von am 26. Oktober 2014
Susanne-Lorra

Susanne Lorra, Filialleiterin der Apotheke am Herrfurthplatz.

Christiane Eichhorst führte die kleine Apotheke am Herrfurthplatz 35 Jahre lang. Erschienen ihr die Schmerzmittel für „eine so junge Frau wie Sie“ zu stark, bekam man sie nur im Tausch gegen den entsprechenden Hintergrundbericht ausgehändigt. Dazu wiegte sie dann vage bekümmert den Kopf, gab Ratschläge oder seufzte einfach „Ach!“ – und man war getröstet. Vor einigen Wochen ist Christiane Eichhorst in Rente gegangen und eine neue Generation hat die Apotheke übernommen: Susanne Lorra als Filialleiterin und ihr Mann Robert Lorra als Inhaber. 

Interview und Fotos: Ines Meier

Frau Lorra, haben Sie denn das Gefühl, Sie treten eine Art Erbe an?
Irgendwie schon. Frau Eichhorst war doch hier eine Institution, oder? Jeder kennt sie, sie kennt jeden. Die Leute waren sehr überrascht, dass sich etwas, das – in Anführungsstrichen – schon immer da war, ändert.

Wie sind denn die Reaktionen?
Es gibt die Gruppe der ganz Alteingesessenen und diejenigen, die seit etwa drei bis fünf Jahren hier im Kiez sind. Die Alteingesessenen sind zuerst sehr zurückhaltend gewesen, aber als sie gemerkt haben, dass die Apotheke nicht schließt, waren eigentlich alle froh. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen hier Angst hatten, dass die Apotheke nicht überlebt. Der Vermieter hatte mehrere Anfragen für Bars und Cafés und einige Bewerber, die hier eine Luxus-Komplettsanierung machen wollten. Diese Anfragen wurden abgelehnt, um das Kiezige, Ursprüngliche zu erhalten. Trotzdem müssen natürlich viele Dinge in den Räumen hier erneuert werden, das unterstützt der Vermieter auch sehr.

Ich habe kürzlich eine Theorie gehört: Dass die Leute seit dem Wechsel nicht nur zu Ihnen in die Apotheke kommen, um zu überprüfen, was da vor sich geht, sondern vor allem, um Sie darin zu bestärken, diese Art von Apotheke zu erhalten. Weil sie merken, dass eine Apotheke, wie die, die Frau Eichhorst geprägt hat, nicht selbstverständlich ist.
Ja, das ist so eine Mischung, den Eindruck habe ich auch. Sie wollen, dass es weiter geht und sind froh darüber, mögen andererseits aber auch nicht zu starke Veränderungen. Was Frau Eichhorst gemacht hat, war gut, diese Zeit ist aber leider zu Ende – einerseits, weil verschiedene Anforderungen schlicht und einfach nicht erfüllt wurden. Und man muss ganz klar sagen, dass wir die Preisschiene von Frau Eichhorst so nicht fortführen können. Wir versuchen eine gute Mischung zu finden und etwa das Sortiment mit Produkten auszubauen, die auch gut sind, aber im Vergleich zu anderen Produkten preisgünstiger. Wir wollen versuchen, die guten Seiten dieser Apotheke zu erhalten. Und es macht Spaß, sie wieder ein bisschen aufzupolieren – die Türen zum Beispiel wurden sicherlich Jahrzehnte nicht gestrichen.

Ich fand immer, dass es in dieser Apotheke einen intimen Gesprächsraum gab. Die Leute kommen meist in eine Apotheke, wenn es ihnen nicht gut geht und erzählen dann ausgehend von ihrer Krankheitsgeschichte manchmal auch ihre Lebensgeschichte. Das macht den Raum sehr besonders. Stimmen Sie dem zu und wie erleben Sie das aus ihrer Perspektive?
In meiner alten Apotheke war die Atmosphäre auch so wie hier. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Kunden beziehungsweise Patienten nicht einfach so durchlaufen. Große Apotheken wie etwa am Herrmannplatz haben viele sogenannte Frequenzkunden – Leute also, die rein und wieder raus gehen und nie wieder kommen. Bei diesen Kunden geht es oft um den Preis, da entsteht auch eher eine Supermarktatmosphäre. Aber hier haben Sie sehr viele Stammkunden, die bevorzugt zu Fuß und aus dem Wohngebiet kommen – und Apotheken mit Stammkunden haben genau diese Atmosphäre. Da muss man als Apothekerin auch anders handeln, denn die kommen immer wieder (lacht). Bei den Stammkunden geht es um die Sozialfunktion, darum, dass man als Apothekerin immer da ist, zehn Stunden am Tag. Sie lernen die Lebens- und Krankheitsgeschichten kennen. Alle Kiezapotheken haben dieses Persönliche. Und die Einrichtung bildet das ja auch ab – dieser klassische Tisch. Das, was dahinter steht, nennen wir Sichtwahl, weil man nur mit den Augen wählen darf. Sie stehen als Kundin also noch richtig am Tisch und kucken, sagen und fragen und die Apothekerin antwortet. Der Raum hier macht das noch besonders, weil er so klein ist.

Regal

Antike Einrichtung in der Apotheke.

Wie kam es dazu, dass Sie die Apotheke übernommen haben?
Das Haus nebenan gehört einem Bekannten, der so wie ich vor ein paar Jahren einen pharmazeutischen Großhandel gegründet hat. Darüber kennen wir uns und er beliefert uns auch. Er hat meinen Mann und mich angesprochen, ob wir diese Apotheke hier am Herrfurthplatz übernehmen wollen, das wäre doch ein guter Standort. Er kannte Frau Eichhorst ein bisschen, sie suchte jemanden und er hat uns zusammengebracht. Dann ging alles ziemlich schnell, weil Frau Eichhorst die Apotheke lieber heute als morgen abgeben wollte. Wir mussten dafür noch diverse Erlaubnisse einholen und dann hat es ungefähr acht Wochen gedauert, länger nicht.

Wohnen Sie auch in Neukölln?
Nein, ich habe früher in Stahnsdorf gewohnt, wo ich die Apotheke hatte, und wohne inzwischen in Zehlendorf, weil meine Eltern dort schon lange leben. Ich bin also quasi neu in Neukölln.

Kannten Sie den Kiez hier?
Auch nicht, ich war vor 15 oder 20 Jahren das letzte Mal hier. Ich konnte mich daran erinnern, aber es war schon ewig her. Ich war das erste Mal wieder hier, als ich Frau Eichhorst kennengelernt habe und habe gestaunt, wie sich das verändert hat.

Haben Sie Zeit, auf Entdeckungstouren zu gehen?
Überhaupt noch nicht, das ist mir auch peinlich. Aber wir sind hier im Chaos gelandet. Frau Eichhorst hat gesagt: „So, Frau Lorra, das ist jetzt ihr’s.“ Und danach war sie weg und wir hier allein. Frau Eichhorst kannte jeden und wusste, wo jede Packung ist, deswegen ist sie auch so eine Institution. Aber niemand außer ihr wusste, wo die Sachen liegen, weil sie im Laufe der Zeit ihr eigenes Ablagesystem entwickelt hat. Ein System, das – sagen wir mal so – für einen anderen Menschen nicht unbedingt durchsichtig ist. Eher so, wie man zu Hause etwa eine Zahnbürste ablegt – es ergibt sich einfach. So ist das in der Apotheke auch gewesen. Das hatte zur Folge, dass wir hier erst einmal alles aus den Regalen und Fächern geholt und auf einen großen Tisch gelegt haben. Und dann überlegt haben, dass wir alles alphabetisch sortieren. Deswegen haben wir bis jetzt die ganze Zeit eigentlich immer durchgearbeitet. Und dadurch bin ich noch gar nicht rausgekommen, außer, dass ich immer mit dem Rad über das Flugfeld hierher fahre.

 

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