von am 15. August 2015

Fetisch Kopfrasur: Wer bezahlt dafür, Frauen den Kopf zu rasieren? Und warum? Unsere Autorin brauchte Geld und hat sich auf ein Treffen eingelassen. Wie eine Kopfrasur den einen reicher und den anderen glücklicher machen kann – ein Erfahrungsbericht. 

Fotos: Adrian Knuppertz

Auf der Suche nach einem Nebenjob fiel mir die Anzeige von Andreas* in der Zitty ins Auge. Er suchte nach „Frauen mit Mut“, welche sich von ihm gegen Geld eine Glatze rasieren lassen würden. Der Gedanke, meine mich langweilenden, mittellangen Haare auf die etwas andere Art loszuwerden, gefiel mir. Nach ein paar sehr netten Telefonaten und einem zugegebenermaßen noch netteren finanziellen Angebot verabredete ich mich mit ihm. Der Deal: Er würde zu mir nach Hause kommen und mir alle Haare vom Kopf rasieren. Wichtig war ihm, dass er eine Nassrasur machen kann, weil die für ihn ein besonderer Kick sei. Im Gegenzug würde ich 500 Euro in bar bekommen.

Meine Fetischismus-Erfahrungen tendierten bisher gegen Null. Ich hatte dazu nur vage Assoziationen, die meist irgendwie Latex, vielleicht Füße und schlimmstenfalls Fäkalien beinhalteten. Das Thema gehörte für mich definitiv in eine eher unappetitliche Schmuddelecke. Nichtsdestotrotz fragte ich mich manchmal, wie man eigentlich einen Fetisch entwickelt. Entdeckt man seine Vorliebe für bestimmte Objekte eher zufällig? Braucht man Glück, um überhaupt darauf zu stoßen? Ist eine Neigung schon von klein auf durch frühkindliche Prägungen vorhanden oder gibt es noch ganz andere Gründe dafür, ein bestimmtes Objekt oder Handlungen sexuell erregend zu finden? Rätselhaft blieb mir das Ganze in jedem Fall.

Ein routinierter Perversling?

Mir war bewusst, dass ich mit dem Treffen mit diesem wildfremden Glatzenfetischisten vielleicht eine persönliche Grenze überschreiten würde. Ich würde mich immerhin dafür bezahlen lassen, jemandem eine sexuelle Phantasie zu erfüllen. Aber meine Angst erwies sich als unbegründet: Andreas stellte sich als freundlicher, fast schon bieder wirkender Typ Ende Dreißig heraus. Er hat einen gut bezahlten, grundsoliden Job, „im kaufmännischen Bereich“, wie er vage erzählte. Und er ist Familienvater, weswegen er auch zu mir nach Hause kommen wollte. Ein paar Wochen zuvor hatte er mich noch zu sich eingeladen, vielleicht wäre da die Familie außer Haus gewesen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, ihn darüber auszufragen: ob er ein schlechtes Gewissen habe oder dergleichen; aber ich verzichtete darauf, als ich merkte, dass er nervöser war als ich. Ich sah, dass Andreas nicht der Typ „routinierter Perversling“ war, den ich mir vorgestellt hatte, sondern eher unerfahren darin, seinen Fetisch auszuleben. Höflich fragte er mich, was ich so mache und wie mir Neukölln gefalle – Smalltalk, um die Situation aufzulockern.

Haare ab!

Andreas’ Geschichte überraschte mich, weil sie so gar nicht meinen Vorurteilen entsprach. In Neukölln aufgewachsen, hatte er hier seine prägenden Jugendjahre in den achtziger Jahren erlebt. Ihm hatten die kahlgeschorenen Köpfe der Punkmädchen, die zu der Zeit etwas Neues waren, schon immer fasziniert. Er erzählte mir, wie mutig er es findet, wenn eine Frau sich ihre – aus seiner Sicht untrennbar zu ihr gehörenden – langen Haare komplett abrasiere. Gerade deshalb suche er auch nach „normalen“ Frauen mit einer klassischen Langhaarfrisur, da es ihm um den Veränderungsprozess gehe. Auch war eine frühere Rasiersitzung mit einer Bekannten, die als Domina arbeitet und für die sein Fetisch keinen besonderen Schock darstellte, eher enttäuschend für ihn.

Macht und Entweiblichung

Ich fand diese Erklärung einerseits beinahe rührend, weil der Ursprung seines Fetisch so harmlos wirkte und so viel über ihn, seine Angepasstheit und sein Frauenbild aussagte. Andererseits lag es aber eben auch auf der Hand, dass es ihm um eine Art Entweiblichung ging, die er mit der Rasur vollziehen wollte. Und über die Macht, für Monate mein Aussehen zu bestimmen. Trotz allem war ich erstaunt, wie viel es ihm bedeuten musste, eine für mich eher banale Veränderung eigenhändig durchzuführen. Wie radikal es für ihn sein musste, einer Fremden für nichts weiter als eine Kopfrasur 500 Euro zu zahlen?

Nassrasur

Er wollte die abrasierten Haare nicht einmal als Trophäe mit nach Hause nehmen, wovon ich eigentlich ausgegangen war. So verbrachte ich zwei recht entspannte Stunden mit Andreas und gönnte ihm, sich Zeit zu lassen, erst mal mit der Schere an meinen Haaren herumzuschnibbeln und mir punkige Frisuren zu schneiden, bevor er mir dann schließlich die letzten Stoppeln nass wegrasierte. Das Auftragen des Schaums auf meiner Kopfhaut war dabei die einzige unangenehme Situation; Andreas musste ihn auf dem Kopf verteilen, mich also direkt anfassen. Doch alles blieb ganz neutral. Ein Freund von mir, der als Aufpasser mitgekommen war, durfte während der ganzen Prozedur sogar Fotos machen.

Am Ende fühlte ich mich weder schmutzig noch instrumentalisiert. Ich war vor allem erstaunt, welch seltsame Blüten Begierde treiben kann.

Zuletzt entwickelte mein Treffen mit Andreas sogar eine Eigendynamik: Ich leitete seine Mailadresse einer Bekannten weiter, die sich ebenfalls zum Rasieren mit ihm traf. Andreas ist so dankbar dafür, dass er sich sogar mit einer Einladung zum Essen bei mir revanchieren will. Ich bin jetzt also eine offizielle Glatzenkupplerin. Das mit dem Essen lasse ich aber lieber…

*Name geändert

Dieser Artikel ist erstmals auf neukoellner.net am 31. Oktober 2012 erschienen.

 

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