von am 25. September 2013
Nachgestellte Saalschlacht aus einem zeitgenössischen Film um 1930, Bild: Museum Neukölln

Nachgestellte Saalschlacht aus einem zeitgenössischen Film um 1930, Bild: Museum Neukölln

Ein wiederentdeckter Roman über das raue Leben von obdachlosen Jugendlichen im Berlin der Weimarer Zeit. „Blutsbrüder“ von Ernst Haffner – unser Buchtipp.

Manchmal hilft nur die Flucht. Willi und Ludwig laufen vor ihrer Clique davon, paradoxerweise ihre einzigen Freunde. Denn da ist etwas, bei dem die beiden nicht mehr mitmachen wollen. Ihre „Blutsbrüder“ haben sich auf Taschendiebstähle in Kaufhäusern spezialisiert. Raubzüge, die auch vor Menschen nicht Halt machen, die Stütze beziehen, die kaum etwas besitzen, in diesem sozial erkalteten Berlin Anfang der 30er Jahre. Wo die Armut allgegenwertig ist; wo Minderjährige ihren Körper feilbieten für eine Mark Fünfzig am Schlesischen Rummel hinter den Toilettenhäuschen.

Und obwohl es einem Verrat an ihrer Ersatzfamilie gleich kommt, wollen Willi und Ludwig legal ihren Lebensunterhalt verdienen. Der Ausweg: alte Schuhe flicken und wieder verkaufen. Zumindest reicht das Geld, sich eine Bleibe in der Ziethenstraße (heute Werbellinstraße) in Neukölln zu leisten. Und sie haben Glück, denn die Vermieterin, eine alte Rentnerin, nimmt es mit den Papieren nicht so genau. Immer dieses unüberwindbare Hindernis: die Papiere!

Soziale Schattenseiten

Willi und Ludwig – zwei Protagonisten in dem fiktionalen Roman „Blutsbrüder“, der in einer von Armut und Arbeitslosigkeit geprägten Zeit kurz nach der Weltwirtschaftskrise spielt. Ein Buch über Tagelöhner und Kleinkriminelle. Mit spannenden Geschichten, die der damaligen Lebensrealität wohl sehr nahe kommen. Hier: ein Teufelskreis aus sozialer Kälte, Hunger, Obdachlosigkeit und Prostitution.

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„Blutsbrüder“ in einem Teufelskreis aus sozialer Kälte, Hunger, Obdachlosigkeit und Prostitution

Geschrieben hat das Buch der bis heute völlig unbekannte Autor Ernst Haffner. Der Verleger Peter Graf aus dem Hause Metrolit hat den Berliner Cliquenroman – der im Original „Jugend auf der Landstraße Berlin“ heißt –, wiederentdeckt und im August 2013 erneut herausgebracht. Ein Werk, das ein soziales Milieu beschreibt, welches in den zeitgeschichtlichen Dokumenten der Weimarer Republik kaum Beachtung gefunden hat. Es öffnet den Blick für die Schattenseiten einer Jugend mit nur wenig Chancen. Parallelen zur Gegenwart sind deutlich erkennbar.

Am Alex nichts Neues

Etwa am Alexanderplatz. Dort sind die Touristenkneipen, die den Zugereisten „die echte Berliner Unterwelt“ anpreisen. Mitten auf dem Platz wird eine Prostituierte von ihrem Zuhälter zusammengeschlagen. Die Passanten glotzen. Gewalt am Alex? Nix Neues! Und Haffners Sprache ist profan, rau und aufs Geratewohl heraus. Besonders deutlich wird das, als Willi in Berlin ankommt. Auf der Suche nach einem Freund stößt er auf eine Schwangere. Sein Kumpel Otto und die Mutter hätten „hier jewohnt. Sind aba jeflogen. Sie brachte nämlich imma soviele Männa mit ruff (…). Und den Jungen ham se denn in die Fürsorge gebracht…ja.“

Die Fürsorge. Davor ist Willi auch geflohen. Vor den Restriktionen, dem Drill, der physischen und psychischen Gewalt der „Umerziehungsanstalt“, die eher knastähnliche Züge aufweist, als das sie in irgendeiner Form resozialisierende Maßnahmen umsetzen würde. Und hier liegt auch die Stärke des Buchs. Haffner beschreibt diese dunklen Orte eingängig, aber nie langatmig. Seine Erzählweise ist schnell, bildlich und prägnant. Häufiges Stilmittel sind Ausrufezeichen. Er schreit seine Figuren förmlich an – aber auch den Leser.

Die Grenze des Ertragbaren

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Arbeitslose vor dem Arbeitsamt Neukölln 1929, Foto: Museum Neukölln

Das hat phasenweise ironische, sogar poetische Züge. Beispielsweise dann, als er den Überlebenskampf von Willi beschreibt, wie er kauernd unter einem D-Zug liegt, der ihn kostenfrei nach Berlin bringen soll. Vor Kälte zitternd, kurz vorm Einschlafen – was den sicheren Tod bedeuten würde – beschimpft Haffner ihn, damit er ja nicht aufgebe. Häufig überschreitet der Autor auch die Grenze des Ertragbaren. Als hätte er sich in einen Wahn geschrieben über die Zustände, in die Haffner offenbar tiefe Einblicke gehabt haben muss.

Er erzählt von einem Fest in einer Gartenlaube, die den Brüdern als Unterschlupf dient. Nach Faustkampf und Saufgelage endet die Party damit, dass sich sechzehn Jünglinge über eine Prostituierte hermachen. Die Dirne raucht währenddessen stoisch eine Zigarette nach der anderen. „Nach einer Stunde hat sie ihre zehn Mark verdient. Sie muß über ein Knäuel wie tot daliegender Jungen klettern, um den Ausgang zu erreichen.“ Für manchen Leser mag dies zu harte Kost sein.

Wenn Haffner und Verleger Graf eines geschafft haben mit diesem Buch, dann eine systematische Sensibilisierung für die Kehrseite einer Weimarer Zeit, von der wir zumeist nur die politischen und weniger die sozialen Krisen kennen. Was auf diese Zeit folgte, wissen wir alle. Ernst Haffners „Blutsbrüder“ ist die Antwort auf die Phrase: Früher war alles besser. Von wegen!

Ernst Haffner: Blutsbrüder, Metrolit-Verlag, 19,99€

 

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