Heute empfinden wir die Hufeisensiedlung als heimelig, ja fast spießig. Vor über 80 Jahren war sie jedoch ein Prototyp des sozialen Wohnungsbaus und eines radikal modernen Baustils.
Zu einer Zeit als Stararchitekten noch nicht einem derartigen Geltungsdrang unterlagen, dass sie den Steuerzahler mit Megaprojekten wie Stuttgart 21 oder der Elbphilharmonie konstant an die Schmerzgrenze seiner Toleranz zu bringen versuchten, entstand zwischen 1925 und 1933 im Neuköllner Ortsteil Britz die Hufeisensiedlung.

oben: Die Hufeisensiedlung kurz nach der Fertigstellung um 1927, unten: Gedenken die beiden Architekten Bruno Taut und Martin Wagner
Die beiden Koryphäen der Architektur, Bruno Taut und Martin Wagner, realisierten in der Hufeisensiedlung eines der ersten sozialen Wohnungsbauprojekte. Insbesondere den unteren gesellschaftlichen Schichten wollten sie Zugang zu günstigen, aber hochwertigen Wohnungen ermöglichen.
Die industrielle Revolution hatte ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer starken Urbanisierung und in der Folge zu einer drastischen Verschlechterung der Lebensbedingungen und Wohnverhältnisse geführt. Der Erste Weltkrieg tat sein Übriges. Reformbewegungen wie der Jugendstil oder die Arts and Crafts-Bewegung, die sich in der Rückbesinnung zu Natur und Handwerk eine Beseitigung der sozialen Missstände versprachen, verliefen ohne nachhaltigen Erfolg im Sande.
Die Industrialisierung würde sich nicht aufhalten lassen – diese Erkenntnis manifestierte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Walter Gropius, Hans Scharoun, Adolf Loos, Le Corbusier und nicht zuletzt Bruno Taut gehörten zu den ersten, die eine gänzlich neue Form des Bauens propagierten. Die Verwendung der neuen Materialien – Stahl, Beton und Glas – sowie Standardisierung und Rationalisierung von Bauteilen und Wohnungen sollten den sozialen Ansprüchen – ‘Licht, Luft und Sonne für alle’ – gerecht werden.
Nun lässt sich leider nicht behaupten, dass diese Bestrebungen immer von Erfolg gekrönt waren. Fast scheint es manchmal, als müssten soziale Wohnsiedlungen – gerade entgegen der hehren Ziele ihrer Architekten – zwangsläufig zu Ghettos mutieren, wie es sich beispielsweise nur wenige Kilometer von der Hufeisensiedlung entfernt, in der nach ihrem Architekten benannten Gropiusstadt ereignete (neukoellner.net berichtete).
Gartenstadt mit Farbkonzept
Der Britzer Hufeisensiedlung wurde glücklicherweise ein anderes Schicksal zuteil. Taut überwand den damals wie heute vorherrschenden Höhenwahn und beschränkte die Gebäude auf maximal drei Geschosse. Der markante, namengebende Siedlungsteil in Form eines Hufeisens wurde weiß und blau verputzt, während die anderen Bauten zu ochsenblutfarbenen Zeilen aufgereiht wurden – dies brachte der Siedlung im Volksmund den Beinamen „Rote Front“ ein. Zwischen den Häuserzeilen und im Inneren des Hufeisens blieb genügend Raum für Begrünung, damals noch recht mager, heute aber eine üppige Park- und Gartenlandschaft.
Bei einem Blick durch die Sprossenfenster ins Innere der weihnachtlich geschmückten Wohnungen weht einem ein Lüftchen heimelige Spießigkeit entgegen. Man fragt sich, ob den Bewohnern bewusst ist, dass ihre vier Wände vor knapp neunzig Jahren einen radikalen Schritt in Richtung Moderne darstellten. Sicher ist aber, dass die Siedlung auch heute noch tausenden Neuköllnern günstigen und hochwertigen Wohnraum bietet. Dies brachte der Hufeisensiedlung 2008 einen Platz in der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes ein. Man darf gespannt sein, wie unsere Urenkel im Jahr 2100 die Elbphilharmonie und den Stuttgarter Bahnhof bewerten werden.
Archivmaterial © Museum Neukölln
In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des
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Vielen Dank für den interessanten Artikel über die Hufeisensiedlung. Aktuelle Bilder gibts auch auf meiner Homepage http://www.Lining30.de.
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