von am 25. April 2013

Familie Lewin im Garten„’Wie heißt du denn?’ – ‚Lewin’ – ‚Ach, ist dein Vater Jude?’ – ‚Nee, Stockarbeiter’.“ Lewins Geschichte steht am Anfang einer neuen Porträt-Serie auf neukoellner.net.

Unsere Autorin Dorothea Kolland, 30 lange Jahre Kulturamtsleiterin und Vorkämpferin für die Kultur in Neukölln, erinnert in der Reihe „(Zerstörte) Vielfalt in Neukölln“ an Menschen, die von den Nazis umgebracht oder vertrieben wurden. An Helene Nathan, die Namensgeberin der Neuköllner Stadtbibliothek, oder an Rosebery d’Arguto, einen experimentellen Komponisten, der später Arbeiterchorleiter in Auschwitz war.

„Zerstörte Vielfalt“ heißt auch das diesjährige Berliner Themenjahr, Dorothea Kolland sieht das Gedenken allerdings als steten Begleiter des Denkens weit über das Einjahresmotto hinaus.

Die Serie beschäftigt sich zudem mit der Gegenwart. Hier werden auch Neuköllner vorgestellt, die für die Potenziale der Verschiedenheit und Vielfalt im Bezirk stehen. „Lebende Argumente gegen Heinz Buschkowsky“, nennt sie Dorothea Kolland selbst. Ein bewusster Blick zurück, und ein hoffnungsfroher nach vorn.

 

„(Zerstörte) Vielfalt in Neukölln“ 1: Arthur Lewin

„Ist dein Vater Jude? Nee, Stockarbeiter“

Als Arthur Lewins kleine Tochter Fridl eine Besorgung bei einem Schumacher in der Boddinstraße machen musste, fragte dieser:

„’Wie heißt du denn?’ – ‚Lewin’ – ‚Ach, ist dein Vater Jude?’ – ‚Nee, Stockarbeiter’ Ich war so erstaunt, dass ich zu Hause fragte, wie das sei. Da erfuhr ich überhaupt erst, dass mein Vater aus einer jüdischen Familie stammt.“

Diese Haltung teilte Arthur Lewin mit den meisten Neuköllner Arbeitern und linkspolitisch Engagierten: Religion war Sache der anderen, Besitzenden. Den Glaubensgemeinschaften wehte ein rauer Wind ins Gesicht.
Fridl wusste aber genau, dass ihr Vater – wie ihre Mutter – in der SPD war, und natürlich auch in der Gewerkschaft. Sie selbst war Ergebnis von „Parteiarbeit“:

Es „sollte wieder einmal eine Versammlung im Treptower Park stattfinden, die von der Polizei verboten wurde. Daraufhin wurde die Kundgebung kurzfristig in die Innenstadt verlegt. Um die Polizei irrezuführen und sie nicht auf die Idee kommen zu lassen, dass sie sich in Berlin umsieht, wurden diejenigen Parteiabteilungen, die in der Umgebung des Treptower Parkes lagen, beauftragt, im Treptower Park spazieren zu gehen, als ob dort bald eine Kundgebung stattfände. Und wenn die Polizei auf ihren Pferden angeritten kommt, sollten die Genossen Gaststätten, Restaurants und Kneipen, von denen es ja genug gab, aufsuchen und dort Verlobungsfeiern, Hochzeitsfeiern, Geburtstagsfeiern und sonstiges durchführen, um die Polizei irrezuführen.“

Partei als Heiratskupplerin

„Sowohl mein Vater als auch meine Mutter waren – jeder für sich – zum Treptower Park gegangen, jeder für sich auch in die Kneipe Heidelberger Straße Ecke Elsenstraße. Sie kamen beide zur gleichen Zeit durch die Tür und alles rief: ’Da kommt ja unser Verlobungspaar!’ Meine Mutter erzählte, dass das Bier schon auf dem Klavier stand, dann wurde angestoßen, es war wohl eine recht fröhliche Runde. Und dann meinte mein Vater, ein bisschen Höflichkeit muss sein, auch unter Genossen. Und so fragte er die Genossin, ob er sie nach Hause bringen dürfe. Meine Mutter sagte ja, sie fand ihn auch ganz nett. Meine Mutter war eine hübsche Frau, klein, aber sie hatte ein hübsches Gesicht, trotz ihrer rachitischen O-Beine, wie das früher üblich war. Dann gingen sie und standen vor der Haustür und wunderten sich, dass sie im gleichen Haus wohnten. Meine Mutter bei ihrer Familie und mein Vater als Schlafbursche. Die einzige, die mein Vater schon kannte, war meine jüngste Tante, die war damals ein Mädchen von zwölf Jahren, immer freundlich, sie knickste vor meinem Vater, wenn sie ihn auf der Treppe traf. Meine Eltern heirateten. Neun Monate später war ich dann auf der Welt.“

Arthur Lewin organisierte sich im Holzarbeiterverband, war aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus- und in die SPD eingetreten – wenn auch die Mutter lieber zur KPD wollte –, und besetzte mit dem Neuköllner Arbeiter- und Soldatenrat 1918 das Rathaus. Zudem war Lewin Mitglied der Wohlfahrtskommission des Bezirks, er wohnte mit seiner Familie zunächst in der Reuter-, später in der Weserstraße. Natürlich schickte er seine Kinder in die neuen weltlichen Schulen Neuköllns, er war oft arbeitslos oder hatte Kurzarbeit.

1931 bot sich der Familie die Möglichkeit, am Stadtrand in Rudow ein Siedlungshaus zu bauen, der Magistrat unterstützte nicht nur mit der Grundstücksgabe, sondern auch mit Baumaterialien: Eine der legendären, heute noch genutzten und sehr idyllisch gewordenen Stadtrandsiedlungen aus dem „Kleinsiedlungsprogramm für Erwerbslose“ entstand. Sie wurde von den Nutzern selbst gebaut; das Land war in Pacht, das Haus wurde ihr Eigentum.

„Wir hatten Kohl, eigentlich alles im Garten. Von der Mittenwalder Eisenbahn haben wir noch ein paar Quadratmeter dazubekommen, da durften wir Kartoffeln und Rüben pflanzen. Wir haben das so bebaut, dass wir unseren Lebensunterhalt damit bestreiten konnten. Wir hatten Hühner, ich bin dann losgefahren und habe die Eier verkauft, für zehn Pfennige. Damit haben wir wieder das Futter reinbekommen. Erdbeeren hatten wir, die Hälfte haben wir verkauft, dafür Zucker gekauft, damit wir die andere Hälfte einmachen oder Marmelade kochen konnten. Wenn die Kartoffeln nicht reichten, dann sind wir raus auf die Felder gefahren und haben gestoppelt.“

Ab 1933 wurden die bisherigen Auswahlkriterien für Siedler geändert und eine „Nachprüfung“ der bisherigen Pächter eingeleitet. Als Siedler kamen nun „nur tüchtige und in der nationalsozialistischen Weltanschauung wurzelnde Menschen“ in Frage, die für den „Siedler-Eignungsschein (…) ein politisches Führungszeugnis, einen Auszug aus dem Strafregister, eine Begutachtung des Verhältnisses im Betrieb (…) und schließlich auch ein ärztliches Zeugnis über die Erbgesundheit“ beibringen mussten, denn „nur wer diesen Schein besitzt“, konnte Siedler sein.

… ganz besondere Anforderungen…

Arthur Lewin war zwar aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgetreten, seine Kindern wussten nichts von seiner einstigen Religion. Für die Nazis galt dies aber nichts, mit den Nürnberger Gesetzen war er wieder zum Juden gemacht worden. Damit war seine „Siedlereignung“ und sein Recht auf das von ihm erbaute Haus verloren. 1937 erhielt die Familie die Räumungsklage, 1938 musste sie ausziehen – durchaus nicht heimlich still und leise, sondern begleitet von der „Neuköllnischen Zeitung“: „(Der) Siedlungsgedanke (ist) unvereinbar mit Judengemeinschaft. An alle Siedler müssen in rassischer und weltanschaulicher Beziehung ganz besondere Anforderungen gestellt werden“.

Familie Lewin musste Haus und Pachtland einem Parteigenossen der NSDAP überlassen, „das war auch der erste Nazi, der hier auf der Siedlung einen Erbbau-Heimstättenvertrag bekam“.

Der weitere Weg Arthur Lewins ist schnell erzählt: Die Familie wurde getrennt, man kam mal da mal dort unter. Arthur, ein wenig geschützt vor dem unmittelbaren Vernichtungszugriff durch seine „privilegierte Mischehe“ mit einer nicht-jüdischen Frau, wurde zu Zwangsarbeit nach Eberswalde zum Straßenbau eingezogen. Er trat wieder in die Jüdische Gemeinde ein, in der vergeblichen Hoffnung, dort Hilfe zu erfahren. Aufgrund eines angeblichen Tabakdiebstahls – seine Kinder hatten ihm ihre Marken zukommen lassen – wurde er verhaftet und kam in das KZ-Außenlager in der Wuhlheide. 1943 starb er im Jüdischen Krankenhaus an Lungenentzündung. Er ist auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee begraben. Nach 1945 musste die Familie acht Jahre kämpfen, bis sie wieder in ihr Haus einziehen konnte.

Quelle:
Ramm, Harald B.: Wohnen muss man. (S. 438-449) und „Ist dein Vater Jude?“ -„Nee, Stockarbeiter“. Aus einem Gespräch mit Fridl Hensel-Lewin (S. 112-116). Beides in: Zehn Brüder waren wir gewesen. Spuren Jüdischen Lebens in Neukölln. Hrg. Dorothea Kolland. Berlin (2012), Hentrich & Hentrich.
Die kursiv gekennzeichneten Stellen stammen aus dem Interview mit der Tochter Fridl Hensel-Lewin.

Alle Fotos: Museum Neukölln

 

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