von am 12. April 2011

Der Comedian Murat Topal nimmt in seinem Neukölln-Lexikon Vorurteile rund um Ausländer, Gentrifizierung und Religion unter die Lupe und begibt sich tief in die Geschichte des Stadtteils.

Na, lieber Leser, wusstest du, dass in Neukölln die „Reformhose“ erfunden wurde, die Urform der Jogginghose? Dass die Sonnenallee kurzzeitig Braunauer Straße hieß, nach dem Geburtsort von Adolf Hitler? Oder dass der Neuköllner Fußballverein SC Tasmania 1900 Berlin als schlechtester Bundesliga-Verein aller Zeiten in die Geschichte einging? Nein? Wir auch nicht, bis zur Lektüre des humorvollen Kompendiums „Neukölln – Endlich die Wahrheit von A-Z“. Der Autor Murat Topal setzt sich darin mit zahlreichen Mythen über Neukölln auseinander und bringt Licht ins Dunkel der Klischees.

Als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter 1975 in Neukölln geboren bringt Murat Topal die besten Voraussetzungen mit, als Experte die Wahrheit über Neukölln aufzudecken. Zehn Jahre lang arbeitete er hier als Polizist, bevor er als Stand-up-Comedian Karriere machte. Mit launiger Schnauze versucht er, die zahllosen informativen Fakten über Neukölln mit Witz aufzulockern. Das gelingt jedoch nicht immer – der ein oder andere Gag ist einfach zu platt. Außerdem schweift Topal gerne ab, gelangt vom hundertsten ins tausendste Detail und verliert den Blick aufs Wesentliche.

Nichtsdestotrotz ist sein Lexikon eine interessante Lektüre für Neuköllner, die gerne mehr über ihren Heimat-Kiez erfahren wollen. All diese Informationen zusammen zu tragen war mit Sicherheit ein riesiger Aufwand, der honoriert werden muss. Topal kramte tief in den Archiven, um Geschichten über berühmte Neukölln-Bewohner, die meisten auf Zeit, auszukramen. Darunter illustre Gestalten wie Turnvater Jahn, den seine Sportbegeisterung ins Gefängnis brachte, als sie den Preußen nicht mehr ins Konzept brachte, oder David Bowie, er zwar hier nie Quartier bezog, aber mit „Neuköln“ dem Stadtteil eine instrumentale Hommage vermachte.

Nicht-Neuköllner mit fehlender Ortskenntnis dürfte die Masse an Fakten auf Dauer langweilen. Doch auch wer noch nie einen Fuß nach Neukölln gesetzt hat, wird ein Bild im Kopf haben, was ihn hier erwartet. Die Schulschwänzer aus der Rütli-Schule, die kopftuchtragenden Frauen vor der großen Sehitlik-Moschee, Kurt Krömer zu Besuch bei Heinz Buschkowski – in den Medien taucht Neukölln immer wieder aus unterschiedlichen Gründen auf. Und natürlich kämpft Neukölln immer wieder gegen Klischees, die Murat Topal mit vielen Zahlen und gut recherchierten Fakten widerlegen oder zumindest gerade rücken kann. So leben in Neukölln nicht die meisten Harz IV-Empfänger Berlins und hier passieren auch nicht die meisten Straftaten der Stadt. Es gibt jede Menge Kultur, Natur und eine Handwerkstradition. Ein bisschen mehr Persönliches hätten wir uns aber gewünscht, denn kleine Anekdoten aus Topals Leben auf den Neuköllner Straßen kommen leider viel zu kurz.

Murat Topal: „Neukölln – Endlich die Wahrheit von A-Z“
be.bra Verlag, Berlin 2011
Taschenbuch, 14,95 Euro

 

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