von am 19. September 2012


Er ist im Neuköllner Stadtbild verankert wie kein Zweiter: Alt-Bürgermeister Hermann Boddin. Wer war dieser Mann, der die Umbenennung des Bezirks auf den Weg brachte?

Es gibt wohl kaum eine Figur der Neuköllner Zeitgeschichte, die so viele Spuren im Bezirk hinterlassen hat wie dessen erster Oberbürgermeister. Hermann Boddin hat Neukölln seinen Stempel aufgedrückt und zu dem gemacht, was es heute ist: Ein Berliner Stadtteil, der seit Anbeginn mit sozialen Problemen und einem schlechten Ruf zu kämpfen hat. Mit einem Bürgermeister, dem ein gewisser Hochmut nie fremd war.

Denn obwohl sich Boddin Zeit seines Lebens um die Belange anderer Menschen zu kümmern hatte, tat der Amtsträger doch so manches um seiner selbst Willen. Nach Boddin sind Straßen, Plätze, U-Bahnhaltestellen, eine Schule – ja sogar ein ganzes Dorf benannt. Kurioserweise liegt dieses in einer vom preußischen Stadplaner James Hobrecht im 19. Jahrhundert angelegten Fläche zur Reinigung des Abwassers. Das kleine Boddinsfelde war damals das so genannte „Rieselfeld“ Rixdorfs – dem späteren Neukölln.

Herrschen mit patriarchalischer Dominanz

Hermann Boddin wird am 16. Mai 1844 in Gransee, im nördlichen Brandenburg, geboren. Dreißig Jahre später übernimmt er am 4. Februar 1874 als Gemeindevorsteher die Verwaltung von Rixdorf. Einen Monat zuvor war bereits Historisches geschehen: Die beiden benachbarten Landgemeinden, Böhmisch-Rixdorf und Deutsch-Rixdorf sind per kaiserlichem Erlass zusammengelegt worden. Boddin wird zum Vorstand von etwa 15.000 Einwohnern.

Der Amtsträger beherrscht seine Vorstadtgemeinde mit patriarchalischer Dominanz. Dies zeigt sich etwa bei der Namensgebung der „Hermannstraße„, für deren Ausbau er sich seit seinem Amtsantritt massiv eingesetzt hatte. Offiziell ist die Straße nach Hermann, dem Cherusker, benannt, der als wichtige Identifikationsfigur des damals noch jungen, deutschen Kaiserreichs gilt. Mutmaßungen der Rixdorfer Bevölkerung gehen aber in eine andere Richtung, was auch damalige Akten des Bezirksamtes bestätigen: Boddin ist als Namenspatron gemeint, obwohl dies von Seiten seiner Familie stets dementiert wird.

Boddin als Namenspatron der Hermannstraße?

Wer auch immer der Patron für die Straße gewesen ist, fest steht, dass Hermann Boddin über die Doppeldeutigkeit des Namens nicht unglücklich gewesen sein soll. Sein Einfluss ist groß. Innerhalb kürzester Zeit wird der gebürtige Brandenburger zur beherrschenden Figur der lokalen Politik. Er gilt als geradlinig und unverwüstlich. Diese nachgesagten Tugenden sind auch von Nöten, denn Boddin steht in den kommenden Jahrzehnten vor gigantischen Aufgaben.

Zwischen 1875 und 1900 versechsfacht Rixdorf seine Einwohnerzahl und ist die am schnellsten wachsenden Gemeinde Deutschlands. Durch den massenhaften Zuzug ärmerer Bevölkerungsschichten verschärfen sich auch die sozialen Probleme. Boddin kämpft für einen Lastenausgleich und die Aufnahme Rixdorfs in den Groß-Berliner Stadtverband. Die Hauptstraßen werden gepflastert und das Straßennetz erweitert, die Anbindung nach Berlin verbessert. Zugleich sorgt er für den Ausbau aller Einrichtungen, die für ein modernes Gemeinwesen erforderlich sind. Viele öffentliche Bauten, darunter Rathaus, Amtsgericht, Gasanstalt, Schulen, Krankenhäuser, Armenhäuser und Kirchen, aber auch besagte Abwasserentsorgung im Rieselgut Boddinsfelde entstehen unter seinem Wirken.

Am 1. April 1899 erhält Rixdorf schließlich das Stadtrecht. Der mittlerweile 54-Jährige hat sein erstes großes Ziel erreicht. Hermann Boddin steigt nach 25 Jahren vom Dorfvorsteher zum Oberbürgermeister auf – seine Popularität steigert sich nochmals. Zum 30-jährigen Amtsjubiläum im Jahr 1904 verleiht man ihm das Bürgermeisteramt auf Lebenszeit. Und das nächste, ehrgeizige Vorhaben Boddins steht bereits auf der Agenda.

Umbennenung des „übel beleumundeten“ Rixdorf

Trotz Stadtrechts sieht der Bürgermeister sein Rixdorf „übel beleumundet“, da sich so allerhand „Gesindel“ im Bezirk breit gemacht hat. Die Stadt hat sich den zweifelhaften Ruf eines Vergnügungsviertels eingehandelt, wo allerhand „Musike“ herrscht und Prostitution, Saufgelage und Kleinkriminalität zur Tagesordnung gehören. Boddin will deshalb umbenennen. Ein besseres Image soll her um auch die Besserverdienenden anzulocken. Die sitzen vor allem im neuen Viertel an der Schillerpromenade, das nicht zuletzt auf Boddins Initiative entstanden ist. Die Baugenehmigung hatte er als Bürgermeister gleich mit durchgesetzt – und auch als privater Investor soll er davon nicht unwesentlich profitiert haben.

Der erste Namensvorschlag für den neuen Bezirk geht – wer hätte es gedacht – ebenfalls auf Boddin zurück und zeugt erneut von seinem großen Einfluss. Wäre es nach dem hochmütigen Willen des Bürgermeisters gegangen würde der Bezirk heute „Hermannstadt“ heißen. Eine Idee, die aber nichts weiter als eine Randnotiz in den Geschichtsbüchern bleiben wird. Erst Jahre später, im Januar 1912, ergeht die kaiserliche Genehmigung zur Umbenennung Rixdorfs. Neukölln hat Hermann Boddin nie erlebt, denn am Tage der Umbennung liegt er bereits in seinem Ehrengrab an der Buschkrugallee auf dem heutigen Friedhof Britz I. Plötzlich und unerwartet verstirbt der Bürgermeister am 23. Juli 1907.

Archivmaterial © Museum Neukölln

In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

4 Kommentare:

  • Gerald sagt:

    Erwartet habe ich von dem Artikel wie man auf den Namen Neu-Kölln kommt. Aber das wurde nicht beantwortet.

  • Fabian Friedmann sagt:

    Der Name Neukölln, oder Neucölln wie der Bezirk zunächst hieß, wurde von Boddins Nachfolger Curt Kaiser ausgewählt und ist eine Art historische Reminiszenz an die mittelalterliche Siedlung Cölln an der Spree. Diese lag nördlich des alten Rixdorfs. Im Spätmittelalter erwuchs dann die Doppelstadt Berlin-Cölln, wovon schließlich Berlin übrig blieb.

  • Richard sagt:

    Der oder die Verfasserin muss sich fragen lassen:
    Wie konnte Rixdorf/Neukölln denn zur Modellstadt im Reich werden?
    Welche Rolle spielten die Garnisonen und die Soldaten (in Berlin-Kreuzberg) für den Ruf der Hasenheide und Rixdorfs?
    Kam der Ruf vielleicht auch von den Sozialdemokratischen Mehrheiten bei Reichstagswahlen?
    Wenn doch der Ruf so schlecht war, wo kamen die Investitionen für das Schillerviertel her?
    Musste Boddin vielleicht sogar besser sein und eine moderne Kommune managen, um Verteilungs – und Infrastrukturprobleme nicht zu groß werden zu lassen?
    Welche eigenständigen Leistungen wurden in seiner Amtszeit auf kommunaler Ebene noch erbracht?
    Wie wurde die Finanzierung all der neuen Infrastruktur (ohne Transferleistungen über die Zugehörigkeit zu Berlin) bewältigt?
    Warum bewerten Boddin auch neuere Ortschroniken nicht so, etwas herablassend?
    Brauchten und verehrten die Bürgerlichen, die nach demDreiklassenwahlrecht herrschten, Boddin vielleicht ohne sein Zutun mit all den Namensgebungen mit „Hermann“ und „Boddin“? Dass eine Schule nach ihrer geografischen Lage an einer Straße benannt ist, zählt eigentlich nicht.

    Danke für den Text, aber er sollte fortgeschrieben werden, denn immer häufiger werden Netztexte z.B. auch einseitige aus wikipedia über Neukölln einfach nur übernommen und erhalten dadurch m.E. unerwünschte Wirkmacht.

  • Richard sagt:

    eMail-Adresse war unvollständig. Sorry Richard.

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