von am 18. August 2014
Foto: Hermann Simon. Aus: Marie Jalowicz Simon, "Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 - 1945", S. Fischer Verlag

Die gefälschte Kennkarte, mit der Marie Simon als Johanna Koch unterwegs war, Foto: Hermann Simon

Wie überlebt eine untergetauchte junge Jüdin im Berlin der NS-Zeit? Ein Buch über das Leben von Marie Jalowicz Simon versucht das schier Unmögliche zu erklären.

Natürlich ist es immer wieder wichtig über Schicksale aus der Zeit des Nationalsozialismus zu lesen. Zu erfahren, wie man in dieser Zeit lebte, ohne dem NS-Ungeist zu verfallen oder sich gar zu widersetzen. Und dennoch: Gerade wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat, immerzu aufs Neue zum Nicht-Vergessen beizutragen, überkommt einen bei manchem Buch, bei manchem Film das Gefühl, das doch alles zu kennen und zu wissen. Und der Heldenverehrung müde zu sein. Denen, die dieses Gefühl, das man ja eigentlich nicht zugibt, kennen – und nicht nur denen – sei dringend ein neues Buch empfohlen, das eine sehr andere Perspektive einnimmt: die Perspektive eines neugierigen, lebenslustigen, unbedingt leben wollenden, jungen Berliner Mädchens, aus „gutem“ jüdischen Elternhaus stammend.

Das Leben der Marie Jalowicz Simon

Marie Jalowicz Simon wagte sich um des Lebens willen durch Höhen und Tiefen der Berliner Gesellschaft, durch ihre Tabu- und Moralzonen und schaffte es zu überleben. Dank eines unglaublichen Netzes von Menschen, die mit dem mörderischen Gedankengut der Nazis nicht einverstanden waren – aus sehr unterschiedlichen Gründen. Ein Netz, das sich auch durch Neukölln zog, nicht sichtbar, aber spürbar und lebensrettend.

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Das Haus der Sonnenallee 13, wie es heute aussieht

Der Neuköllner Ankerpunkt dieses Netzes war der Frauenarzt Benno Heller. Seine Praxis befand sich in der Sonnenallee 13 (damals Braunauer Straße), wo heute eine Gedenktafel an ihn und seine Frau erinnert. Sie schufen durch ein – nicht ganz freiwilliges – Netz seiner Patientinnen ein „Höhlensystem“ zeitweiser Unterkünfte für Jüdinnen, die auf der Deportationsliste ins KZ standen. Als „Cousine aus dem Osten“ oder „zeitweise Haushaltshilfe“ waren sie auf gewisse Zeit in der Nachbarschaft auch akzeptiert. In diesem Netz, das durchaus auch als Fessel funktionierte, überlebte zeitweise auch Marie Jalowicz Simon.

Geld, Sex, Verrat und Engstirnigkeit

Das junge Mädchen (und später Professorin für antike Literaturgeschichte an der Humboldt-Universität), das erst als alte Frau ihre Überlebensgeschichte ihrem Sohn erzählte, der heute Leiter des Zentrums Judaicum ist. Durch ihn – noch unter Decknamen – erfuhren wir in Neukölln im Kontext der Erforschung des jüdischen Lebens des Bezirks von dem erstaunlichen Netz des Dr. Benno Heller und seiner Frau (vgl. Wolff, Raymond: Häftling Nr. 124868, in: Neuköllner Pitaval. Wahre Kriminalgeschichten aus Berlin, Rotbuch, 1994).

Foto: Hermann Simon. Aus: Marie Jalowicz Simon, "Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 - 1945", S. Fischer Verlag

Marie Jalowicz um 1944, Foto: Hermann Simon

Das Buch bewegt, weil Marie Jalowicz Simon sich nicht als Heldin unter Helden, sondern als attraktives, an Männern interessiertes, vorurteilsloses und wagemutiges Mädchen in ein solidarisches Dschungelcamp begibt. Ein Camp, in dem Kommunisten wie NSDAP-Mitglieder, hungrige Nachbarn, habgierige Wohnungsinhaber, qualitätsbewusste Siemens-Vorarbeiter, Fremdarbeiter und Artisten agieren: Menschen aus den verschiedensten Berliner Bezirken spielen eine Rolle in ihrem Überlebenskampf, in dem es um politische Überzeugung und Menschlichkeit, aber auch um Geld, Sex, Verrat und Engstirnigkeit geht. Wie überlebt eine junge hübsche Frau Anfang 20? Wie überwindet sie Verzweiflung, Angst, Einsamkeit – und behält dennoch ihre Lebenslust? In dem man sich zum Beispiel gerne mal verlobt oder indem man Sprachen lernt. Und wenn schon keine fremden, so doch die Berliner Sprachen.

Vor der Illegalität: Zwangsarbeit bei Siemens

Es ist diese vollkommen uneitle, auch durchaus komische Erzählperspektive, die fasziniert, die viel lehrt über Berlin und über Beziehungen zwischen Menschen, die allesamt nicht in Schubladen sortiert sind – schon gar nicht in ideologischen. Geradezu aufregend und so noch nie erzählt worden sind ihre Berichte über die relativ kurze Phase als Zwangsarbeiterin bei Siemens. Von dort aus verschwand sie in die Illegalität, während die meisten ihrer „Kolleginnen“ bei der Fabrikaktion 1943 in die KZs geliefert wurden (und nichts mehr erzählen konnten). Es entwickelten sich dort offenbar Knäuel von Menschen – Zwangsarbeiterinnen, Vorarbeiter unterschiedlichster Gesinnung, fähige und unfähige, Frauen, die die erzwungene Arbeit notdürftig leisteten und andere, die hochraffiniert Fehler in die Waffen einbauten – in denen Produktionshierarchien und politische Machtstrukturen unterlaufen wurden durch Liebe, sexuelle Nötigung, Freundschaft, Eifersucht, Abneigung und viel Solidarität.

Ein neues Buch, nicht eine Neuauflage bereits erzählter Geschichten, das Nähe schafft zum Leben in Deutschlands Inferno. Eine Hölle, in der dennoch winzige kleine Ausgänge der Mitmenschlichkeit und Lebenslust zu finden waren.

Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940 – 1945 Nachwort von Hermann Simon., S. Fischer 2014., € 22,95

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