von am 30. Mai 2013

Seit 30 Jahren existiert das Sexkino im Reuterkiez – trotz der boomenden Internetpornografie. Wir haben uns hineingewagt und Antworten in der neonbeleuchteten Pornowelt der 80er gesucht.

Sie huschen schnell rein und wieder raus. Wirklich gesehen werden, möchten die Wenigsten. In Zeiten des Internets wirkt es wie ein kleines Wunder, dass Sexkinos überhaupt noch existieren. Hat man einmal den Schritt durch die Eingangstür, über der in rot-leuchtenden Lettern „SEX – KINO – SHOP“, gewagt, findet man sich nicht nur im grellen Neonlicht wieder, man fühlt sich auch versetzt in eine andere Zeit.

In die späten 70er, frühen 80er Jahre, als Pornografie in Deutschland teilweise legalisiert wurde und Pornokinos sich erfolgreich etablierten. Von „Premium“, der neuen Sexshopstrategie der letzten Jahre, die Dildos, Peitschen und Dessous in offen gestalteten Läden bieten, ist hier nichts zu spüren. In den 30 Jahren, die es das Sexkino im Reuterkiez gibt, hat sich anscheinend nichts verändert: Alles wirkt ein bisschen schmuddelig, ein bisschen verrucht – aber gut sortiert.

Der Sex-Kino-Shop ist größer, als man es von außen erwartet. Zwei große Räume, bis unter die Decke gefüllt mit Filmen zum Leihen und Kaufen, Sex-Spielzeug und Heftchen. Dazu ein Kino, drei Kabinen und ein Studio. Keine Spielart ist hier unbekannt, für jeden Geschmack gibt es etwas: Hetero, Gay, Riesenmöpse, Fetisch, Hard Core, BDSM und Sachen, die fast schon zu ordinär sind.

Dank Stammkunden brummt das Geschäft

Hinter der Kasse arbeitet seit fünf Jahren Christa Schmidt*. An eine Frau, erzählt sie, mussten sich die Kunden am Anfang erst gewöhnen. Die kamen rein, sahen sich um und gingen wieder. Inzwischen ist das Verhältnis entspannt und Christa Schmidt kommt ins Schwärmen: Ganz tolle Stammkunden hätte der Laden. Die seien auch ein Grund dafür, dass es läuft wie geschmiert, denn die meisten Kunden folgten der Mundpropaganda. Zwischen 18 und 80 sind die Kunden des Sex-Kino-Shops. Manche kommen hin und wieder zum Gucken in die Friedelstraße, andere verbringen regelmäßig ganze Tage vor der Leinwand.

Das erste Sexkino in Berlin, das „Abnormitäten- und Biograph-Theater“, eröffnete 1899. Statt Sex wurde Striptease gezeigt. In den 20er Jahren erlebte der Pornofilm dann seine erste Blütezeit, die im Nationalsozialismus der 30er Jahre ihr jähes Ende fand. Mit den Aufklärungsfilmen der 60er Jahre von Oswald Kolle, schwedischen „Nudies“ und experimentellen Filmen wie „Deep Throat“ feierte der Porno sein Revival. Die Videokabinen brachten Beate Uhse damals ordentliche Gewinne, Pornofilme trugen mit 50 Prozent zum Umsatz bei. Dann kam das Internet, Pornografie per Mausklick. Pro Jahr erwirtschaftet die Porno-Branche weltweit Umsätze im Milliardenbereich. Zwischen 200.000 und 500.000 Pornosüchtige gibt es schätzungsweise heutzutage in Deutschland.

Sexspielzeug alle zwei Wochen vergriffen

Im Sex-Kino-Shop sind all diese Entwicklungen noch nicht angekommen. Neun Plätze fasst das Sexkino. Durchschnittlich werden vier Pornos pro Tag gezeigt, einige dauern eineinhalb bis zwei, einige vier, der längste zehn Stunden.

Mehr Intimsphäre als das Kino bieten die Kabinen. 24 Filme stehen dort zur Auswahl, bezahlt wird nach Guckdauer. Von Außen sehen die Kabinen aus wie Holzverschläge mit einem Innenmaß von vielleicht ein mal 1,20 Meter: schwarze Wände, eine Lampe, ein Fernseher und ein IKEA Poäng-Sessel mit blauem Laken, unter dem ein halbvoller Aschenbecher steht.

Das Studio, ein separater Raum, kann man ab einer halben Stunde buchen. Es sei auch beliebt bei Pärchen, erzählt Christa Schmidt. 30 Minuten kosten fünf Euro.

Im Sex-Kino-Shop laufen die Sexspielzeuge besonders gut, alle zwei Wochen muss nachbestellt werden. Blickt man auf das Sortiment, kann man das kaum glauben, das Verpackungsdesign schreit nach 80er Jahre. In den Regalen findet man allerlei: Handschellen, Dildos, Vibratoren, Gleitgel, Handmuschis, Penispumpen, Penisringe, Liebeskugeln, Strap-Ons und einiges mehr. Den Topseller-Penisring gibt es noch. Der Topseller-Vibrator ist schon wieder vergriffen.

Christa Schmidt wird also – mal wieder – nachbestellen müssen. Und dem Reuterkiez wird, Internet hin oder her, sein Stück Pornogeschichte vielleicht noch weitere 30 Jahre erhalten bleiben.

*Name von der Redaktion geändert

 

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