von am 25. März 2013

Sie heißen Inge, Ursel und Paula sind genau wie ihre Besitzer inzwischen in die Jahre gekommen. Brigitta Polinna nimmt sich in ihrer Klinik in der Richardstraße den altersbedingten Beschwerden von Puppen an.

In einem großen Glas auf der Ladentheke liegt übereinander gestapelt, was im schlechtesten Fall von einer Puppe übrig bleiben kann: abgerissene Arme und Beine, Köpfe mit einem Sprung in der Wange und ausgebrochene Nasen. Das einäugige Konterfei eines Jungen erweckt einen besonders desolaten Eindruck. Beklemmung macht sich breit: Zerstörte Puppen können eine beunruhigende Wirkung entfalten – vielleicht weil sie menschliche Züge tragen oder einmal das Lieblingsspielzeug eines Kindes gewesen sein mögen.

Die Ur-Neuköllnerin Brigitta Polinna, aufgewachsen im Böhmischen Dorf, ist in dieser Hinsicht schmerzbefreit. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie schon vieles gesehen an mutwilligen und zufälligen Verletzungen, die einem Puppenkörper zugefügt werden können. Fast alles lässt sich in ihrer Klinik behandeln – ein Auge oder eine Perücke sind schnell ersetzt, ebenso wie Arme oder Beine –  sofern die passenden Teile im Lager zu finden sind. Schwieriger wird es bei Bemalungen mit Filzstift. Im schlechtesten Fall lässt sich das Gekritzel nie wieder von einem Körper entfernen. Gleiches gilt bei schweren Blessuren von alten Zelluloidpuppen: Bei klaffenden Löchern hilft nur die Rundumerneuerung. Wenn nun ausgerechnet das Puppengesicht betroffen ist, muss dieses eben komplett ersetzt werden – ein Facelifting über das nicht jeder Besitzer erfreut sein dürfte. „Solche Fälle sind aber eher die Ausnahme“, erzählt Brigitta Polinna. Meistens ließen sich die Schäden so beheben, dass das ursprüngliche Äußere bewahrt bleibe, denn das sei das Entscheidende und auch Knifflige bei ihrem Handwerk: Puppen müssen möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden.

Brigitta Polinna, die Puppendoktorin

Einmal pro Woche – Dienstags zwischen 15 und 18 Uhr – hält Polinna eine Sprechstunde in der Richardstraße ab. Unzählige Puppen sind schon über ihren Ladentisch gewandert. Die Ersatzteile bewahrt sie, nach Körperteilen und Materialien sortiert, in einem Lager hinter dem Laden auf. Zur Puppenreparatur kam sie zufällig: Im Jahr 1981 sollten nach dem Tod eines Doktors in der Böckhstraße das komplette Interieur seiner Klinik, einschließlich des umfangreichen Ersatzteillagers weggeschmissen werden. Brigitta Polinna und eine Freundin beschlossen kurzerhand alles aufzukaufen. Schnell fand sich ein geeigneter Laden im Richardkiez, wo seit 30 Jahren nun Neuköllns einzige Puppenklinik beheimatet ist. Da die Doktorin bis zur Pensionierung in Vollzeit als Sozialpädagogin arbeitete, konnte die Klinik immer nur an einem Nachmittag pro Woche geöffnet sein. Eine Regelung, die sie bis heute beibehalten hat.

Seit 30 Jahren im Richardkiez beheimatet: die Puppenklinik

Auch privat sammelt Polinna Puppen. Wieviele sie inzwischen zusammen getragen hat, will sie nicht preisgeben. Sie verrät aber, dass sie vor allem an männlichen Puppen interessiert ist, „weil die viel seltener produziert wurden und so schöne, ausdrucksstarke Gesichter haben“. Und auch viele Barbies gehören zu ihrer Sammlung. Polinna findet das „furchtbar peinlich“, gerät dann aber doch ein wenig ins Schwärmen, als es um die „BILD-Lilli“ – eine Art Ur-Barbie, die 1955 von der BILD-Zeitung auf den Markt gebracht wurde – geht. Wer sich genauer in ihrem Laden umschaut, wird zwischen den vielen alten Gliedergelenk-, Zelluloid-, Lederbalg- und Kunststoffpuppen dann auch eine verirrte Barbie entdecken. Diese kommt allerdings in Burka eher unkonventionell daher. „Das ist eine Ayatollah-Barbie“, kommentiert Polinna lachend.

Können eine beunruhigende Wirkung entfalten: zerstörte Puppen

Zur Reparatur werden in ihre Klinik aber vor allem alte Puppen, zum Beispiel aus den Manufakturen „Schildkröt“ und „Sasha“, gebracht. Die können bei Ebay Preise von einigen hundert Euro einbringen, haben aber für ihre inzwischen ergrauten Besitzer meist vor allem einen ideellen Wert. „Früher hatte man meist nur diese eine Puppe. Die hat man wertgeschätzt und gehütet“, stellt Polinna fest. Einmal kam beispielsweise eine Frau zu ihr, die ihre Puppe von Hermann Göring geschenkt bekommen hatte: „In der Kriegszeit haben die immer Weihnachtsfeiern für Waiserkinder ausgerichtet und dann ist der dicke Göring mit der Geschenktüte rumgegangen und hat den Jungs Militärspielzeug und den Mädchen Puppen geschenkt“, führt sie weiter aus. Oft würden ihre Kunden auch von Fluchtgeschichten aus Ost-Preußen berichten, bei denen eben nur „die Inge“ mitgenommen werden konnte. Die Verletzungen der Spielzeugpatienten, die bei Brigitta Polinna abgegeben werden, verraten viel über das Leben ihrer Besitzer. Und erzählen gleichzeitig von einer Zeit, in der ein Spielzeug noch kein Wegwerfartikel war und Kinder statt zehn Puppen eben nur die eine hatten.

Fotos: Max Büch

Puppenklinik
Richardstraße 99
12043 Berlin

Sprechzeiten: Dienstags 15 – 18 Uhr
Tel: 030 681 60 83 

 

3 Kommentare:

  • Edith Thumm sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    meine Mutter hat noch alte Puppenteile gefunden Schildkrö t45 und29, und ein Kopf mit 3M,diverse Beine und Arme zum Teil defekt klein und groß,
    Haben Sie Interesse an diesen Teilen und was würden Sie dafür bezahlen,
    mit freundlichen Grüßen thumm

  • edeltraud ulrich sagt:

    ehr geerte Damen und Herren

    ich habe seit 60 jahren Jahren eine Puppe aufbewahrt ( Zellouleut ) zum Teil defekt Klein u. gross! Mit Kleidung !!!!!
    SOLLTEN Sie interesse haben an dieser Puppe bzw.defekten Teilen und was würden SIE mir noch dafür geben ?

    Mit freundlichen Grüssen Edeltraud Ulrich

  • Karolin sagt:

    Liebe Frau Ulrich,
    Vielleicht hat die Puppendoktorin ja Interesse … Die Telefonnumer der Puppenklinik ist die 030 681 60 83. Im Internet stehen folgende Öffnungszeiten: Dienstags von 15:30 bis 18:00. Ich selbst war das letzte Mal im Jahre 2013 dort, weiß also nicht, ob die Nummer und auch die Öffnungszeiten noch aktuell sind. Viel Glück!

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