von am 30. Oktober 2012

Neukölln (und auch Berlin) hat ein parasitäres Problem, und das nennt sich Cameraria ohridella. Eine Krankheit könnte man meinen, doch gefährdet ist nicht etwa der Neuköllner an sich, sondern die 48000 weißblühenden Rosskastanien in der Hauptstadt. Da dicke Wollsocken und viel Vitamin C bei Kastanienbäumen wahrscheinlich wenig Wirkung zeigen, sollten wir diesmal zur Laubharke greifen, um die Bäume vor dem Befall der Miniermotte im nächsten Jahr zu schützen.

Text: Christina Anders

Grau, windig, nass – Berlin im Herbst. Trotzdem spazieren wir gerne, zumindest wenn es nicht gerade regnet, dieser Tage durch die mit laubbedeckten Straßen. Doch seit einigen Jahren, sehen wir nicht erst im September die Blätter von den Bäumen segeln, sondern können den Laubfall manchmal schon in den Sommermonaten beobachten. Schuld an diesem vorzeitigen herbstlichen Phänomen ist die Miniermotte, ein ursprünglich aus dem Balkan stammender Falter, der seit 20 Jahren invasionsartig ganz Deutschland erobert hat. Im Jahre 1998 wurde er auch in Berlin nachgewiesen. Weil die Miniermotte in Mitteleuropa als Neobiot, das heißt als ohne menschlichen Einfluss eingewanderte Art in einem Gebiet wo sie zuvor nicht heimisch war, kaum natürliche Feinde hat, kann sie sich sehr schnell und ungehindert vermehren. Weißblühende Rosskastanien sind hauptsächlich von dem Mottenbefall betroffen. Denn während der Larvenentwicklung ernährt sich die gefräßige Motte von den Kastanienblättern, sodass diese teilweise schon im Sommer eine bräunliche Färbung annehmen und austrocknen.

Die Miniermotte miniert und schädigt so die Kastanienbäume

Die Miniermotte lässt die Bäume nicht absterben, schwächt sie jedoch, indem die Fraßtätigkeit ihrer Larven die Blätter zerstören. Das ist ungesund für die Bäume und der Wert als klimaregulierender und staubbindender Stadtbaum wird vermindert. Die Motte hat sich während ihrer gesamten Entwicklung von der Larve zum ausgewachsenen Falter spezifisch auf die weißblühende Rosskastanie bzw. deren Blätter spezialisiert. Direkt nach dem Schlüpfen der Larven aus den Eiern, die das Weibchen an der Oberseite des Blattes abgelegt hat, bohren sich die Larven in die Blätter ein, indem sie einen 1-2 mm großen Gang anlegen – sie minieren, daher auch der Name Miniermotte. Innerhalb des Blattes werden vier bis fünf Larvenstadien durchlaufen,  währenddessen das feste Blattgewebe verzehrt wird. Durch das Fressen der nimmersatten Larven entstehen die deutlich sichtbaren bräunlich gefärbten Platzminen. Das Blattoberhaupt oberhalb der Minen wird von dem darunterliegenden Blattgewebe und somit auch von der Wasserversorgung abgetrennt und trocknet aus. Bei starkem Befall dörren die Blätter vollständig aus und der Laubfall setzt schon früh vor dem Herbst ein.

Was kann man dagegen tun?

Die Miniermotte hat sich erst im letzten Jahrhundert über große Teile Europas ausgebreitet. Die rasante Vermehrung war zum einen deshalb möglich, weil es keine ,,spezifischen‘‘ natürlichen ,,Gegenspieler‘‘ gibt, die in Konkurrenz um die ökologischen Bedürfnisse mit der Miniermotte stehen.  Ebenso bestehen kaum natürliche Feinde, die einer Verbreitung der invasiven Miniermotte entgegen wirken könnten. Einzig einige Meisenarten scheinen die Motte zu einem Bestandteil ihres Speiseplans gemacht zu haben. Allerdings kann man nicht von einem ausreichend großen dezimierenden Effekt auf die Mottenpopulation sprechen, um dauerhaft und langfristig die Populationsdichte der Motten zu reduzieren: Gerade einmal 0,5 bis 12% Verringerung konnte an den untersuchten Standorten festgestellt werden. Daher versucht man die Kastanien zu schützen, hauptsächlich, indem die überwinternden Larven vor dem Schlüpfen im nächsten Jahr gehindert werden: In der Regel bilden Miniermotten pro Jahr drei Generationen aus. Die letzte schlüpft nicht mehr, sondern überwintert im Puppenstadium für ca. sechs Monate innerhalb der Blätter, auch nach dem Laubfall. Die wirksamste Methode um den Kreislauf zu unterbrechen, besteht also in einer gründlichen Beseitigung des Laubes. Das ist zwar sehr aufwendig, jedoch bislang die wirksamste Methode die Mottenplage einzudämmen. Die anschließende Kompostierung sollte bei über 40°C erfolgen, um die Larven abzutöten.

Es sind keine chemischen Bekämpfungsmaßnahmen gegen die Miniermottenplage erlaubt, nur wenige natürliche Feinde können es mit dem Falter aufnehmen, und Wissenschaftler sind bisher noch nicht erfolgreich gewesen biologische oder biotechnische Methoden zu entwickeln um unsere Kastanien vor dem Schädling zu schützen. Daher liegt die Verantwortung bei uns Bürgern aktiv zu werden, und was ist schon ein bisschen Laubsammeln, wenn man dadurch unsere Haupt-Ressource für herbstliche Basteleien, wie kleine Kastanienmännchen erhalten kann?

 

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