von am 4. November 2014
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Der kriegsbegeisterte Neuköllner Artillerist Bernhard Apelt (l.) im Geschützstand an der Ostfront 1916. (Foto: Familiensammlung Schmidtbauer)

Eine Schnupftabakdose aus Kriegsgefangenschaft, ein Abschiedsbrief kurz vor der Hinrichtung – Fundstücke, die erzählen, mit welcher Brutalität der Erste Weltkrieg auch die Neuköllner traf. Ausgestellt vom Mobilen Museum Neukölln an einem unheimlichen Ort: dem Friedhof Lilienthalstraße.

Der Friedhof Lilienthalstraße ist ein unheimlicher Ort – besonders an nebligen Herbsttagen. Wer sich durch das große Tor hindurch wagt, erschaudert spätestens bei der kühlen, klotzigen Architektur der Ehrenhalle. Neben dem Eingang erblickt man große, mahnend vor sich hin rostende, Buchstaben: „Erinnerung“, steht da.

Im Inneren der Ehrenhalle ist die Ausstellung „Neukölln im Ersten Weltkrieg 1914-1918“ zu sehen. Diese wird vom Mobilen Museum Neukölln organisiert. Für den Besucher stehen 15 große Plakate bereit. Mit Text und Bild stellen sie auszugweise dar, was sich in Neukölln abspielte. So berichten sie unter anderem über den Kampf um das tägliche Brot oder die Zwangswirtschaft und Rüstungsindustrie in der Arbeiterstadt Neukölln.

Selbstgeschnitzt in Sibirien: Schnupftabakdose von Anton Franke.

Selbstgeschnitzt in Sibirien: Schnupftabakdose des Möbeltischlers Anton Franke (Leihgeber: Dieter Franke)

Schicksale junger Soldaten

In der Mitte der Halle befindet sich eine Vitrine, gefüllt mit Erinnerungsstücken: Eine Feldflasche, ein englisches Horn, ein Kriegstagebuch und eine selbstgeschnitzte Schnupftabakdose. Die Schnupftabakdose ist ein Andenken von Anton Franke. Vor Kriegsbeginn arbeitete er als Möbeltischler in Neukölln – die Dose entstand während seiner russischen Kriegsgefangenschaft in Wladiwostok.

Max Reichpietsch

Max Reichpietsch (Foto: IISG Amsterdam)

Neben diesen persönlichen Hinterlassenschaften erzählt die Ausstellung auch etwas über einzelne Schicksale junger Soldaten aus Neukölln. Die Brutalität des Krieges spiegelt sich in einem Abschiedsbrief des Matrosen Max Reichpietsch, der am 5. September 1917 mit seinem Kameraden Albin Köbis standrechtlich erschossen wurde.

An ihnen wurde, so wird erklärt, ein Exempel statuiert, um gegen die „Disziplinlosigkeiten“ der Matrosen im Kriegshafen Wilhemshafen vorzugehen. Reichpietsch und Köbis wurden beschuldigt die „Rädelsführer“ einer Protestbewegung zu sein. Die Gründe lagen jedoch in der allgemeinen Unzufriedenheit der Mannschaft, ausgelöst durch das schikanierende Verhalten ihrer Vorgesetzten und mangelnde Verpflegung.

Patriotische Kriegsbegeisterung

Ebenfalls jedoch spiegelt die Ausstellung die Kriegsbegeisterung patriotischer junger Neuköllner wieder. So schrieb der Artillerist Bernhard Apelt seiner Mutter am 6. Februar 1918: „Der deutsche Soldat schießt noch lieber auf Vaterlandsverräter als auf Engländer!“ Dabei bezog Apelt sich auf die Berliner Arbeiter, welche in Neukölln für eine Beendigung des Krieges streikten.

Plakat zur Ausstellung

Plakat zur Ausstellung (Foto: Landesarchiv Berlin)

Die Ausstellung bietet ausgiebiges, geschichtliches Wissen über das Schicksal der Neuköllner im ersten Weltkrieg, überfordert den Besucher aber nicht. Im Gegenteil: Er bekommt vielmehr ein gut aufbereitetes, wertvolles historisches Wissen über das Stadtviertel geschenkt. Dafür muss er lediglich diesen unheimlichen Friedhof betreten, auf dessen Gelände zur damaligen Zeit ein Pionierübungsplatz war. Der Friedhof, samt Ehrenhalle, wurde dann während des nächsten Weltkriegs für die gefallenen Soldaten errichtet.

Mobiles Museum Neukölln: „Neukölln im Ersten Weltkrieg 1914-1918“, noch bis zum 10.11., Mi-So 12-17 Uhr, Ehrenhalle des Friedhofs Lilienthalstraße 7, Eintritt frei

 

 

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