von am 13. Juli 2016

Wer dem grauen Sommer entfliehen möchte, dem sei die Neuköllner Stadtbibliothek ans Herz gelegt. Sie ist nach ihrer ehemaligen Leiterin Helene Nathan benannt, einer Kämpferin für  Chancengleichheit und Gerechtigkeit – bis die Nazis kamen.

Würde die energiegeladene und energische Dr. Helene Nathan, 1911 in Bern promoviert, heute wieder an ihren Arbeitsplatz als Leiterin der Stadtbibliothek zurückkommen, hätte sie wahrscheinlich Krach geschlagen wegen der Unübersichtlichkeit des Weges zu den Bücherschätzen. Früher war die Bibliothek in der Ganghoferstraße 3-5 hinter dem Stadtbad in einem eigens errichteten Gebäude untergebracht, dort, wo heute das „Kinder-Künste-Zentrum“ beheimatet ist. Heute müsste Helene Nathan den Weg aufs Dach der Neukölln Arcaden durch die Käuferströme finden.

Lesesaal der Bibliothek zu Zeiten Helene Nathans.

Aber ansonsten hätte sie an den gleichen Aufgaben und Problemen weiterarbeiten können, die ihr ab April 1933 verschlossen waren: Finanzprobleme, zu wenige Medien, bestmögliche Erschließung der Bestände, Gewinnung und Betreuung einer nicht unbedingt „bibliotheksaffinen“ Leserschaft, Personalprobleme. Sie hatte nicht nur zu wenig Mitarbeiterinnen, dazu kam, dass die „höheren Töchter“, aus denen sich im Wesentlichen die Bibliothekarinnen (ein ausgesprochen weiblicher Beruf!) rekrutierten, mit den Arbeiterkindern – und -jugendlichen Neuköllns fremdelten – und gerade ihnen mit Büchern einen Blick in eine große Welt und den Weg in chancengleiche Gerechtigkeit zu ebnen, war Helene Nathans großes Anliegen. Und deshalb war sie auch 1920 nach Neukölln geholt worden, in die Bildungsreformlandschaft, die hier politisch gewollt war. Heute hätte sie mit dem Problem zu kämpfen, dass eine überwiegend multikulturelle Leserschaft einer „rein deutschen“ Bibliothekarsbelegschaft gegenüber steht. Die Bemühungen um Bildungsgerechtigkeit jedoch stellten sich damals wie heute.

An Büchern wachsen

Helene Nathan setzte sich in Neukölln, aber auch im ganzen Land an vielen Fronten ein: Innovation des Bibliothekswesens, Öffnung der Bestände, Lesererziehung, Tariffragen, berufsständische Interessen, Ausbildung von Bibliothekaren, Bildungsreform, Schulreform. Nicht zufällig entdecken wir sie auf einem Foto zum Neuköllner Schulstreik 1930 zwischen demonstrierenden und Fahnen schwingenden Kindern. Sie war mittendrin in Neukölln, scharte Jugendliche in Literaturzirkeln um sich, lud sie auch mal zum Essen ein, kümmerte sich um enge Verbindungen zu den Schulen und entwickelte ein „Bücherverzeichnis Technik, Handwerk, Gewerbe“, um jungen Arbeitern Handwerkszeug für ihre Berufsausbildung und ihren Beruf bereit zu stellen. Sie war der Überzeugung, dass der soziale Kontext den Bücherbestand zu bestimmen habe. Das ist eine bis heute diskutierte Forderung, die gegen Zentralisierung spricht. Ihre Bibliothek sollte die der „werdenden Gesellschaft“ sein, und auch ihre Gegner erkannten die Qualität ihrer Arbeit an. Sie lebte mit Leidenschaft in der modernen Metropole, plädierte – auch in ihren Fachdiskursen – für die Unterschiedlichkeit der Menschen und für die „Differenziertheit und Kompliziertheit der Großstadt“, für die Vielfalt.

Der Schulstreik, den Helene Nathan mitinitiierte.

Dann kam die Machtübergabe 1933, und auch Neukölln bekam einen Nazi als kommissarischen Bürgermeister: Kurt Samson. Er verbot ihr den Zugang zu ihrem Arbeitsplatz, und in perfektem Beamtendeutsch schrieb er: „(…) Zugleich gebe ich Ihnen davon Kenntnis, dass ich die Entlassung nach § 4 des Gesetzes zur Wiedererstellung des Berufsbeamtentums vom 7.4.1933 in Vorschlag bringen werde. Ihre marxistische Einstellung, die in der unter Ihrer Leitung erfolgten Ausgestaltung der Volksbücherei Neukölln und in Ihrem Verhalten nach der Umwälzung unstreitbar bewiesen worden ist, bietet nicht die Gewähr dafür, dass Sie sich jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat einsetzen werden.“ Jahrelang kämpfte sie vergeblich gegen dieses Berufsverbot, das ihr zudem nur minimalen finanziellen Ausgleich („Gnadenbezüge“) zugestand.

Berufsverband rührte keinen Finger

Nicht nur Helene Nathan wurde hinausgeworfen, auch die Neuköllner Bibliothek „musste“ gesäubert werden. Über 1.000 Bücher wurden in einen „Giftschrank“ gesperrt, als „Dokumente einer glücklich überwundenen Epoche“. Nach der „Säuberung“ der Bibliothek von „marxistischer“ und „undeutscher“ Literatur vermerkte das Neuköllner Tageblatt am 13. August 1933: „Da galt es Schutt wegzuräumen und gründlich reinezumachen, überall und hier vor allem.“

Doch sie war den Nazis nicht nur als Sozialistin verhasst, sie war auch noch Jüdin, wenn auch nicht in der Gemeinde aktiv, und damit doppelt vom Existenzentzug betroffen. Mühsam versuchte sie sich eine kleine Existenz als Leih-Buchhändlerin in einer jüdischen Buchhandlung aufzubauen, bis 1937 auch der „Ghetto-Buchhandel“ und Buchverleih durch Juden verboten wurde.

Nun erst bemühte sie sich um Auswanderung, die ihr aber nicht gelang. Sie vereinsamte; ehemalige Kollegen waren vertrieben worden oder in den Widerstand gegangen und hatten den Kontakt mit ihr abgebrochen; ihr Berufsverband, in dessen Vorstand sie gewesen war, rührte keinen Finger: „Ich kann doch der Behörde nicht in den Rücken fallen!“ lehnte der Vorsitzende eine Bitte um Unterstützung ab. Nur ihre Freundin Eva Schumann gab ihr einen Rest Wärme und Zugehörigkeit. Am 23. Oktober 1940 nahm sie sich das Leben. An diesem Tag begannen die Deportationen der deutschen Juden – ein Schicksal, dem sie sich entzog.

Quellen:
Bertz, Inka: Helene Nathan. eine Großstadtbücherei und ihre Bibliothekarin.
Kolland, Dorothea: Eingewoben ins Reformnetz. Die Stadtbibliothek Neukölln in der Weimarer Republik.
Beides in: Kolland, Dorothea (Hrsg.): Aus dem Keller aufs Dach. 100 Jahre Stadtbibliothek Neukölln. Berlin 2006.

Dieser Text ist der zweite Teil in einer Porträt-Serie „(Zerstörte) Vielfalt in Neukölln“ in der Dorothea Kolland, ehemalige Kulturamtsleiterin in Neukölln, einerseits an Menschen erinnert, die von den Nazis umgebracht oder vertrieben wurden. Darüber hinaus stellt sie Neuköllner vor, die für die Potenziale der Verschiedenheit und Vielfalt im Bezirk stehen. „Lebende Argumente gegen Heinz Buschkowsky“, nennt sie Dorothea Kolland selbst. Das erste Porträt zu Arthur Lewin findet sich hier. Der Beitrag über Helene Nathan ist erstmals am 11. Mai 2013 auf neukoellner.net erschienen.

Fotos: Elsa Schumann/ Museum Neukölln

 

 

 

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