Vom einfachen Ladenkino zum größten Filmtheater Europas. Eine Zeitreise über die Schicksale der Neuköllner Kinos.
“Das Publikum trägt einfache, verschmutze Kleidung und hat schlechte Umgangsformen” – so urteilten zeitgenössische Berichte über das Publikum, das man vor etwa 100 Jahren in den Neuköllner Lichtspielhäusern antraf. So unglamourös wie die Besucher kann man sich auch die Etablissements vorstellen. Die ersten Kinos in Neukölln befanden sich in einfachen Mietshäusern und waren schmucklos bestuhlt. Ladenkinos, typisch für die Arbeiterviertel Berlins, oftmals mit integrierter Biertheke, die den zahlreichen Kneipen Konkurrenz machten. Das erste seiner Art hieß “Elite” und eröffnete 1903 in der Herrmannstraße, Ecke Flughafenstraße. Damit wurde das Kino sesshaft – um die Jahrhundertwende brachten noch Schaustellerfamilien die bewegten Bilder in die Städte.
Mit mehr Prunk glänzten ab 1909 die “Passage-Lichtspiele” an der Karl-Marx-Straße. Der zweigeschossige Zuschauerraum mit Goldverzierungen und Kronleuchtern ist heute wieder in seiner ursprünglichen Pracht zu bewundern, nachdem der Bau ab 1968 als Möbellager verunglimpft und erst 20 Jahre später als Kino restauriert und wiedereröffnet wurde. Heute ist das “Passage Kino” eines von fünf Neuköllner Kinos. 1912 rangen dagegen gleich 27 Häuser um die Besucher.
Goldene Zwanziger
Die Glanzzeit des Kinos in Neukölln waren die 20er Jahre, in denen ein prunkvoller Bau den nächsten übertraf. Das “Palast-Kino Stern” an der Hermannstraße war eines der ersten eigenständigen Filmtheaterbauten. 1915 eingeweiht, brannte es neun Jahre später bis auf die Grundmauern ab. Bis zur Neueröffnung richtete man zunächst gar ein Behelfskino ein, um dem Ansturm der Filmbegeisterten gerecht zu werden. Der Neubau faste 1170 Plätze unter einer elliptischen, goldenen Kugel, die der Berliner Maler August Unger kunstvoll verziert hatte. 1973 endete der Spielbetrieb und aus dem Schmuckstück wurde ein Supermarkt.
Ein weiterer glamouröser Bau der 20er war der “Mercedes-Palast”, ebenfalls in der Hermannstraße. Bei seiner Eröffnung 1927 war es das größte Filmtheater Europas. Der Berliner Kinoarchitekt Fritz Wilms stattete das Foyer mit einer hellvioletten Decke voller Sterne aus und einem schwarz-weiß verzierten Fußboden. Ein Orchester unterhielt die Zuschauer in den Pausen. Logen umgaben den Saal, der 2300 Parkettplätze beherbergte.
Kino für alle
Trotz der prachtvollen Ausstattung berücksichtige Wilms die soziale Struktur Neuköllns: In die seitliche Flügelbauten sollten ursprünglich vornehme Geschäfte einziehen, doch es entstanden eine Konditorei und eine Stehbierhalle für das einfache Volk. Auch aufgrund der moderaten Eintrittspreise war das “Mercedes” sehr beliebt, bis 1929 die Wirtschaftskrise hereinbrach und das Kino zeitweise schließen musste. Im 2. Weltkrieg beschädigten Fliegerbomben das Gebäude stark, wie viele andere Neuköllner Kinos. Fritz Wilms widmete sich dem Wiederaufbau und zwischen 1954 bis 1964 war das Kino als “Europa-Palast” wieder in Betrieb. Durch Einziehen einer Zwischendecke entstand 1955 ein weiterer Saal im Obergeschoss, das “Kino Roxy”. Doch auch diese Kino-Legende endete als Supermarkt.
In der ersten Hälfte der 50er Jahre entstand eine große Zahl von Neubauten. Der Architekt Gerhard Fritsche errichtete die beiden Panorama Lichtspiele: “Panorama Filmtheater I” in der Silbersteinstraße und “Panorama Filmtheater II” in der Gutschmitdtstraße. Letzteres ist eines der originellsten Filmtheaterbauten in Berlin: Der freistehende Bau hatte eine futuristische Form, die Außenwand stach durch bläulich-weiße Blockstreifen ins Auge. Das Kino spielte von 1959 bis 1977 und erlitt dann das übliche Schicksal: Richtig, ein weiterer Supermarkt.
Eine der wenigen Erfolgsgeschichten hat das “OFF Kino” in der Hermannstraße zu verzeichnen. Das Varieté-Theater wurde 1926 zum Kino und 1955 schließlich zum „Eros-Cine-Center“, das wohl eher schlecht als recht lief. 1979 sollte ein Neustart her, doch das Image des Porno-Kinos haftete dem Gebäude nach wie vor an. Erst in den 90er Jahren konnte das Kino seinen Ruf aufbessern. Als “Neues OFF” erstrahlt es seit 1998 in altem Glanz.
Archivmaterial © Museum Neukölln
In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des
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