“Wir heben Gräber aus. Die Erde ist etwa 50 cm tief gefroren. Zuerst muss man Eis und Schnee entfernen, dann mit Hammer und eisernem Keil arbeiten.”
Text: Agnes Ludwig
Erst achtzehn Jahre alt war der Verfasser dieses Tagebucheintrags im Januar 1945 – und sogenannter “Ostarbeiter” des einzigen von der Kirche betriebenen Zwangsarbeiterlagers, an das eine Gedenkstätte auf dem Thomas- und dem gegenübergelegenen Jerusalem-Friedhof an der Hermannstraße erinnert. Im April wurde in einem Pavillon auf dem Thomas-Friedhof die dazugehörige Dauerausstellung wiedereröffnet.
In dem kirchlichen Lager lebten ausschließlich Männer und männliche Jugendliche, teils erst 15 Jahre alt. Eingesetzt wurden sie als Zwangsarbeiter auf den Friedhöfen von über vierzig christlichen Gemeinden. Wasyl T. Kudrenko, aus dessen Lagertagebuch das Eingangszitat stammt, war einer von ihnen. Und er ist einer von zehn ehemaligen Zwangsarbeitern, die 60 Jahre nach Kriegsende in der Ukraine und Russland aufgefunden werden konnten. Evangelische Kirchengemeinden hatten sich auf die Suche nach ihnen gemacht, um sie um Vergebung zu bitten.
Die Lebenslinien führen bis in die Gegenwart
Die Biografien und Erinnerungen dieser zehn Männer stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. In ihren Äußerungen spiegelt sich der Alltag als Zwangsarbeiter, ihre Erzählungen handeln von außergewöhnlichen Ereignissen. Und ihre Lebenslinien führen bis in die Gegenwart. Die biographischen Ausstellungstafeln stellen von außen Fragen, die im Inneren des Pavillons vertieft und beantwortet werden. Welche Geisteshaltung herrschte in einer Kirche, die ein solches Zwangslager betrieb? Wie gingen die Verschleppungen vor sich, in welchem Ausmaß geschahen sie? Wie erging es den überlebenden Zwangsarbeitern nach der Befreiung durch die Rote Armee?
Ihre besondere Intensität gewinnen die Schautafeln durch die jugendlichen Gesichter auf den abgebildeten Fotos, die auf der Arbeitskarte neben dem Fingerabdruck als Identifizierung dienten, im Kontrast zu den Erzählungen und Erinnerungen der inzwischen alt gewordenen Menschen.Der Pavillon lädt einzelne und Gruppen, neben der Besichtigung der Ausstellung, zur Beschäftigung mit bereitgestellten Materialien ein. Darunter sind Filme, Tonbandinterviews, Zeitungsartikel, Kopien von Dokumenten aus kirchlichen Archiven und eine kleine Präsenzbibliothek. Besonders beachtenswert ist der Film von Schülern der Evangelischen Schule Neukölln über ihre Begegnung mit dem ehemaligen kirchlichen Zwangsarbeiter W. Miljutin in der Ukraine 2008.
Alltag eines jugendlichen Zwangsarbeiters
Auch Auszüge aus dem oben zitierten Lagertagebuch von W.T. Kudrenko sind dort zu sehen und geben ein außergewöhnliches, berührendes Zeugnis vom bedrückenden Alltag eines jugendlichen Zwangsarbeiters. Dieser erinnert sich in einem 2002 gegebenen Interview: “Schwere Bomben fielen auf den Friedhof und schleuderten die zuvor Begrabenen wieder empor… Es war ein Horror. Wir Ostarbeiter legten sie in die Gräber zurück.” In dem selben Interviews sagt W.T. Kudrenko aber auch, dass er vergeben habe. Nach der Befreiung, als Mitglied der Roten Armee, sah er den Lagerleiter des Thomas-Friedhofs wieder, der ihn damals wegen Kontakt zu einer Deutschen und illegaler Privatarbeit bei der Gestapo angezeigt hatte. Die Gelegenheit zur Rache nutzte er nicht: Vergebung, so Kudrenko, habe ihn seine Mutter gelehrt.
Geöffnet ist diese sehenswerte Ausstellung Mittwochs und Samstags von 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung. Zu den Öffnungszeiten stehen auf Wunsch Ehrenamtliche für Gespräche bereit und führen zu weiteren Orten der Gedenkstätte. Der Eintritt ist frei. Zur Webseite der St.Thomas Gemeinde Berlin
Kontakt: gerlind.lachenicht [ät] landeskirchenarchiv-berlin.de
Der Text wurde erstellt mit Material aus der Broschüre “Geschichte erforschen – Menschen finden. Erinnerungsorte gestalten. Gedenkstätte für NS-Zwangsarbeiter des kirchlichen Friedhoflagers Berlin-Neukölln”, herausgegeben im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft NS-Zwangsarbeit Berliner Kirchengemeinden.
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