von am 18. Juli 2017

Spielplatz_schillerVom angesagten Prachtboulevard über einen verwahrlosten Lärmkiez zum Durchlauferhitzer im Gentrifizierungsprozess – die Schillerpromenade hat in ihrer 120-jährigen Geschichte eine Menge Veränderungen durchlebt. Wir blicken zurück auf die Anfänge und analysieren die heutige Situation am Neuköllner Eingang zum Tempelhofer Feld.

So langsam wird sie wieder das, wofür sie einst angelegt wurde: ein Wohngebiet für gut situierte Bürger. Die Schillerpromenade im Herzen des gleichnamigen Kiezes sieht sich seit Jahren einem Aufwertungsprozess ausgesetzt. Dabei war das Viertel rund um die Schillerpromenade von der Stadt Rixdorf und ihrem damaligen Bürgermeister Hermann Boddin einst als „Wohnquartier für Besserverdienende“ und als Gegenpol zur Arbeitersiedlung auf den Rollbergen konzipiert worden.

Ob Boddin damals die Gentrifikation durch Sanierungen und die sich ansiedelnden Cafés, Burgerläden und Cocktail-Bars für eine sich vermehrende digitale Bohème auf dem Planungsschirm hatte, ist nicht überliefert. Angesichts des angrenzenden Flughafens Tempelhof und dem jahrzehntelangen Schattendasein als Randbezirk an der Berliner Mauer hätte sich vor dreißig Jahren selbst der kühnste Optimist niemals ausmahlen können, was heute der Realität entspricht: Die Schillerpromenade gehört neben dem Reuterkiez zu den beliebtesten und teuersten Wohnflächen Neuköllns.

Die Promenade auf den Stoppeln

110 Jahre zuvor ist die Schillerpromenade von Mietwucher und Luxussanierungen so weit entfernt wie die Neuköllner Tasmania 2017 von der Deutschen Fußballmeisterschaft. Der Kiez existiert noch nicht. „Der Erste Schlag des Berglandes“ nennt man das Land damals noch, das sich zwischen Rollbergviertel und dem Tempelhofer Feld erhebt. „Auf den Stoppeln“, wie es der Volksmund ausdrückt, wird Ackerbau betrieben.

Allerdings leben um 1900 bereits über 90.000 Menschen in Rixdorf, dem damals größten „Dorf“ Preußens. Der Platz vor den Toren Berlins wird knapp, angesichts der vermehrten Einwanderung vor allem aus Ost-Europa. Man beginnt den verbleibenden Freiraum zu nutzen und baut das „Obere Viertel“, den heutigen Schillerkiez. Die Schillerpromenade soll zu dessen Herzstück werden.

Zahlungskräftige Bürger anlocken

Sie wird großflächig angelegt. Auf keinen Fall möchte man den Fehler beim Bau des Rollbergviertels wiederholen, die Bedürfnisse des Menschen nicht genügend beachtet zu haben. Mehr Luft zum Atmen soll den Bewohnern des Schillerkiezes bleiben, die Innenhöfe größer und nur ein Hinterhaus je Grundstück ermöglicht werden. Reine Menschenfreundlichkeit ist das keineswegs, denn die Stadt möchte vor allem zahlungskräftigere Bürger aus der Mittelschicht anlocken, um das Steueraufkommen zu verbessern.

Mit seinen kreuzartig angelegten Straßen und der homogenen Bebauung ist das Quartier zur damaligen Zeit ein fortschrittliches Projekt, das in Berlin seinesgleichen sucht. Geprägt ist es durch die Genezareth Kirche, die in der Mitte aus dem Häusermeer ragt, und die breit angelegte Schillerpromenade. Mit dieser barocken Mittelachse und in seiner Abgeschlossenheit bildet es eine kleine Stadt für sich. Es entstehen prächtige Bauten: reich verzierte Fassaden, blumenähnliche Ornamente, Turmhauben und Kuppeln. Der Prachtboulevard des neuen Neukölln.

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Prächtig bewachsen: die Schillerpromenade in den Dreißiger Jahren. (Foto: Museum Neukölln)

Ladengeschäft in jedem Mietshaus

In nahezu jedem Mietshaus liegt im Erdgeschoss ein Ladengeschäft. So wird an fast an jeder Ecke, egal ob Weise-, Oker- oder Allerstraße, ein kleiner eigenständiger Kiez geschaffen. Noch in den dreißiger Jahren befindet sich im Block der Schillerpromenade 27 eine Molkerei mit Kuhstall. Am Morgen können sich die Bewohner mit der Kanne ihre frische Milch holen. Der Misthaufen im Hinterhof stört nur die Wenigsten.

Die vielfältigen Versorgungsmöglichkeiten direkt vor der Haustür werden früh um einen Wochenmarkt auf der Promenade bereichert. Dienstags und freitags bieten Obst- und Gemüsehändler ihre Waren an. Rund um die Kirche gibt es Fischstände. Doch mit dem zweiten Weltkrieg ändert sich das Leben radikal. Obwohl die Alliierten versuchen, den angrenzenden Flughafen Tempelhof nicht zu zerstören, da sie ihn später für ihre Zwecke nutzen wollen, fordert ein schwerer Bombenangriff im Jahr 1944 im Quartier viele Menschenleben. Die Genezarethkirche verliert ihren Glockenturm, viele Häuser am Herrfurthplatz tragen große Schäden davon.

Platanen als Heizmaterial

Von der schlechten Versorgungslage während und nach dem Krieg zeugt noch heute der reduzierte Baumbestand der Promenade: Wie auch in anderen Parks werden die Platanen gefällt und als Heizmaterial verwendet. Da die Sowjets 1948 West-Berlin abriegeln, ist der Schillerkiez wie kaum ein anderer den Belastungen durch die Berliner Luftbrücke ausgesetzt. Die Promenade liegt direkt in der Einflugschneise der „Rosinenbomber“.„Alle zwei Minuten startete und landete einer, immer zwischendurch, und wir haben irgendwann nicht mehr das Geräusch gehört vom Starten und Landen. Wir haben gehört, wenn mal eine ausgesetzt hat, dann sind wir hochgeschreckt“, so beschreibt es die Zeitzeugin Eisa Sonne im Buch „Ein Haus in Europa“ von Udo Gößwald über das Haus Schillerpromenade 27.

Dank der relativ geringen Kriegszerstörungen bleibt die Promenade aber von einer radikalen Kahlschlagsanierung, wie etwa in der Oderstraße, verschont. Doch auch hier entledigt man sich einiger charakteristischen Fassaden und setzte auf Funktionalität mit Einheitsputz.

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Vom Glanz der Gründerzeit ist in den Siebziger Jahren nicht mehr viel übrig auf der Schillerpromenade. (Foto: Museum Neukölln)

Vom Prachtboulevard zum Problemfall

In den nachfolgenden Jahrzehnten verliert das Quartier an Bedeutung. Viele Läden werden nach dem Krieg nicht mehr wiedereröffnet oder ziehen auf die belebte Hermannstraße. Für Familien ist der Kiez unattraktiv, da die Schulen zerstört sind und keine weiteren in der näheren Umgebung liegen. Hundekot, Sperrmüll und Kriminalität tun ihr übriges. Der Kiez verwahrlost.

Erst 1979 wird die Promenade zeitgemäß instand gesetzt: Unter Beibehaltung der Spielplätze prägen Waschbeton-Elemente und versiegelte Flächen den Mittelstreifen der Promenade. Zu diesem Zeitpunkt läuft der Betrieb auf dem angrenzenden Flughafen wieder auf Hochtouren. Einige Anwohner können von ihrem Balkon direkt in das Cockpit der die Dächer streifenden Flugzeuge sehen. Der Lärm und der Kerosingeruch locken nicht gerade viele neue Bewohner in den Kiez und lassen die Mieten fallen. Auch nach der Wende herrscht lange Zeit Tristesse an der Schillerpromenade.

Einstiger Lärmkiez wird zum Hotspot

Die Initialzündung für das Quartier ist der 30. Oktober 2008. An diesem Tag stellt der Flughafen Tempelhof endgültig seinen Betrieb ein. Zwei Jahre später wird er zum größten innerstädtischen Park Europas. Der Schillerkiez atmet auf und gewinnt seine Attraktivität zurück. 2010 lobt eine Anwohnerin im Tagesspiegel die Vielfalt auf der Promenade: „Langsam werden die Bewohner des Schillerkiezes sichtbar: Alternative mit Dreadlocks, fesche Künstler aus dem Schillerpalais, die Türkin mit Kopftuch, der tätowierte Proll. Sie sitzen in der Sonne und trinken Latte Macchiato. Und ihre Kinder spielen auf den neu gestalteten Spielplätzen.“

Doch mit der Idylle kommen die Begehrlichkeiten. Makler rufen die Schillerpromenade zum „Hotspot“ aus. Investoren lassen nicht lange auf sich warten. Die Mieten steigen. Zunächst langsam, dann immer stetiger. Positiver Effekt: Mit der Mittelschicht siedeln sich auch die Dienstleistungsbetriebe wieder im Kiez an. Kaum ein Ladengeschäft ist heute noch unbesetzt. Obwohl diese Form der Aufwertung zunächst eine positive Nachricht für den Kiez darstellen könnte, nehmen die Konflikte zu. Viele können den Preiskampf bei den Mieten nicht mitgehen und fühlen sich verdrängt.

Neue halten, ohne die Alten zu verlieren

2015 zieht die taz eine erste Bilanz nach 15 Jahren Quartiersmanagement rund um die Schillerpromenade. Fazit: „Es gilt jetzt, ganz unwissenschaftlich gesprochen, die Neuen im Kiez zu halten. Ohne zu viele der Alten zu verlieren. Ein Kunststück, an dem Gebiete wie der Reuterkiez bereits gescheitert sind.“

Ob der beschlossene Milieuschutz für das Quartier die Wende zum Guten bringt, bleibt abzuwarten. Man kann es der Schillerpromenade nur wünschen, damit ihr die Vielfalt auch in Zukunft nicht verloren geht.

Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

3 Kommentare:

  • Gunnar sagt:

    schlecht recherchiert!
    1. Die Kirche hat ihren Turm nicht beim Bombenangriff verloren sondern schon vorher wegen des Flughafenausbaus, beim Bombenangriff ist dann nur noch die Glockenstube zerstört worden.
    2. Eine Kahlschlagsanierung in der Oderstraße hat es nie gegeben. Die Karreebauten dort sind in den dreißiger Jahren entstanden!
    3. und der Satz „Für Familien ist der Kiez unattraktiv, da die Schulen zerstört sind und keine weiteren in der näheren Umgebung liegen.“ erschließt sich nicht da die Karl-Weise Schule weiterbestand, auch wenn der Mädchenschulteil zerstört wurde, mal ganz abgesehen davon das zu dem Zeitpunkt die Attraktivität für Familien nicht an den örtliche Schulen gemessen wurde…
    4. Gentrification sind nicht Burgerläden und neues Gewerbe, nicht Mietsteigerungen auf einem extraangespannten Mietmarkt in Berlin.Und ob die digitale und gut ausgebildete aber immernoch arme „Boheme“ Gentrification is oder doch eher Pioniere ist zumindest Bedenkenswert. Es fehlend die gutverdienenden, die die eigentlichen Gentrifizierer wären. Die Schillerpromenade hat einen Transferempfänger Anteil von 31%, Arbeitslosigkeit 12% jeweils jedoch sinkend aber immernoch das Doppelte des Berliner Durchschnitts.

  • Fabian Friedmann sagt:

    Hallo Gunnar,

    danke für Deine Hinweise. Zu deinen vier Punkten hätte ich einige Anmerkungen.

    Zu 1.: Da hast du völlig Recht. Mit Turm war diesem Fall der „Glocken“(turm) gemeint. Ich habe es ergänzt.
    Zu 2.: Den Begriff „Kahlschlagsanierung“ bezüglich der Oderstraße habe ich einer Quelle entnommen.
    Zu 3.: Erschließt sich meiner Meinung nach sehr wohl. Der Schillerkiez verfügt zur damaligen Zeit und tut das heute noch über eine Schule, und das ist eine Grundschule. Eine weiterführende Schule gibt es nicht, im Gegensatz zu manch anderen Kiezen Neuköllns. Das ist damals wie heute für eine „gutverdienende“ Familie aus der Mittelschicht sehr wohl ein Kriterium, ob man sich irgendwo ansiedelt oder nicht, ebenso wie Kitas. Nur heute ist die Mobilität eine andere.
    Zu 4.: Wenn wir schon bei den Zahlen sind. Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote für Gesamt-Neukölln bei 12,5%. Da liegt der Schillerkiez leicht unter dem Durchschnitt Neuköllns. Aber: Die Nettokaltmiete von Neuvermietungen liegt aktuell im Schillerkiez bei 12,90€. Noch 2006 lag sie bei 4,90€. Das ist die Grundlage jeder Verdrängung. Warum ist das so? Weil die Nachfrage nach Wohnraum erheblich gestiegen ist. Burgerläden und neues Gewerbe sind dabei die Randnotizen, aber sie hätten sich ohne Aufwertung des Kiezes niemals dort angesiedelt. Dass nicht von heute auf morgen die Gutverdienenden komplett den Kiez übernehmen, versteht sich von selbst. Aber die Veränderungen sind schon lange sichtbar, auch wenn der Kiez noch sehr heterogen daherkommt.

  • gunnar sagt:

    Hallo Fabian

    zu 2: hier würde mich die Quelle interessieren, ich habe einen plan von Vermessungsamt Neukölln von 1940 wo es entlang der Oderstraße drei einhalb Blöcke im Format des neuen Bauens gibt (Tautblock etc.) die ab 1927 auf den dort noch bestehenden Freiflächen entstanden sind und auch bis heute so erhalten geblieben sind, nur leider teilweise in Eigentum umgewandelt.

    zu 3. Der Schillerkiez verfügt über eine öffentliche Grundschule, eine private Gemeinschaftsschule, eine Berufsfachschule die im Übrigen bis in die 70er eine Technische Fachhochschule war und direkt gegenüber im rollberg die Zuckmaier Schule, bzw. bis 2009 in der Karlsgartenstraße die Kurt Löwenstein Oberschule alles jeweils einmal über die Straße und nicht Kilometer weit weg, ebenso in Laufweite das Albert Schweizer Gymnasium am Hermannplatz etc. Oh und mit Kitas ist die Schillerpromenade seit Jahrzehnten „überversorgt“ es gibt als mehr Plätze als Nachfrage aus dem Eigenen Kiez.

    zu 4. nun kenne ich die zahlen für den Schillerkiez ziemlich gut, die Zahlen die du zu Mietpreisen anführst z.B. die 12.90€ haben wir als QM selbst berechnet.

    Das konkrete Problem damit hab ich an deinem kurzen Schluss zu Gentrification. Das eigentliche Problem ist der Berliner Wohnungsmarkt bzw. 1. internationale Nachfrage in Immobilien, in Deutschland, in Berlin, 2. den verhältnismäßig im internationalen Vergleich immernoch günstigen Mieten/Kaufpreise für Eigentum in der Stadt, 3. der Starke Zuzug nach Berlin ohne analog dazu notwendigen Neubau, 4. die Rückbesinnung auf Innenstädte statt Speckgürtel, und das erneute Interesse in Altbau. und 5. als gebietsspezifischen Aspekt: die Schließung des Flughafens und der darauf folgende Beschluss ihn nicht zu bebauen, denn das hat die Flächen hier erst so richtig interessant und teuer gemacht. Und im Übrigen natürlich der kapitalistische Wohnungsmarkt bzw. dessen fehlende Regulierung der diese Angebotsmietenzuwächse zuläßt.
    Die Frage ist auch welche Zeiträume für Veränderungen Du ansetzt und ab wann was sichtbar sein soll, das interessante ist doch: im gesamten S-Bahnring sind alle von dir angesetzten Kriterien in allen Bezirken gleichwirksam, es sind einfach keine Besonderheiten der Schillerpromenade (mit Ausnahme des Feldes). Interessant dazu die TOPOS Studie von 2011 die neben den vorn mir genannten Kriterien vor allem auf die von gentrifiern gewünschten Ausstattungs und Platzverhälntisse eingeht, die aufgrund der baulichen Situation und Grundrisse für den Schillerkiez nur schwer zu erreichen sind, nicht umsonst gibt es hier kaum Angebote für etwas anderes als Ein- oder Zweizimmerwohnungen

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