieser ansonsten sehr amüsante und bisweilen auch kurzweilige Abend. Keine weiteren Anekdoten mehr, kein Geplauder, sondern nur noch „die Nacht, die Lichter“.

 

Ein Kommentar:

  • clemens meyer sagt:

    600? in einem rennen? ja so dicke habs ich nun auch nicht.
    ich habe gesagt, dass ich, wenn ich dieses letzte rennen gewonnen hätte (das pferd “weisheit” wurde dann knapp geschlagen 2.), mein gewinn an diesem tag 600 gewesen wären! man sieht, ein feiner unterschied! aber so entstehen legenden, denn zuhören ist auch eine kunst!
    (übrigens die verspätung beim eintreffen an der buchhadlung ca 25 minuten.)
    mfg cm

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