Von Daniel Bosch & Lisanne Tholeikis
Auf dem Gelände, wo heute der Sportplatz steht, befanden sich die Küchenbaracke sowie die Unterkünfte für die männlichen und weiblichen SS-Wachen. Direkt daneben, wo heute die Gartenfreunde der National Registrierkassen NCR Kolonie e. V. aktiv sind, hausten die Häftlinge in drei Baracken. Das Ganze umzäunt mit Stacheldraht. Die Nazis richteten das Areal 1942 als Zwangsarbeiterinnenlager ein; 1944 übernahm es das KZ Sachsenhausen als Neuköllner Außenlager.
Das Gelände an der Sonnenallee gehörte zum Besitz der National Krupp Registrierkassen GmbH – eine Fusion der amerikanischen Firma National Cash Register (NCR) und der deutschen Krupp-Registrierkassen-Gesellschaft zu Zeiten der Weimarer Republik. Das Unternehmen hatte auf dem späteren KZ-Areal unter anderem Tennisplätze für den Betriebssport angelegt sowie sogenannte „Kindergärten“. Das waren Gartenparzellen, auf denen sich die Kinder der Mitarbeiter spielerisch im „Verantwortung übernehmen“ üben durften.
Umstellung auf Rüstungsproduktion
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wuchs der Bedarf an kriegsrelevanten Gütern, weshalb die Firma ihre Produktion ab 1939 auf Rüstung umstellte. Die rasche Intensivierung des Krieges stellte die NS-Führung vor ein wachsendes Problem: Durch die massenhafte Einberufung junger Männer in die Wehrmacht fehlte es überall an Arbeitskräften – so auch im Neuköllner NCR-Werk. Zu diesem Zeitpunkt hieß die Sonnenallee bereits Braunauer Straße, benannt nach dem Geburtsort Adolf Hitlers.
Zwangsarbeit an der Sonnenallee
Um die personellen Einbußen auszugleichen, richtete das NS-Regime in der Braunauer Straße 181-189 ein Zwangsarbeiterinnenlager ein. Bis zu 865 vorwiegend weibliche Häftlinge aus den eroberten Gebieten mussten hier unter härtesten Bedingungen in der Rüstungsproduktion schuften. Unter anderem stellten sie Bombenzünder sowie Teile für Maschinenpistolen und Flugzeuge her. Die Erfolge der Alliierten in West- und Osteuropa schränkten den Zugriff auf ausländische Zwangsarbeiter jedoch zunehmend ein. Aus diesem Grund wurde das Lager im August 1944 dem Konzentrationslager Sachsenhausen unterstellt.
Hunger und Gewalt
Fortan waren hier überwiegend jüdisch-polnische Zwangsarbeiterinnen inhaftiert, die nach der Auflösung des Ghettos in Łódź nach Auschwitz gebracht, dort als arbeitsfähig selektiert und nach Neukölln verlegt worden waren. So entgingen sie den Todeslagern im Osten. Doch der Alltag der inhaftierten Frauen in Neukölln war weiterhin geprägt von Hunger und Gewalt, harter Arbeit in den Produktionshallen und den Erniedrigungen durch das Wachpersonal der SS.
Nach dem Morgen-Appell um vier Uhr mussten die Frauen zwei Stunden später ihre Arbeit in der NCR-Fabrik aufnehmen. Diese war 50 Meter entfernt auf der Fläche zwischen Werra- und Thiemanstraße. Heute befindet sich dort unter anderem das Finanzamt Neuköllns. In der NCR-Produktion arbeiteten die Frauen dann zwölf Stunden. Um 18 Uhr gab es die erste Essensration des Tages – eine wässrige Suppe sowie etwa 125 Gramm Brot, was für die schwere Arbeit völlig unzureichend war. Von Montag bis Samstag bestimmte diese brutale Routine den Alltag der Häftlinge. Am Sonntag mussten die Barracken gereinigt werden.
Fehlende Erinnerung
Bereits 1957 wurden die letzten Lagerbaracken abgerissen, wodurch dem Vergessen Vorschub geleistet wurde. Kein Mahnmal, kein sonstiges Projekt erinnerte an die leidvolle Vergangenheit des Ortes. Bis in die 1970er-Jahre blieb eine Auseinandersetzung gänzlich aus. Weitere 20 Jahre dauerte es, bis sich ein Künstler dieser Aufgabe annahm. Seitdem liefert die Lichtinstallation von Norbert Radermacher einen kleinen Verweis darauf, was an diesem Ort geschah. Auch neuere Projekte, wie die kleine, spartanisch gehaltene Informationstafel des Quartiersmanagements, versuchen, ihren Anteil zu einer öffentlichen Erinnerung beizutragen.
2015 nahm die israelische Künstlerin Hadas Tapouchi ein Foto der Sonnenallee in ihrem Fotoprojekt „Transforming“ über ehemalige Zwangsarbeiterlager auf. Doch nur sehr wachsamen Augen dürften die unscheinbaren Hinweise vor Ort auffallen. So stellt der in großen weißen Lettern über dem Eingang der Kleingartenkolonie prangende Name „National Registrierkassen NCR Kolonie e.V.“ klare Bezüge zur Vergangenheit des Ortes her. Dennoch dürfte er den Wenigsten ein Begriff sein. Die Sonnenallee 181-189 ist weiterhin ein „vergessener Ort“ der Geschichte Neuköllns.
Dieser Artikel ist in Kooperation mit Studierenden des Masterstudiengangs Public History an der FU Berlin, neukoellner.net und dem Museum Neukölln entstanden.
Kommentare:
Sehr interressanter Beitrag. Wusste es nicht, obwohl ich direkt in der nähe wohne… Danke euch für die Informationen.
Das Denkmal>Lichtinstallation funktioniert wieder!??
Wäre ja klasse.
Die Geschicht das eine amerikaniscehr Konzern da mit „NS-ZwangsarbeiterInnne“
Was mich noch intereserien würde: „Juedische Zwangsarbeit“ wurde über die Fonantepormenade 15, Schickanepromenade, dem „Arbeitsamt für Juden“ orgnisiert. Sonnenalle-Arbetisamt mit beteiligt.
Ist das mit Beforscht von euch?
Hintergrund: arbetie zum Gedenkort Fontanepromenade 15
http://www.wem-gehoert-kreuzberg.de/index.php/gedenkort-fontanepromenade-15
https://www.facebook.com/GedenkortFontanepromenade/
Hi Lothar,
danke für den Hinweis in Sachen Zwangsarbeit. Dem Thema werden wir bestimmt auch mal eine „Zeitreise“ widmen.
Gruß
Björn Müller / nk-net Redaktion
Eberhardt,
Dein Geschreibsel ist einfach nur peinlich! Bist Du auf den Tasten ausgerutscht oder beim Schreiben eingeschlafen??? So etwas solltest Du nicht wieder abliefern, das ist niveaulos und wird dem ernsten Anliegen nicht gerecht.
Renate S.
Es ist traurig, das es nicht besser recherchiert wurde. Ich bin die Vorsitzende der Kolonie National Registrierkassen NCR e.V. und wir haben schon mit einigen Leuten Projektarbeit zu diesem Thema gemacht. Es ist auch ärgerlich die Tafel die Teil einer Ausstellung im Quartier über geschichtsträchtige Orte in unserem Kiez in Zusammenarbeit mit Menschen, die schon zu der Zeit hier waren, so zu dokumentieren. Wir haben auch eine Gedenktafel im Eingang unserer Anlage gegen das Vergessen und auch auf dem Sportplatz gibt es etwas. Man hätte nur mit uns sprechen müssen, als man dies schrieb. Es gab schon einige Leute, die bei uns waren zu dem Thema, aber leider nicht die Verfasser des Berichtes und es ist für uns, die wir, Menschen mit Wurzeln aus 14 Nationen, hier das Gelände nutzen wichtig, auf solch einem Platz gemeinsam mit verschiedenen Anwohnern , Kita betreutes wohnen etc. diesen Ort wieder mit Leben und Freude zu erfüllen. Man sollte besser
recherchieren. 1. Vorsitzende der Kolonie NCR e.V.
Hallo Herr Karau! seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit der Geschichte von Baumschulenweg. Ich habe Hinweise, dass hier in der Frauenlobstr. 26 – 32 auch ein Fremdarbeiterlager der National Registrierkassen war. Vielleicht können Sie mir dazu mehr sagen bzw. sind Sie Ihrerseits an Material meinerseits interessiert ? Viele Grüße
Andreas Freiberg