von am 19. Oktober 2017

„Überall nur Pisse und Kacke – Hier lebe ich, seit dem ich sechs bin“ – So beschreibt Christiane Felscherinow den trostlosen Ort ihrer Kindheit – die Plattenbausiedlung Gropiusstadt in Neukölln. Mit “Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” von Ulrich Edel begann 1981 Neuköllns Imagebildung als Problembezirk im Film.  

Von Paul Lufter, Moritz Behrmann, Martin Bottomley und Jana Benninghofen.

Das erfolgreiche Kinostück über das harte Straßenleben der jungen Fixerin Chritiane F. sorgte dafür, dass bei vielen Bundesbürgern ein eindrückliches Bild des Berliner Bezirks enstand – als Junkiehochburg junger verlorener Seelen. Der schlechte Ruf hielt sich. Dass Großwerke wie die “Blechtrommel” und “Der Himmel über Berlin” in Neukölln entstanden,  änderte nichts daran. Neuköllns Schicksal auf den Leinwänden der Republik war besiegelt. Besonders um die Jahrtausendwende schwemmten Filme in die deutschen Kinos, die sich der negativen Stereotype Neuköllns bedienten und genüsslich mit den Ängsten des Publikums spielten. Doch es gibt auch eine gegenläufige Tendenz. In den letzten Jahren erschienen immer wieder Produktionen, die sich gezielt den Bewohnern des Bezirks widmen und so einen tieferen und damit differenzierteren Blick auf den Bezirk ermöglichen. Ein Schlaglicht auf Neukölln im Film.

Beste Kulisse  

„Die Blechtrommel” (1979) und „Der Himmel über Berlin“ (1987)

Gleich zwei Meilensteine des deutschen Films haben in der Vergangenheit Neukölln als Kulisse für entscheidende Szenen auserkoren. Volker Schlöndorff drehte für seinen Verfilmung der „Blechtrommel“ einige Szenen, die eigentlich in Danzig spielen. Begründung: In der Uthmannstraße Neuköllns sah es eher nach Danzig aus als in Danzig selbst. Denn die Straße liegt im so genannten „Böhmischen Dorf“ Neuköllns, das pitoreske Bürgerhäuser slawischer Einwanderer aus dem 18. Jahrhundert konserviert. Mithilfe dieses Kleinods der Architektur holte Schlöndorff 1980 den Oscar für den „besten fremdsprachigen Film“. Auch Wim Wenders ließ eine der Schlüsselszenen seines Films „Der Himmel über Berlin“ auf der Neuköllner Lohmühlenbrücke spielen, die den Bezirk mit Treptow verbindet.

Neuköllns miese Seite

Szene aus „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – Mit freundlicher Genehmigung von Solaris Film.

 

„Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” (1981)

“Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” soll demächst als Fernsehserie von Produzent Oliver Berben neu aufgelegt werden. Die Bedeutung der Geschichte für den Bezirk ist nicht zu unterschätzen. Neben dem namensgebenden Bahnhof Zoo ist es vor allem die Gropiusstadt, die als sozialer Brennpunkt im Fokus steht. Eingefangen in bedrückenden Bildern, zeichnet der Film ein deprimierendes Zeitporträt eines kalten Ortes, der Christiane F. ins Drogenmilieu treibt.

Klischees en masse

Szene aus „Knallhart“ – Mit freundlicher Genehmigung von Filmverleih GmbH & Boje Buck

„Knallhart“ (2006)

Filmemacher Detlev Buck wollte einen „Großstadtfilm“ mit Blick auf den multikulturellen Problembezirk machen. Heraus kam ein klischeebeladener Milieustreifen der wegen seiner drastischen Präsentation kontrovers in Presse und Politik diskutiert wurde. Die behandelten Themen reichen von ausartenden Schulhofproblemen, Familien- und Clanstreitigkeiten über die Orientierungslosigkeit einer „verlorenen Generation“ bis zur Verrohung im kriminellen Milieu.

„Das Ende der Geduld“ (2014)

Der ARD-Film zur „Themenwoche Toleranz“ ist eine fiktionalisierte Version des Lebens der Richterin Kirsten Heisig. Jene entwickelte das so genannte „Neuköllner Modell“ – das auf eine rasche und konsequente Sanktionierung jugendlicher Straftäter setzt. Heisig beging 2010 Selbstmord. Der Film zum Leben und Wirken der Frau besteht nur aus Klischees. „Es ist noch eine Stelle als Jugendrichterin frei. In Neukölln.“ Schnitt: U-Bahn-Aufgang Rathaus Neukölln. Quietschende Reifen und Qualm, dazu johlende Jugendliche und harte Rapmusik. Während Polizisten eine „Bugwelle der Gewalt“ sehen und kriminelle Ausländer die Rollbergsiedlung Neuköllns in Atem halten, will die Heisig, gespielt von Martina Gedeck, beim Jugendstrafrecht hart durchgreifen. Neukölln stellt hier nur die verrohte Kulisse des Martyriums der Hauptprotagonistin.

Besseres durch Perspektivwechsel

Hassan, Lial und Maradona in „Neukölln Unlimited“ – Mit freundlicher Genehmigung von INDI FILM Produktion

„Neukölln Unlimited“ (2010)

Für einen Perspektivwechsel sorgen Agostino Imondi und Dietmar Ratsch, die die drei Geschwister Hassan, Lial und Maradona in ihrem Alltag begleiten. Aufgewachsen in Neukölln ist ihre Jugend geprägt von der Leidenschaft für Musik und Tanz, doch auch von dem ständigen Kampf um das Bleiberecht. Imondi bleibt dicht bei seinen Protagonisten und gibt ihnen viel Raum, sich zu ihren Hoffnungen und Problemen zu äußern. Herausgekommen ist dabei ein vielschichtiges Porträt, das mit Klischees bricht und einem die Problematik der deutschen Abschiebepraxis deutlich vor Augen führt.

„4 Blocks“ (2017)

Der Perspektivwechsel setzt sich fort: Berliner Bandenkrieg aus Sicht eines libanesischen Familienclans aus Neukölln, mit „authentischen Gangstern“ wie Massiv und Veysel. Der Clan-Boss möchte raus aus der Spirale der Gewalt und ein gutbürgerliches Leben führen – „deutscher sein als die Deutschen“. Doch Familie und “Vater Staat” machen ihm das Leben schwer. Ungeschönt und kinoreif inszeniert die Serie die Ergebnisse einer frustrierenden Asylpolitik und entwirft so ein Neukölln, das näher an der Wirklichkeit ist, als vieles, was wir zuvor in Spielfilmen und Fernsehserien sehen durften.

„Überleben in Neukölln“ (2017)

Noch nicht auf dem Markt aber vielversprechend ist Rosa von Praunheims “Überleben in Neukölln”. Die Doku begleitet  queere Künstler nebst Neuköllner Originalen durch ihren Alltag und damit jene, die maßgeblich das Bild vom „hippen Kreativviertel“ prägen. Dabei will „Überleben in Neukölln“ Zeugnis einer Neuköllner Szene sein, die sich durch den Druck steigender Mieten bereits wieder auflöst. Der Kinostart ist am 25. November.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit Studierenden des Masterstudiengangs Public History an der FU Berlin, neukoellner.net und dem Museum Neukölln entstanden.

 

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