von am 2. August 2012

Eine IPhone-App will dabei helfen, Neukölln zu entdecken. Wir haben uns auf die multimediale Kiez-Tour begeben.

Warum nicht mal ohne Handy, vielleicht sogar ohne Internet durchs Leben gehen? In den vergangenen Wochen diskutierten viele Medien darüber, ob wir „Offline“ überhaupt noch lebensfähig sind. Dem SZ Magazin sagte die Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle: „Smartphones befriedigen drei Fantasien: dass wir uns immer sofort an jemanden wenden können, dass wir immer angehört werden und dass wir nie allein sind. Die Möglichkeit, nie allein sein zu müssen, verändert unsere Psyche. In dem Augenblick, in dem man allein ist, beginnt man sich zu ängstigen und greift nach dem Handy. Alleinsein ist zu einem Problem geworden, das behoben werden muss.“

Good Bye Orientierungslosigkeit

Hat man sich einmal an das Smartphone als treuen Begleiter in der Hosentasche gewöhnt, ist es gar nicht mehr so leicht, darauf zu verzichten. Die zahlreichen Kommunikationsmöglichkeiten sind eine Sache, über deren Nutzen man streiten kann. Dass ein solches Gerät das Leben manchmal angenehmer macht, bleibt außer Frage: Es ist einfach praktisch, die Abfahrt der letzten Bahn nachzuschauen, BEVOR man die Kneipe verlässt. Wann macht gleich wieder die Post zu? Wo war noch mal das nette Café? Lässt sich alles dank mobilen Internets blitzschnell checken. Doch dabei verpasst man viele Gelegenheiten: Auf der Suche nach dem einen Café ein noch viel schöneres entdecken. Vor der verschlossenen Post verärgerte Mitbürger treffen und sich gemeinsam über die kurzen Öffnungszeiten aufregen.

Der beste Weg, sich ein Bild von Neukölln zu machen, besteht sicherlich darin, sich einfach durch die Straßen treiben zu lassen. Seit einigen Monaten gibt es aber auch die App „KiezExplorer“, die einem mit Texten, Fotos und Videos durch Neukölln navigiert. Der Einführungstext zum „Mythos Neukölln“ fasst zusammen, was Neukölln ausmacht: Problembezirk, integrationsunfähige Migranten, Prügelschulen und natürlich die Bohème der jungen Künstler. Ein bisschen Geschichte, ein bisschen Gentrifizierung. Darauf folgt ein grafisch schön gestalteter „Survival Guide“. 10 Lektionen, um nicht sofort als Neukölln-Neuling aufzufallen: Sterni und Club Mate trinken, Köfte essen, mit dem Fahrrad auf dem Gehsteig fahren, im Winter die Langlaufski auspacken (Wobei wir noch keine Langläufer auf Neuköllner Straßen entdecken konnten, ihr etwa?).

Sushi, Blutwurst, Köfte

Unter der Kategorie „Explore“ findet man einen Überblick über die angesagtesten Cafés, wie Sing Blackbird, Engels oder Goldberg, und eine Auswahl an Restaurants von Musashi über GelKöfteci bis zur Lavanderia Vecchia. Zum Shopping schickt uns KiezExplorer auf den Wochenmarkt am Maybachufer, in den Plattenladen Soultrade und zum Wurstkauf in die Blutwurstmanufaktur. Unter „Culture“ sind lediglich der Heimathafen und die Werkstadt gelistet, besser sieht es dafür bei „Nightlife“ und „Outdoor“ aus. Alles in allem aber keine Tipps, die Neukölln-Kennern die Augen öffnen. Dem wirklich ursprünglichen Neukölln wird man an diesen Stationen nicht begegnen.

Ein paar nette Details erfährt man dafür bei den Touren. Mit Slideshows aus Bildern, Texten und Videos führt uns der KiezExplorer durch den Reuter-, Schiller-, Richard-, und Körnerkiez. In den Videobeiträgen kommen Kiezköpfe wie Claudia Simon von arm und sexy oder die Foto-Künstler Brian und Beatrice von Almost 191. Allerdings haben wir auch ein paar Fehler entdeckt: Der Körnerkiez sei der südlichste Kiez Neuköllns, und die S-Bahn-Gleise seien die Grenze zum Stadtteil Britz. Hier wird der Ortsteil Nord-Neukölln mit dem Stadtteil Neukölln gleichgesetzt, zu dem außerdem Britz, Buckow, Rudow und die Gropiusstadt gehören. Der KiezExplorer rät außerdem zu einem Besuch in der Pigalle-Bar, die jedoch schon vor Monaten durch die Stitch Bar ersetzt wurde.

Wir empfehlen den KiezExplorer im Moment also nur ganz frisch nach Neukölln Gezogenen. Abstriche gibt es auch durch die Tatsache, dass es die Anwendung nur fürs IPhone und keine anderen Betriebssysteme gibt. Die 1,59 Euro fürs Runterladen kann man verschmerzen, dafür enthält der KiezExplorer keine Werbung. Die App ist wirklich schön und aufwändig gemacht und deshalb ist es wünschenswert, dass noch ein paar richtig gute Geheimtipps dazu kommen. Bis dahin irren wir weiter durch Neukölln, halten die Augen offen für Überraschungen und schauen beim Gehen besser nicht aufs Telefon. Zu groß ist schließlich die Gefahr, in einen Hundehaufen zu treten.

 

4 Kommentare:

  • Burger sagt:

    schön und gut, aber wenn sich diese app etabliert, und das wird sie, gemessen am „iphone-quotienten“ der neu zugezogenen, werden die geheimtipps, sofern sie noch in die app eingepflegt werden, nicht mehr lange solche bleiben. oder laufe ich da richtung trugschluss?

  • but sagt:

    kann schon sein, dass sich das Ding verbreitet. Aber so ist das nun mal mit den Geheimtipps…Früher oder später kennen sie alle und nur noch in Touristenführern wird von einem Geheimtipp gesprochen. Das fordert dann wieder neue Macher heraus etwas noch wirklich geheimes zu machen und so weiter. Ohne dieses System würde es denke ich gar keine Geheimtips geben 🙂 Also alles normal, tief durchatmen und sich freuen dass die Touristen und Zuzügler die Geheimtipbringer für morgen sind 😉

  • J sagt:

    Ach, die Marco Polo und manche andere Fuehrer sind oft so doof das der Brandenburger Tor noch ein Geheimtipp ist.

  • ikke sagt:

    ich denke mal, dass sie sich nicht wirklich verbreiten wird. denn es gibt einfach zu viel andere, die kostenlos sind und mindestens genauso gut sind. ich jedenfalls werde mir den „spass“ keine 1,79€ kosten lassen.

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