von am 5. September 2012

Hat nicht jeder schon vom eigenen Garten geträumt? In einer Großstadt wie Berlin bleibt das für viele nur ein Traum – für die meisten beschränkt sich das gärtnerische Glück, wenn überhaupt, auf den eigenen Balkon. Dass es anders geht, zeigt ein Streifzug durch die Gemeinschaftsgärten auf dem Tempelhofer Feld.

Es wächst und gedeiht auf dem ehemaligen Flugfeld. Und mit sage und schreibe 280 Beeten ist der Allmende-Kontor-Garten der größte Gemeinschaftsgarten auf dem Areal. Der überwiegende Teil der 700 aktiven Gärtner und Gärtnerinnen kommt aus der direkten Nachbarschaft, also meist aus dem Schillerkiez.

So auch Ali, ein 50-jähriger Diplom-Informatiker, der seit über 20 Jahren im Schillerkiez wohnt. Als die Gemeinschaftsgärten entstanden, beschlossen er und seine Frau sofort mitzumachen. Fast wichtiger als das eigene Beet sei aber die Gemeinschaft, wie Ali begeistert erzählt: “Was uns besonders gefällt, ist der Austausch, die unterschiedlichen Begabungen der Menschen zu beobachten und voneinander zu lernen, im Bezug auf Pflanzen und auf menschliche Sachen. Das ist es, was daran Spaß macht.” Er sieht das Tempelhofer Feld als ganz wichtigen Freiraum für den Schillerkiez, wo die Anwohner sich frei bewegen, Sport treiben und gute Luft atmen können.

Die Gemeinschaft macht Spaß

Das empfindet auch der 53-jährige Bäcker Osman so, den man ein paar Beete weiter antrifft. Gerade im Schillerkiez gebe es kaum grüne Flächen, wo man die Kinder frei spielen lassen könne. “Die Kinder brauchen die Freiheit, ohne Autos, ohne Gestank und ohne Lärm”, sagt er.

Um die kleinen Racker geht es auch der 56-jährigen Politologin Karin vom Lernort Natur. “Sobald wir da sind, kommen Kinder, die zufällig vorbeilaufen und mischen sich ein”, sagt sie lächelnd. “Vor einem Monat haben Kinder einer KiTa im Schillerkiez ihr eigenes Beet angelegt. Für die ist das total begeisternd. Wenn die erstmals eine Möhre aus der Erde ziehen, sind die ganz perplex.” Daher würde sich Karin auch wünschen, dass das Potential des Tempelhofer Feldes gerade für Kinder von öffentlichen Stellen mehr erkannt und gefördert wird: “Das ist ja auch gut fürs Agressionspotential mancher Kinder, sich auf dieser weiten, beruhigenden Fläche austoben zu können”.

Einen Freiraum schaffen, den Leute für sich nutzen können, das möchten auch die Betreiber des Stadtteilgarten Schillerkiez. Die möglichen Folgen der Öffnung des Tempelhofer Feldes für den Schillerkiez sehen sie allerdings mit Skepsis. “Als hier noch der Flughafen betrieben wurde, war klar: Das hier ist billige Wohngegend”, meint der 60-jährige Gerhard. Durch dessen Wegfall gebe es bekanntlich eine enorme Aufwertung für den Kiez, die zu steigenden Mieten und Verdrängung der Anwohner führe. Gegen behutsame Veränderungen hätte er gar nichts: “Dass es mehr Sitzgelegenheiten, Schattenplätze oder Toiletten gibt, das macht ja durchaus Sinn.”

Kritik an der geplanten Bebauung

Die geplante Bebauung der Randgebiete wird von allen Gesprächspartnern kritisch beäugt. “Ich glaube, es gibt genug Freifläche in Berlin, die bebaut werden kann. Da braucht man nicht eine der wichtigsten Freiflächen der Stadt zuzuballern”, meint Karin von Lernort Natur. Auch Ali, der selber mit seiner Familie in der Oderstraße wohnt, findet: “Von der Wohnbebauung halte ich überhaupt nichts. Das wäre sehr ungerecht für die Menschen, die hier wohnen und über Jahrzehnte den Lärm und den Schmutz ausgehalten haben”. Er könne es nachvollziehen, wenn etwa bestimmte Gewerbebereiche für Zukunftsunternehmen entstehen oder die Sportmöglichkeiten ausgeweitet werden. “Aber wenn bestimmte Teile vom Park von einer bestimmten Klientel beansprucht werden, ist das nicht fair, dann würde ich mich wehren.”

Und Osman wünscht sich, dass zumindest der Teil mit den Gemeinschaftsgärten den Anwohnern und Bürgern gelassen wird, auch weil viele sich keinen Urlaub leisten könnten. “Es schadet der Stadt nicht, dieses kleine Stück für die Bürger zu lassen”, sagt er. Für die Zukunft ist er allerdings pessimistisch: “Wenn es noch drei Jahre so bleibt, dann freue ich mich. Wir wollen kein Geld von der Stadt, aber wir wollen die Grünfläche haben. Dann wären wir der Stadt sehr dankbar.” Ähnliche Befürchtungen hat auch Gerhard:  “Es gibt Papiere der Tempelhof Projekt GmbH, in denen der Schillerkiez ganz klar als eines der attraktivsten Wohngebiete in der Innenstadt bezeichnet wird. Langfristig führt das zur Verdrängung einer bestimmten Bevölkerungsschicht aus dem Kiez.”

So sind sich alle einig, was die Zukunft des Tempelhofer Feldes angeht: Im Wesentlichen soll alles so bleiben, wie es ist.

 

Hier noch ein kleiner Überblick über „grüne“ Projekte im Schillerkiez und auf der Tempelhofer Freiheit:

Pionierfeld Oderstraße

Auf dem Tempelhofer Feld sollen Zwischen- und Pioniernutzungen gezielt in den Planungsprozess integriert werden.

Die Tempelhof Projekt GmbH ist dafür vom Land Berlin mit der Durchführung des Auswahlverfahrens beauftragt und führt dieses in Kooperation mit der Grün Berlin GmbH durch. So kann der öffentliche Raum durch interessierte Gruppen und Anwohner/innen mitgestaltet werden. Das Pionierfeld Oderstraße hat die Schwerpunkte “Neuköllner Nachbarschaften” und “Besondere Angebote für Kinder und Jugendliche.” Durch Ansiedlung von Pioniernutzungen, die insbesondere von den Initiativen und Netzwerken im angrenzenden Schillerkiez inspiriert sind, soll ein öffentlich wirksames Angebot an das Quartier unterstützt werden.

Lernort Natur

Das am nächsten an der Oderstaße gelegene Pionierprojekt bietet Naturerfahrungsangebote für Kinder und ihre Eltern. An vorbereiteten Lernlandschaften können sie zu spezifischen Themenfeldern forschen, wobei die Fragen der Kinder Ausgangspunkt der Erkundungsprozesse sind. Jeden Samstag von 14 bis 17 Uhr gibt es ein offenes Angebot.

Allmende-Kontor

Das Allmende-Kontor auf der Tempelhofer Freiheit soll für alle und mit allen entwickelt werden, die sich für das Gärtnern auf der Tempelhofer Freiheit und in der ganzen Stadt engagieren und interessieren. Im Gemeinschaftsgarten gibt es jeden Samstag von 14 bis 18 Uhr die Möglichkeit des Kennenlernens und zum Bauen und Ackern.

Stadtteilgarten Schillerkiez

Hier wird eine offene Feldstruktur geschaffen, die den Anwohner/innen besonders im Schillerkiez einen Raum für selbstorganisiertes, kreatives Handeln bietet. Die Entwicklungen im Kiez, insbesondere Fragen, die sich im Kontext möglicher steigender Mieten ergeben könnten, sollen konstruktiv kritisch begleitet werden.

Gemeinschaftsgarten Rübezahl

Der Gemeinschaftsgarten ist grünes Klassenzimmer, Obst- und Gemüsegarten, ein Treffpunkt für die Nachbarn und Spielplatz für die Kinder: ein Garten für die vielen verschiedenen Menschen aus Neukölln, ein Ort zum Lernen und Lachen, zum Pflügen und Pflanzen, zum Säen und Ernten.

Der Artikel ist in der Juni-/Juliausgabe der Schillerkiezzeitung Promenadenmischung erschienen.

 

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