von am 7. März 2017
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Aufmarsch der Sozialistischen Arbeiterjugend am Richardplatz Ende der 1920er Jahre. (Foto: Museum Neukölln)

Als die Richardsburg, ein sozialistisches Wirtshaus, 1931 von der SA eingenommen wurde, widersetzten sich die Anwohner monatelang. Einer bezahlte diesen Konflikt mit dem Leben.

Fotos: Museum Neukölln

„Berlin ist rot! Berlin bleibt rot!“ So skandierte die „Rote Fahne“, Zeitung der KPD, im Jahre 1929.

Wenn Berlin lange als „rote“ Stadt gesehen wurde, galt das für Neukölln erst recht. Einer der frühen NSDAP-Funktionäre, Reinhold Muchow, sprach gar vom „rötesten Arbeiterbezirk“ Berlins. Sozialdemokraten und Kommunisten führten hier Dutzende Parteibüros und Lokale. Noch 1933, als Hitler bereits Reichskanzler war, stimmten die Neuköllner mehrheitlich links. Es ist nicht überraschend, dass die SA, die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, hier kein allzu leichtes Spiel hatte, deren Ideologie zu verbreiten.

Wirtshaus einer düsteren Mietskaserne

Bezeichnend dafür sind die Geschehnisse um ein Lokal, das sich an der Stelle des heutigen Comenius-Gartens befand: die Richardsburg. Die Gaststätte lag im Vorderhaus einer düsteren Mietskaserne, der größten Neuköllns, in der 500 Menschen in 144 Wohnungen lebten. Drangvolle Enge und soziales Elend bestimmten den Lebensalltag der Bewohner, sanitäre Anlagen waren nur spärlich vorhanden. Der Wohnhauskomplex hatte den Ruf, ein „Kommunequartier“ zu sein; viele Bewohner gehörten sozialistischen Gruppen an und die Richardsburg diente ihnen als Treffpunkt. Undenkbar, dass sich hierhin ein SA-Mann verirrte!

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Richardstraße 35, Eingang zur Richardsburg.

Bald geriet der Wirt des Lokals allerdings in finanzielle Schwierigkeiten, konnten seine Gäste doch infolge von Arbeitslosigkeit die Rechnungen oft nicht mehr bezahlen. Die örtliche SA witterte ihre Chance, einen Fuß in die Tür der „roten“ Hochburg zu bekommen und erklärte die Richardsburg kurzerhand zum neuen Sturmlokal. Konspirative SA-Treffpunkte dieser Art gab es in Neukölln bislang nur weit entfernt von den Versammlungsorten der Kommunisten, aus Angst, von ihnen attackiert zu werden.

Die SA nistet sich ein

Nachdem der Handel mit dem Wirt abgeschlossen worden war – die SA-Männer versprachen, stets für einen Mindestabsatz an Bier zu sorgen -, änderte sich die Szenerie in der Richardsburg ab Januar 1931 grundlegend. Nun nahmen hier SA-Männer ihr tägliches Mittagessen ein, während die ehemaligen Stammgäste ausblieben. Schon bald klagten die Anwohner über ständige Provokationen der Nationalsozialisten; sie fühlten sich von ihnen bedroht und gedemütigt, etwa durch das Urinieren im Hauseingang, rüpelhafte Drohgebärden und so weiter.

Als sie es nicht mehr aushielten, schlossen sich Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilose zusammen, eine Hausschutzstaffel wurde ins Leben gerufen, es gab täglich Demonstrationen vor dem Lokal. Nachdem die Bewohner ihre Miete hartnäckig verweigert hatten, drohte der Hausverwalter ihnen mit dem Rauswurf.

Gewalttätige Ausschreitungen

Schließlich eskalierten die Auseinandersetzungen um die Richardsburg – auf einer Versammlung fielen Schüsse. Dabei wurde der Wirt tödlich verletzt. Die Polizei schritt daraufhin ein, verhaftete über 30 Personen und vereitelte zunächst weitere Mietertreffen.

Dennoch musste sich die SA bald aus der Richardsburg zurückziehen; im Januar 1932 wurde infolge gewalttätiger Ausschreitungen eine Reihe von sogenannten Sturmlokalen verboten. Der Versuch, einen Versammlungsort auf proletarischem Terrain zu schaffen, war in Neukölln vorerst gescheitert.

Die Zeitreise ist erstmals am 26. April 2016 auf neukoellner.net erschienen. Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

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