von am 21. September 2017

Stolpersteine vor der Karl-Marx-Straße 76 – Foto: Carolin Schmidt

Wie kann lebendiges Erinnern außerhalb von Museen und Gedenkstätten aussehen? Oder braucht es dafür ausgewählte Orte? Ein Stolperstein-Spaziergang durch Neukölln wird zum Selbstversuch.

Von Carolin Schmidt

Es ist Samstag um halb zehn und schon längst herrscht auf der Karl-Marx-Straße ein buntes, geschäftiges Treiben. Aufgemacht habe ich mich hierher, um an der Ecke dieser Straße, vor der Hausnummer 76 einen thematischen Spaziergang zu beginnen. Führen lassen will ich mich von dem Buch „Stolpersteine in Berlin“ der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin und Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V., das mir diesen Kiezspaziergang in Neukölln als einen unter vielen anbietet.

Heute will ich damit alle im Kiez verlegten Stolpersteine besuchen und mir ins Bewusstsein rufen, dass jeder dieser Orte an das Schicksal von Menschen erinnert, die in der nationalsozialistischen Diktatur verfolgt wurden. Ich selbst möchte damit versuchen, dem, was in der Politik und der Geschichte „lebendiges Erinnern“ genannt wird, einmal selbst nachzugehen. Denn für mich bedeutet „lebendiges Erinnern“, sich aktiv und selbstgestaltend mit einem erinnerungswürdigen Thema auseinanderzusetzen.

Von illegaler Aktionskunst zur Erinnerungskultur

Die erste Stolperstein-Station führt mich zu den Gedenksteinen der Familie Lewin und Löwenthal. Anstatt vor einem Wohnhaus, stehe ich vor dem Eingang einer Bankfiliale und mitten im Weg. Dass hier überhaupt ein Stolperstein liegt, ist eng mit Künstler Gunter Demnig verbunden. Dieser hat in Berlin im Jahr 1996 seinen ersten Gedenkstein gesetzt. Diese Steine sind zu Demnigs Lebenswerk geworden und sind nicht nur in zahlreichen deutschen Städten zu finden, sondern verteilen sich inzwischen in ganz Europa. Was als illegale Aktionskunst begann, ist nun mit über 61.000 gesetzten Gedenksteinen ein fester Bestandteil der europäischen Erinnerungskultur.

Im Jahr 2006 wurden die Betonsteine mit metallenen Haupt als Marke offiziell patentiert. Um die Schrift auf den goldfarbigen Messingplättchen der Betonsteine im Bürgersteig zu lesen, beugt man sich vor und schaut auf die Steine im Gehweg hinab. Allein der Akt der Betrachtung und dessen Interpretation führt in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu Diskussionen. „Das sei kein Gedenken auf Augenhöhe“, heißt es noch heute von kritischen Stimmen, die öffentliches Gedenken in dieser Form ablehnen. Gunter Deming antwortet darauf, dass es ihm jedoch darum geht, den Opfern ihren Namen zurückzugeben. So sind in die Messingplatte der Steine nicht nur die Namen und die Lebensdaten eingearbeitet, sondern auch wie und wo die Opfer ermordet wurden. Mit Blick auf mein Buch, sehe ich, dass im Areal zwischen dem U-Bahnhof Rathaus Neukölln und dem Karl-Marx-Platz fast 20 Personen auf diese Weise aus ihrer Anonymität befreit worden sind.

Schwieriges Erinnern im Stadtraum

Zurück zum heutigen Bankgebäude und den Stolpersteinen zu meinen Füßen. Ein Transporter parkt keinen Meter von den Gedenksteinen querfeldein auf dem Bürgersteig. Die Menschen huschen eilenden Schrittes in die Bank oder aus ihr heraus und drängen sich an mir und dem großen Wagen vorbei. Ich bemerke, dass ein ruhiges Gedenken, wie man es aus Erinnerungsstätten kennt, hier nicht Alltag ist. Ich weiche an die Ecke der Straße aus und lese über den türkisch-stämmigen Konfektionsbesitzer Jacob Löwenthal, seine Frau Frieda und das Ehepaar Lewin, dass bei ihnen zur Untermiete wohnte. Bis 1942 waren alle vier nach Riga beziehungsweise Minsk verschleppt und ermordet worden. Ein Satz, der sich trocken liest – und sich auch nicht anders anfühlt.

Stolpersteine erinnern an die Ermordung der Familie Jacobowitz – Foto: Carolin Schmidt

Die nächste Station ist keine fünf Gehminuten entfernt. Ruhig gelegen in der Anzengruberstraße 10 sind 2012 gleich fünf Steine verlegt worden. Auf allen Steinen steht der gleiche Nachname und Todesort und so verstehe ich auf einen Blick, dass das Familienglück der Jacobowitz in Auschwitz sein Ende fand. Das Buch verweist auf die ehemalige Wohnung im zweiten Obergeschoss links, die von ihnen bewohnt wurde. Ob der begrünte Balkon dazugehört und die jetzigen Besitzer um die Vergangenheit der ehemaligen Mieter wissen? Vielleicht wohnt jetzt auch wieder ein kleines Mädchen dort, so wie Eveline Jacobowitz, die als Sechsjährige mit ihrer Familie deportiert wurde.

Mein Blick wandert noch einmal an der Fassade entlang, an den fremden Klingelschildern vorbei und fällt auf die Karte im Buch mit den nächsten Stationen. Ich laufe noch über die Innstraße bis zur Ganghoferstraße weiter und durch die Opernpassage. Danach bis zum Richardplatz, von dem es dann weiter Richtung Karl-Marx-Straße geht und lese immer wieder von ähnlichen Schicksalen. Der Name Olga Benario sticht hervor. In „Stolpersteine in Berlin“ wird berichtet, dass sie in einem selbstorganisierten Überfall auf das Moabiter Polizeigefängnis im Jahr 1928 ihren Mann befreite. Ihr bewegtes Leben als Widerständlerin wird reich geschildert, es weicht von den üblichen Beschreibungen der Einzelschicksale ab, doch auch ihr Leben endet mit ihrer Ermordung. Auch ein Portraitfoto ist abgedruckt und gibt ihr und ihrer Geschichte ein eigenes Gesicht.

Ist das Erinnerungs-Tourismus?

Trotz der ganzen Schicksale, über die ich im Laufe des Tages gelesen habe, beginne ich an der Angemessenheit meines Ansatzes zu zweifeln. Bislang lief ich die Stationen ab, las die dazugehörigen Texte und verdaute die gegebenen Informationen. Im Gesamtzusammenhang erscheint mir dieses nüchterne Vorgehen fast merkwürdig touristisch.

Was vom Vormittag bleibt, ist die Frage, ob das nun lebendiges Erinnern gewesen sein soll, von dem die Politik und die Geschichtswissenschaft so oft sprechen. Der Sinn der Stolpersteine, wie deren Erfinder Gunter Demnig betont, liegt darin, die nationalsozialistischen Spuren im Alltag sichtbar werden zu lassen und den Opfern ihren Namen zurückzugeben. Das tun sie, aber er sagt auch, dass die eigentliche Erinnerungsarbeit bis zum Verlegen der Stolpersteine passiert. Genau dann, wenn Hausbesitzer, Nachbarn, Schüler und Schülerinnen selbst aktiv werden und in eigener Recherche dem Leben und Schicksal eines dieser Menschen nachspüren.

Gedenkstätten statt Stolpersteine

Für mich persönlich war es an diesem Nachmittag kein lebendiges Erinnern. Denn was habe ich mitgenommen? Noch mehr Namen, die die unvorstellbare Masse an Schicksalen verdeutlichen und Ortsbeschriftungen wie u. a. Auschwitz und Ravensbrück, die ich schon längst mit Gedenkstätten assoziiere?

Das nächste Mal werde ich nicht entlang einer vorgegebenen Route von Stein zu Stein „stolpern“, sondern bewusst über die Schwelle eines musealen Gedenkortes treten. Ich benötige nicht nur besser detailliertere Informationen, die mir ein historisches Verständnis und eine gewisse Verbundenheit ermöglichen, sondern einen Ort, mit dem ich arbeiten kann und der mir die nötige Ruhe vor dem Alltag gewährt.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit Studierenden des Masterstudiengangs Public History an der FU Berlin, neukoellner.net und dem Museum Neukölln entstanden.

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Ein Kommentar:

  • dfm sagt:

    Ich glaube, hier wird den Stolpersteinen mit einer völlig falschen Erwartungshaltung begegnet.
    Sie sind für mich jedenfalls gerade nicht zum pflichtschuldigen Abklappern da, sondern um zufällig über sie – zu stolpern.
    Wenn man über einen Friedhof spaziert, bleibt der Blick manchmal an einem Namen hängen, der auf einem der Grabsteine steht. Vielleicht interessiert einen auch irgendwas an dem Geburts- und Sterbedatum. Und schon beginnt man sich ein Leben vorzustellen.
    So funktionieren auch die Stolpersteine. Nur dass lakonisch die Ermordung aufgeführt ist und der Stein unmittelbar vor dem Wohnort der Ermordeten liegt.
    Und die Botschaft ist stark: Diese Menschen wurden aus der Mitte der Gesellschaft einfach abgeholt. Vor aller Augen. So wäre es auch, sollte so etwas jemals wieder geschehen. Der Nachbar wird verhaftet – und alle schauen weg.

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