Das Sommerbad Neukölln in den 50ern

Dem Marshallplan verdanken wir das Freibad am Columbiadamm. Traurige Berühmtheit erlangte es allerdings durch eine Massenschlägerei im Sommer 2010 – und dank einer investigativen Spiegel-Reportage.

“Familienclans geraten aneinander – Neuköllner Freibad geräumt”: Überschriften wie diese waren vor genau zwei Jahren in der Lokalpresse und zahlreichen Online-Medien zu lesen. Auslöser sei eine Meinungsverschiedenheit zwischen “konkurrierenden Familienclans mit Migrationshintergrund” gewesen, die in einer Massenschlägerei ausartete. Die Aufsicht des Bades ist zwar tägliche Reibereien gewohnt, doch 60 prügelnde Jugendliche überforderten auch die hartgesottenen Bademeister vom Columbiadamm. Die Polizei rückte an, das Bad wurde geräumt. Neukölln hat seinem Ruf wieder einmal alle Ehre gemacht.

Ein Jahr zuvor begleitete Spiegel Online die Neuköllner Bademeister bei ihrem täglichen Einsatz am Beckenrand. Die Reportage zeigt Verhältnisse, bei denen man nur den Kopf schütteln kann.

Die Tatsache, dass es sich bei den unzivilisierten Badegästen offensichtlich um Migranten aus arabischen Ländern handelt, spielte wiederum dem antiislamischen Blog Politically Incorrect in die Karten. Schön populistisch das Fazit des PI-Artikels:

“Es bleibt festzustellen, dass es auch einige „südländische“ Mädchen gibt, die augenscheinlich nicht vom Ehrenmord bedroht sind – sonst würden die nicht entsprechende Einblicke erlauben.”
PI News am 14.09.2009

Im Video sind nur wenige unverschleierte Frauen zu sehen, was der Autor Thomas V. als Hinweis darauf wertet, dass in Neukölln noch nicht alles verloren ist. Strengreligiöse Muslimas meiden angeblich so einen gottlosen Ort wie das Schwimmbad. Testweise hätten sie es ja mal im Burkini probieren können, aber die Mischung aus Burka und Badeanzug setzte sich nicht durch. Der Tagesspiegel resümierte 2010, ein Jahr nach der Burkini-Freigabe, ein ernüchterndes Ergebnis des Experiments.

“Nach Angaben von Badleiter Jens Rudolf haben etwa 80 Prozent der Besucher Migrationshintergrund, viele der Frauen wollten „teilweise mit mehreren Kleidern übereinander ins Wasser, komplett vermummt und verhüllt“, sagt er. An heißen Tagen hätten die Mitarbeiter alle Hände voll zu tun, die Badeordnung durchzusetzen. Burkinis sind auch hier noch nicht zu sehen, was Badleiter Rudolf ganz recht ist. Er habe grundsätzlich nichts gegen den Polyesteranzug, dieser entspräche den Hygienevorschriften und sauge sich nicht voll. Aber wie solle man im Fall einer bäderweiten Burkini-Erlaubnis auf einen Blick unterscheiden können, wer Burkini trage und wer Baumwolle? „Wir können das nicht einzeln überprüfen, schon gar nicht zu Hoch-Zeiten.“ Ohne den Burkini kann sich Jens Rudolf sicher sein: Wer lange Kleidung trägt, muss raus aus dem Wasser.”
Tagesspiegel am 19.07.2010

Abgesehen von diesen Zeitdokumenten wissen wir wenig über die Geschichte des Sommerbads Neukölln. In den Nachkriegsjahren war der Bau des Freibads eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die im Rahmen des Marshallplans durch die Amerikaner finanziert wurde. 1951 eröffnet, sollte das kühle Nass ein wenig Abwechslung in der Alltag der kriegsgebeutelten Deutschen bringen. Doch zunächst glich das Schwimmbad einer Betonwüste in einer baumlosen Umgebung, aber immerhin mit 10-Meter-Sprungbrett. Die direkte Nachbarschaft zum Flughafen dürfte jedoch jedes Gefühl von Entspannung im Keim erstickt haben. Da haben wir es heute deutlich besser. Wenn nicht gerade wieder ein Polizeieinsatz oder Spiegel Online-Dreh den Badespaß stört.

 

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