von am 8. Mai 2012

Der Name ist Programm. Wenn man in der Herrfurthstraße „zum Freund“ geht, besucht man keinen Kumpel zum Zeitvertreib, sondern geht einkaufen. Bei Freunden.

„Schöner Name, wa?“ Zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern betreibt Hatice seit 2005 den Kiosk/Spätkauf/Gemischtwarenladen „zum Freund“ in der Herrfurthstraße, in dem man neben den üblichen Waren wie Presse, Tabak und Alkohol auch Dinge erstehen kann, die unter gewissen Umständen mindestens so überlebenswichtig sein können: Paniermehl, H-Milch, Haartönung oder Geschenkpapier zum Beispiel.

„Hallo Klaus. Wie geht’s dir, Klaus?“ Klaus geht es gut, er bekommt – ohne was sagen zu müssen – seine Zeitung in die Hand gedrückt, zahlt und zieht wieder von dannen. Hatice kennt viele ihrer Kund/innen persönlich und beim Namen. „Ich suche dann gleich die richtige Zeitung heraus, die Zigaretten oder schenke einen Kaffee ein – ohne zu fragen, dann sind sie sehr zufrieden.“

Die Freundesgalerie

Freundschaft wird hier nicht als inhaltsleere Worthülse verstanden, wie sie z.B. auf Facebook in hundertfacher Ausführung gedankenlos per Mausklick im digitalen Orbit verteilt wird. Wer zum Freund geworden ist, der hängt zwar auch mit Foto, aber dafür ganz in der Realität verhaftet an der Ehrenpinnwand im Laden, gleich links neben der Eingangstür. Eine ehemalige Mitarbeiterin, die mittlerweile weggezogen ist, lächelt ebenso als Bild verewigt von der Wand,  wie der kleine Can, der eine Woche alte Enkel von Hatice. Dazu mischen jede Menge Männer in Orange von der Berliner Stadtreinigung mit. „Die Müllmänner kommen immer zum Kaffeetrinken.“

Am meisten wird aber immer noch etwas anderes verkauft: Bier. Und Käsestangen. Alle wollen sie ihre Käsestangen haben, die sie zu Hause selbst backt.

„Du musst jeden Tag hier sein, auch wenn du krank bist.“

Schön sei es schon, so einen Laden zu haben, aber eben auch sehr viel Arbeit. Um sieben Uhr in der Früh machen sie auf. Jeden Tag. Und wenn genug los ist, haben sie bis 12 Uhr nachts geöffnet. Früher, bevor sie den Laden hatten, hat Hatice als Metallerin gearbeitet und ihr Mann hat Autos verkauft. Manchmal sehnt sie sich nach früher zurück. „Du hast keine Zeit mehr, du musst jeden Tag hier sein, auch wenn du krank bist.“

Alles vorhanden: von der Haartönung zum Panniermehl

Stolz auf ihren Laden ist Hatice trotzdem, vor allem seit Uli Hannemann dem Eckladen in seinem Kultbuch „Neulich in Neukölln“ als „Gemischtwarenladen“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

Momentan hat sie aber andere Sorgen. Auf den Späti-Spießbürger angesprochen, der im Prenzlauer Berg sein Unwesen treibt und die mehr geduldeten als legalen Öffnungszeiten an Sonn- und Feiertagen von Spätis bei Ämtern denunziert, entgegnet sie, gehört zu haben, dass Kollegen sonntags nur noch bis Mittag geöffnet haben. Aber gerade Sonntag, vor allem wenn die Sonne scheint, gibt es viel zu tun. Im Gegensatz zu vielen Tagen unter der Woche. Da teilt sie die Hoffnung vieler Bewohner/innen des Schillerkiezes: „Es soll so bleiben, wie es ist.“

„zum Freund“
Lichtenrader Str. 11
tägl. ab 7 Uhr

 

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