von am 9. November 2013
© Museum Neukölln

© Museum Neukölln

In der Reichspogromnacht 1938, die sich heute zum 75. Male jährt, plünderten die Nazi-Trupps jüdische Geschäfte und Wohnungen, zerstörten die Synagoge, verhafteten, mordeten. Es blieben Fetzen der Erinnerung.

Die Pogrome des Novembers 1938 sind der bis dahin größte Ausbruch judenfeindlicher Gewalt im Nationalsozialismus. Vom 7. bis 13. November 1938 wurden etwa 400 Menschen ermordet, 1.400 Synagogen, tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Die Pogrome markieren den Übergang zur systematischen Verfolgung der Juden, das Vorspiel zum Holocaust.

Im Neuköllner Alltag ist jüdisches Leben heute unsichtbar. Lediglich Spuren vergangener Zeiten, wie die Stolpersteine hier und da, Namen wie Helene-Nathan-Bibliothek deuten auf ein jüdisches Leben in Neukölln, das von den Nazis ausgelöscht wurde. Noch in den zwanziger Jahren waren knapp 3.000 Menschen jüdischen Glaubens als Neuköllner erfasst, bis in die dreißiger Jahre wurden es, so schätzt man, mehr. Es gab eine Synagoge, wo heute ein gelbes Wohnhaus steht, es gab jüdische Geschäfte in dem Arbeiterbezirk Neukölln.

Jemand erinnert sich an den 9. und 10. November 1938:

„Ich bin am Rathaus  aus der U-Bahn ausgestiegen. Wir wohnten in der Anzengruberstraße 27, und ich wollte nach Hause. An der Ecke Erkstraße war ein Zigarettenladen, der ist heute noch dort. Ein Stück weiter war der Zigarettenladen, in dem mein Vater immer einkaufen ging. Daneben gab es ein Fischgeschäft, das auch Räucherwaren verkaufte. Dort war ein großes Gedränge, und ich hörte Schreien. Ich konnte sehen, wie SA-Leute drinnen und draußen herumliefen. Im Laden stand der Inhaber. Er war Jude, und ich weiß noch, wie er aussah. Sie mußten ihn schon geschlagen haben, er war blutig im Gesicht, und alles war kaputtgeschlagen, Alles, die ganze Ladeneinrichtung. Vor der Tür standen viele Leute, die zugesehen haben. Ich bin dann so schnell wie möglich nach Hause gelaufen, um nachzusehen, ob meinen Eltern was passiert war. Zum Glück fand ich sie unversehrt in ihrer Wohnung vor.“ (Rolf Opprower)

Die Neuköllner Synagoge vor ihrer Zerstörung. © Museum Neukölln

Die Neuköllner Synagoge vor ihrer Zerstörung. © Museum Neukölln

Der Rabbiner Kanterowsky hingegen fuhr in dieser Nacht wie so viele stundenlang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln umher, um nicht verhaftet zu werden. Seine Synagoge stand in der Isarstraße 8. Schließlich schlief er bei seiner Schwester in Charlottenburg, am nächsten Tag kehrte er zurück in die Geygerstraße 17. Die Gestapo hatte das Haus die ganze Zeit beobachtet. Am 11. November wurde Kanterowsky in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, in den Block 39. Er blieb dort bis Ende Dezember.

„Als er Sachsenhausen verließ, sagten sie ihm: „versuchen sie nicht, etwas zu unternehmen, schlecht über uns zu reden oder dergleichen – der deutsche Arm reicht weit“. Ich werde seine Rückkehr nie vergessen: ein gebrochener, kahl geschorener Mann, der mühsam die Treppen heraufkam und dessen Kleidung so stank, dass man nicht daneben stehen konnte.“ (Eva Angress, Kanterowskys Tochter)

Was soll ich in Shanghai?

In Sachsenhausen erfror sein linkes Bein und die linke Hand. Die Familie hatte die Tickets bei der Rückkehr des Rabbiners schon  gekauft, die Flucht nach Shanghai war organisiert. Kanterowsky entschied sich um: „Shanghai? Was soll ich in Shanghai? Was gibt es in Shanghai?“, erinnert die Tochter seine Worte. „Und wissen sie, was er tat? Er gab die Schiffskarten zurück!“.

Nachdem der Sohn verschleppt wurde, flieht er dann doch. Kanterowsky starb am 30. August 1972 in den USA.

Das Neuköllner Gedenkbuch verrät die Namen der Neuköllner Juden, ihr Geburtsjahr, ihre Herkunft, den Wohnort – und ihre Todesumstände. Es listet, alphabetisch sortiert, die jüdischen Bürger Neuköllns auf, die bis in die dreißiger Jahre hier lebten. Das Scrollen, es dauert lange, die Liste endet auf Seite 91.

Zwirn, Ruth geb. Heymann, geb. am 24.06.1915 in Neukölln
Innstr. 37;
31. Transport vom 01.03.1943, Auschwitz; Todesort Auschwitz, verschollen

Darüber , unten auf Seite 90, steht nochmal der Name Zwirn. Martha, Ruth und Hermann und Arthur Zwirn starben in Auschwitz, sie lebten in der Innstraße und in der Bergstraße, die heute Karl-Marx-Straße heißt, „verschollen“ steht bei allen vier Zwirns.

Gedenkveranstaltung. Am heutigen Samstag veranstaltet das Museum Neukölln zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht einen Stolperstein-Spaziergang entlang der Karl-Marx-Straße. Los geht’s um 15 Uhr am Haupteingang des Rathaus Neukölln.

Quelle/Nachzulesen bei: Dorothea Kolland (Hrsg.): „Zehn Brüder waren wir gewesen…“ Spuren jüdischen Lebens in Neukölln. Die Rezension zum Buch gibt es hier. In der Reihe „(Zerstörte) Vielfalt in Neukölln“ stellt Dorothea Kolland jüdische Personlichkeiten und ihre Geschichten vor.

 

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