von am 18. September 2011

Das Wahlergebnis steht fest! Zumindest wenn es nach den Kneipenbesuchern im Schiller- und Weserkiez geht. Das BARforschungsteam von Neukoellner.net hat Freitag Nacht eine Neuköllner Kneipenwahl vollzogen. Eine Stimme für eine Partei: Prost Wahlzeit!

Die beste Nachricht zuerst: Wer in Neuköllner Kneipen trinkt, ist wenig verdrossen. Satte 93 Prozent Wahlbeteiligung – ein solches Ergebnis gab es zuletzt bei der Volkskammerwahl 1990. Von wegen, Alkohol macht gleichgültig. Wir kombinieren: Freibier am Wahltag kann ein geeignetes Instrument zur Steigerung der politischen Partizipation Berliner Bürger sein und sollte nach der Wahl am Sonntag im Abgeordnetenhaus mit äußerster Dringlichkeit thematisiert werden.

Auch weiß der kundige Kneipengänger, was er will: Lediglich 2,7 Prozent aller Wahlberechtigten waren in ihrer Wahlentscheidung noch unentschlossen. Und die schwankten einmütig zwischen Grünen und Piraten. Kein Wunder: Das Großaufgebot an Kneipen erfordert bereits eine hohe Entscheidungsfähigkeit noch vor dem ersten Bier.

Aber nun zum eigentlichen Ergebnis:

Großer Gewinner sind die Grünen mit 41,03 Prozent – und das, obwohl in allen ausgewerteten Kneipen noch locker geraucht wird. Ob sich da der Wähler nich mal in die eigene Teerlunge schneidet…
Für die absolute Mehrheit reicht das zwar nicht, aber die Grünen haben reichlich Auswahl an Koalitionspartnern. Lediglich CDU und Die Linke kommen dafür nicht in Frage, sie haben nur knapp den Sprung ins Kneipenparlament geschafft. Das Ergebnis der Linken enttäuscht ein wenig,  aber der Hase liegt womöglich in der Methodik begraben: Für das Tristeza war leider keine Zeit mehr. Auch die SPD verlor kräftig und landete bei 17,58 Prozent. Hoch lebe unsere erste Bürgermeisterin RKK (Renate Kneipenqueen Künast)!

Neben der SPD bieten sich der Weserqueen zwei weitere Parteien als Steigbügelhalter an: Die Piraten liegen mit 11,37 Prozent nah an der letzten offiziellen Prognose, die Partei „Die Partei“ landet mit dem Traumwert von 11,03 Prozent auf Platz 4. Womöglich war der taktisch kluge, auf das Neuköllner Kneipenpublikum zugeschnittene Wahlkampf („Trinker fragen – Politiker antworten“) dafür verantwortlich, dass sich der Spitzenkandidat für Neukölln, Martin Sonneborn, seinen Senatorenparkplatz nun aussuchen kann, sollte sich RKK gegen die Resozialiserung der Piraten entscheiden. Vielleicht ein netter Posten als (Wiederauf-)Bausenator?  Chancen über Chancen, das ambitionierte Parteiprogramm durchzusetzen und am Prenzlauer Berg mit der Endlagersuche zu beginnen.

Eines von vielen: Opfer des Bar-O-Meters

Die gelebte Vielfältigkeit im Neuköllner Kneipenkosmos zeigt sich auch beim Blick auf die Sonstigen: 1,37 Prozent gehen an die DKP. Bei den ganz kleinen Sonstigen verteilen sich je 0,68 Prozent auf die Tierschutzpartei, die FDP und Wilhelm. Halb so viel Prozentpunkte gab es noch für die BIG-Partei, die nicht antretenden APPD (hat sich wohl im Untergrund verlaufen) und KPD (die ist doch verboten. Mensch!), für die Sternburger Partei und für Augustiner Bier (Prost! Prost! Prost!).

Abschließend ein Frontbericht von Barforscher Max, der im Schillerkiez auf Bar-O-Meter-Tour war. Prost Wahlzeit!

Wie das Leben spielt. Eine Rundreise durch die Kneipen-Soziotope im Schillerkiez

Unter der Pappelreihe: im Schillerkiez

Schon nach der zweiten Kneipe hat das BARforschungteam Schillerkiez eigentlich keinen Bock mehr. Der Anfang hätte schlechter nicht laufen können. Nach dem ersten Halt in einem halb leeren Laden füllen zwei Kategorien den Zettel. NPD: drei Striche, Nichtwähler: ein Strich. Die zwei miesgelaunten Männer, die mit der ganzen Sache offensichtlich nichts zu tun haben wollen, nicht mitgezählt. Im nächsten Lokal sind immerhin keine nationalistischen Tendenzen zu spüren oder zu hören, die allgemeine Stimmung und die dem Team entgegengebrachte Begeisterung hält sich aber in Grenzen. Jede Menge Depressionen, Alkohol und vor allem Politikverdrossenheit. Mit dem Thema Wahlen macht man sich hier eindeutig keine Freunde. Sätze wie „die sind doch eh alle korrupt“ oder „scheißegal, wen ich wähle, die machen doch eh was sie wollen“ werden auch den Rest des Abends keine Seltenheit bleiben und auf die Gesamtreaktionen hochgerechnet und ausgewertet, würden sie die 5-Prozenthürde mit Leichtigkeit nehmen. An dieser Stelle „einen schönen Gruß vom Henry: Wenn Wahlen was verändern könnten, wären sie verboten. P.S: Am Sonntag grillen wir richtig schön.“ Die Yvonne am Nebentisch schließt sich ihm an. Ein Schnaps fürs Team ist überfällig.

Nicht nach jeder Kneipe möchte man sich am liebsten gleich am nächsten Baum aufhängen, aber drei Stunden Bar-O-Meter gehen an die Substanz. In kurzer Zeit lassen sich die Höhen und Tiefen, das ewige Auf und Ab, die das Leben für die Menschen hier parat hält im Schnelldurchlauf intensiv durchleben. Viel Interesse und Freundlichkeit, viel kritisches Bewusstein und gesunde Skepsis, aber auch viel Ablehnung und Vorurteil, Resignation und Verzweiflung. Eine Rundreise entlang der gesamten Palette des Lebens.

Erstaunlich, wie jede Kneipe ihre eigene Mischung von Menschen, ihre eigene Stimmung, ihr eigenes Ambiente besitzt. Was vielleicht auf den ersten Blick, die ersten Gespräche nicht gleich erkennbar wird, kristallisiert sich im zunehmenden Vergleich immer mehr heraus. Ob Eckkneipe oder Szenelokal, jeder Laden begegnet dir auf seine Art, seine Seele.

Und selbst wenn ein zwei Kneipen auf Grund der vorherrschenden Gesinnung hoffentlich nicht wieder betreten werden müssen; hin und wieder mal die gewohnten Pfade der Stammkneipen zu verlassen und mit anderen Welten konfrontiert zu werden, lohnt sich allemal. Und sei es, dass der Henry zum Abschied grüßt: „Danke für Euren Besuch.“

Ergänzung von Barforscherin Sabrina:

Die Szenekneipen auf dem Weserstrich zeichnen ein homogeneres Bild: freundlich, offen und interessiert waren fast alle. Vielmehr gestaltet es sich oftmals sogar richtig schwierig, sich aus den sich ergebenden (auch konstruktiven) politischen Diskussionen wieder zu lösen, um das straffe Abendprogramm zu schaffen. Zum Abschluss gibt es in der türkischen Teestube „Cafe Kanka“  Nachhilfe im Kartenspielen bei Tee und Raki. Und die Herren würden sich freuen, wenn wir sie dort mal wieder beehren, um über Licht und Schatten in Neukölln zu plaudern.

Text: Dominik Sindern / Sabrina Markutzyk

 

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