von am 28. Januar 2013

Vor Kurzem hat das Fuchs und Elster nach einer langen Pause seinen Kellerclub wiedereröffnet. Wir waren zuvor zu Besuch und haben uns mal die ganze Geschichte erzählen lassen.

Text: Karolin Korthase, Max Büch

Zahnbürsten können viel erzählen. Über die hygienischen Vorlieben ihrer Benutzer zum Beispiel und auch über ihr Sozialverhalten. In der Weserstraße 207 gibt es viele davon. So viele, dass die Halter handschriftlich mit Namen versehen sind, damit es zu keinen Verwechslungen kommt. Wie auf einer Perlenschnur erstreckt sich die Zahnbürsten-Armada über die Badezimmer-Wand und verrät, dass hier entweder eine Großfamilie mit zehn Kindern oder eine Gruppe von Menschen mit einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn zu Hause ist. Letzteres ist der Fall.

Dorle (40), Julian (34) und Robin (27) sind urbane Aussteiger, die ihren Lebenstraum nicht auf dem Land, sondern mitten in der Stadt verwirklichen. In Laufnähe zum Hermannplatz betreiben sie das „Fuchs und Elster“ – ein bunt-nostalgischer und hippiesker Veranstaltungsort, der im Erdgeschoss eine Bar und im Keller einen Club beinhaltet. Gleich nebenan, in einer ausgebauten Fabriketage im Hinterhof, wohnen die drei Gründer, deren Leben sich um Arbeit oder deren Arbeit sich um’s Leben dreht. Trennen lässt sich das bei Ihnen nicht. „Wenn Musiker bei uns spielen, dann essen die auch mit uns zu Abend“, erläutert Dorle. Und wenn Julian nachts im Bett liegt, kann er jedes Husten aus dem Keller hören oder auch bisweilen ganzen Gesprächen folgen.

Am Anfang sei die Idee gewesen einen „Ort zu schaffen, der sich nach Zuhause anfühlt, an dem sich Menschen willkommen fühlen“, erzählt Dorle, die ein bisschen aussieht wie eine erwachsene Ronja Räubertochter. Als sie vor vier Jahren zusammen mit Robin die Räumlichkeiten in der Weserstraße entdeckt hatte, war schnell klar, dass hier so ein Ort entstehen könnte. Nur die Umstände waren damals widrig. „In der Durchfahrt war `ne Fixerstube, und in der Dachstube haben Zugedröhnte neben Tauben gelegen“, meint Robin. Generell sei die Stimmung in der Straße „ziemlich düster“ gewesen. Zusammen mit Dorle zog er in jenem Jahr, den 40 Zentimeter Schnee zum Trotz, in einen Wohnwagen im Innenhof und begann mit dem Ausbau der Wohnung. Kurz darauf folgten die Bar und der Durchbruch zum Keller. Erfahrungen im Veranstaltungsbereich hatte zu diesem Zeitpunkt keiner vom Team: „Wir haben erst angefangen und dann nachgedacht“, sagt Dorle dazu und lacht.

Entweder eine Großfamilie oder eine Gruppe mit einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn.

Sie hatte zuvor als Grundschullehrerin gearbeitet und in der Anfangszeit vom „Fuchs und Elster“ noch beides parallel gemacht. Robin gab seinen Job als Headhunter schon kurz vor der Eröffnung auf. Nur Julian ist bei seinem Beruf als Barmann geblieben – bis heute.

Drei Eltern sind für eine „Familie“ – wie sie ihr Projekt mit dem erweiterten Kreis aus Mitmachern und Freunden am liebsten bezeichnen – eine eher unkonventionelle Zahl, aber die Mischung aus Träumerei, Skepsis und Realismus scheint sich gut zu ergänzen. Während der Erzählfluss aus Robin heraussprudelt, sitzen die beiden anderen entspannt auf dem Sofa und hören zu. Dorle schließt sich den Ausführungen an, korrigiert ein bisschen Übertreibung hier, ein wenig Träumerei dort, und Julian, der sich eher zurückhält, bringt das Gesagte noch einmal präzise auf den Punkt.

„Ich war mir sicher, es kommt sowieso kein Mensch“, erinnert sich Dorle an die Anfänge des „Fuchs und Elster“. „Robin war davon überzeugt, dass der Laden aus allen Nähten platzen würde, und Julian sagte: Naja, mal gucken.“

Es wurde voll. Rappelvoll. Mit regelmäßigen Konzerten und den anschließenden Partyabenden waren die drei zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Damals gab es in der Gegend rund um den Hermannplatz keine Location, wo man verlässlich bis spät in die Morgenstunden tanzen konnte. Zumindest nicht mit einer Clubatmosphäre, nicht in einem improvisierten Kellergewölbe versteckt und nicht mit so einer Musik.
Club gleich Techno – das war zu der Zeit fast schon ein ungeschriebenes Gesetz in Berlin. Im Fuchs und Elster legte man dagegen wieder Wert auf handgemachte Musik mit einem Faible für Nostalgisches. Mit Swing, Klezmer und Rock’n’Roll füllte der Laden in der Weserstraße schnell das vorhandene Vakuum. Er wurde zum Auffangbecken für Bands und Straßenmusiker, die bei anderen Vorreitern wie dem „Hotel“ in der Mariannenstraße zwar spielen konnten, aber nicht mit den Möglichkeiten und Kapazitäten, die sich im Keller in der Weserstraße boten.

„Wir haben nur noch gebaut und veranstaltet“, erinnert sich Robin. „Die ersten fünf, sechs Monate sind wir kaum zum Hermannplatz gekommen“, pflichtet ihm Julian bei.

Im Familienkreis: das Fuchs und Elster.

Der Zeitgeist scheint es gut mit ihnen gemeint zu haben. Vielleicht zu gut.

Auch der Easy-Jet-Set wurde auf den Club aufmerksam. Das Bordmagazin einer Fluggesellschaft, deren Billigflüge täglich Tausende Partytouristen in die Hauptstadt befördern, kürte das „Fuchs und Elster“ zu einem ihrer Top-Nightlife-Tipps in Europa. Dazu kam der Aufstieg in den fragwürdigen Reiseolymp des Lonely Planet. Ehrungen, die bei den Betreibern auf wenig Gegenliebe stießen. Soweit es möglich war, ließen sie die Tipps wieder entfernen oder zumindest aus dem Netz nehmen. Und wenn ihnen der Laden doch zu voll oder die Schlange davor zu lange wurde, fuhren sie ihre Fuck-Off-Strategie. Will meinen: „Den DJ kidnappen und schlechte Punkmusik spielen“, berichtet Dorle.

Mit dem Hype änderte sich über die Zeit auch das Publikum: Es wurde touristischer. Stammgäste blieben in Konsequenz nicht nur wegen des eingeführten Rauchverbots fern. „Neuköllner-Urtyp-Underground-Laden?? Haha, eher ‘n Umsonstpuff für die „Extrahippen“ und Erasmusstudent/innen inkl. seltsamer Türpolitik!“, polemisiert Mara123 auf dem Meckerportal „Qype“. Andere Stimmen trieben die Kritik auf die Spitze und gaben dem „Fuchs und Elster“ eine Mitschuld an der vielbeschworenen Gentrifizierung Nord-Neuköllns. Die Betreiber begegnen solchen Vorwürfen mit Ironie: „Es gab schon mal die Überlegung eine weitere Bar aufzumachen und sie „Gentristube“ zu nennen“, erzählt Robin. Bei allem Sarkasmus ist man sich der Problematik aber durchaus bewusst. „Wir sind unabsichtlich auch kleine Investoren“, gesteht Dorle, „aber ohne Profitgier“ und kommt auf das zweite Großprojekt, das „zuhause e.V.“ zu sprechen.

Vor zwei Jahren haben die drei das Neckarhofgebäude auf dem Gelände der alten Kindl-Brauerei mit dem Ziel angemietet, dort auf lange Sicht eine Art Kulturkosmos in Neukölln zu schaffen. Finanziert wurden die Planungen, in die streckenweise bis zu 75 Leute involviert waren, mit Mitteln aus dem „Fuchs und Elster“. Neben dem provisorischen Theater, das im ersten Untergeschoss eingerichtet wurde und dem rauchwilligen Publikum ein neues Refugium bot, entstanden dort Ateliers und Büroräume. Als End- und Kernprojekt sollte schließlich das vierte Untergeschoss mit Räumen für Club, Theater und Ausstellung entstehen. Bei solchen Großprojekten greift dann das Familiensystem. Wie bei einem großen Ball kann jeder mit anschieben, so lange er da ist. Aber den „Kopf hinhalten tun die Eltern“, beschreibt Robin die schlussendliche Verantwortung und Entscheidungskompetenz ihres Familienunternehmens.

„Wir haben nur noch gebaut und veranstaltet.“

Bei der großen offiziellen Auftaktveranstaltung, die zum Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“ im letzten Juni stattfinden sollte, kam es schließlich zu einem herben Rückschlag. Eine anonyme E-Mail ging an das Ordnungs- und Bauamt Neukölln, die auf mangelnden Brandschutz hinwies. Das Amt musste einschreiten und das umfangreiche Programm kurzfristig absagen. Das Großprojekt eines Kulturzentrums liegt seitdem auf Eis und viele Mitarbeiter mussten sich wieder eigenen Projekten zuwenden.

Die Enttäuschung darüber ist den Machern vom „Fuchs und Elster“, auch wenn sie es nicht offen zugeben, noch immer anzumerken. Gerade Clubbetreiber scheitern immer wieder an den strengen Auflagen der Neuköllner Kulturpolitik, was paradox ist, denn die alternativen Kulturprojekte sind ein entscheidendes Gegengewicht zu dem Problemimage des Bezirks.

„Es ist oft so, dass unsere Ideen schneller sind, als unsere Körperkraft. Da brennt man schnell aus“, sagt Dorle zu dem gescheiterten Projekt. Ein positiver Aspekt des Ganzen sei aber, dass sie sich inzwischen im Bürokratiedschungel und in der Antragsflut der Ämter bestens auskennen würden.

Wenn Visionen auf Realität treffen, folgt leider oft Ernüchterung. Dorle, Julian und Robin haben die freien Kapazitäten genutzt, sind in der Zwischenzeit für Veranstaltungen mit ihrem Team an andere Orten ausgewichen, haben ein Sommerfest im Columbiabad Neukölln organisiert und sich wieder mehr ihrem Club in der Weserstraße gewidmet, den sie im letzten halben Jahr auf Vordermann gebracht haben.

Den Anfangsfehler sich zu sehr dabei zu verausgaben, würden sie inzwischen nicht noch einmal begehen. „Wir sind eine sehr gesunde Gruppe. Geworden.“ Sagt Robin und nippt an seinem Glas Rum.

Der Artikel ist in gekürzter Fassung im Berlin-Kulturteil der taz vom 26./27.01.2013 erschienen.

 

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