von am 15. März 2012

Noch verstecken sie sich im U-Bahnhof Schönleinstraße, aber ein stadtweiter Siegeszug ist geplant. „Rice up“ verkaufen Onigiris – Reisbällchen mit allerlei Füllung, die in Japan jeder und hier bislang kaum jemand kennt.

Drei Schritte zum Genuss: Plastikstreifen einmal rund herum abziehen, eine Ecke rechts und eine links entfernen. Schon legt sich das Noriblatt, die knusprige Meeresalge, auf den Klebereis und das Onigiri ist fertig zum Reinbeißen. Onigiri ist ein Snack in Triangel-Form aus Japan und Korea mit 20 Gramm Füllung und 100 Gramm Reis. Der wird nur gesalzen, nicht gesäuert wie beim Sushi, auch ein bisschen Pfeffer oder schwarzer Sesam ist erlaubt.

Onigiris könnten ein neuer Stern am Fast Food-Himmel werden, das zumindest wünscht sich Geschäftsführer Thorsten Reuter, der zusammen mit seinem Partner Arev Karpert mit „Rice up“ den ersten Onigiri-Shop Berlins eröffnet hat. In einem fünf Quadratmeter großen Kiosk im U-Bahnhof Schönleinstraße verkaufen sie Reiskombinationen wie „Strauchbohnen in Thai-Curry“, „Lachs & scharfe Pflaume“ oder „Ingwerhühnchen & Süßkartoffel“, in Bio-Qualität. Superlecker, aber kann das gehen?

Eure Ausgangsidee war, gesundes Fast Food auf den Markt zu bringen. Warum gerade Onigiri?

Kiosk U-Bahnhof Schönleinstraße

Kiosk U-Bahnhof Schönleinstraße

Thorsten Reuter: Onigiri hat halt den großen Vorteil, dass man das mitnehmen kann. Da sind keine rohen Sachen drin, Du kannst es im Prinzip füllen, mit was Du willst, kannst auch ein Haribo-Bärchen reintun. Aber dadurch, dass Du das eben mitnehmen kannst, hat das für gestresste Großstädter natürlich eine unglaubliche Faszination, zumindest rein theoretisch, also wir können jetzt nicht auf jahrelange Erfahrung zurückgreifen, aber in Japan funktioniert das, ist es marktfähig, in Korea auch.

Die Idee klingt lukrativ. Seht ihr „Rice up“ als Eure Cash Cow, die Euch finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht oder was interessiert Euch an dem Projekt?

Das ganze Produkt ist eine Fusion aus vielen Sachen: gesundes Essen, asiatische Bekömmlichkeit, Fast Food und Bioqualität. „Rice up“ kann ja auch ein politischer Kampfbegriff sein, also steh’ auf, protestiere, überlege Dir, was Du da in Dich reinstopfst und wenn Du schon was in Dich reinstopfen möchtest, dann iss' doch was Gesundes. Dazu Nachhaltigkeit und unternehmerisches Denken… Das versuchen wir in ein homogenes Ganzes zu bringen. Natürlich wollen wir auch Geld damit machen. Klar hätte ich Lust, mir damit auch einen kleinen Traum zu erfüllen. Vielleicht ein Häuschen am See irgendwo, aber wir wollen jetzt nicht auf Teufel komm’ raus Millionäre werden.

Beim Thema Nachhaltigkeit und Essen geht es ja nicht nur um gesunde, sondern auch um saisonale und regionale Produkte. Wie kauft ihr ein?

Regional und Bio einzukaufen, ist kompliziert. Unser Bio-Lachs ist aus Norwegen, die Nori-Sheets kriegen wir aus Korea, den Reis aus Italien – den gibt es sonst nirgendwo auf der Welt in Bio-Qualität. Was die anderen Zutaten angeht, sind wir wie jeder andere angewiesen auf das regionale Sortiment der zwei, drei Großhändler hier in Berlin. Das heißt, egal wie lecker die Tomate vom Nachbarn ist, die mit Sicherheit nicht behandelt wurde, egal wie regional die ist, wenn da kein Bio-Siegel drauf ist, dann kann ich

die nicht verwerten.

Habt ihr Konkurrenz? Wo sonst gibt es solche Reisbällchen in Berlin?

Es gibt in der Tat kleine Anbieter, so Convenience Stores, die ein bisschen auf Japan machen, oder bei Japanischen Imbissen, da sind ab und zu auch Onigiri im Regal. Aber es existiert kein Onigiri-Shop in Berlin. Es gibt einen in Düsseldorf und das ist ein Japaner, aber der hat zu 90 Prozent japanische Klientel.

Rice up-Onigiri

Jetzt ist der Kiosk seit etwa drei Monaten geöffnet. Wie läuft’s?

Einerseits ist es gut angelaufen, weil wir mit diesem Standort hier natürlich so ein Paradox geschaffen haben. Es erwartet keiner hier Bio, es erwartet keiner Onigiris, das gibt’s so nirgendwo in Deutschland. Und dann halt in der Schönleinstraße, wo nicht nur die Geisteswissenschaftler in die Uni fahren morgens, sondern wo wirklich alles rumläuft. Das Paradoxon hat den Vorteil, dass wir sehr viel Medienaufmerksamkeit bekommen. Und auf der anderen Seite haben wir natürlich den Nachteil, dass wir wissen, dass sie uns hier nicht die Bude einrennen werden. Das war natürlich auch das Risiko, jetzt wird es Sommer, es wird weniger U-Bahn gefahren, nun müssen wir schauen, dass wir mehr von diesen Onigiri auch auf anderen Wegen verkaufen können.

Ein Onigiri kostet 2,50 Euro, dazu habt ihr Kaffee, Chai Latte, Smoothies oder auch Cola im Sortiment. Wer kauft bei Euch ein?

Wir haben keine Studie betrieben, aber ich würde sagen, dass es doch 65, 70 Prozent Frauen sind, von Anfang 20 bis 45 Jahren, so grob geschätzt. Leute, die sich mit dem Thema Nahrungsmittel auseinandersetzen. Dann auch Comic-Freaks, die viel Mangas lesen, die Onigirs daraus kennen. Und es gibt auch Japaner, die hier kaufen. Viele werden wir wahrscheinlich am Anfang vertrieben haben, weil der Reis zu matschig war, aber das ist jetzt nicht mehr so und mittlerweile kommen die auch zurück.

Der U-Bahnhof Schönleinstraße ist nicht gerade der luftigste und entspannteste Ort. Wie arbeitet es sich denn hier?

Am Anfang haben natürlich sowohl Arev als auch ich sehr viel hier unten gestanden. Ich meine, ich bin schon viel gereist, habe viele Weltreisen hinter mir und ich habe viel Blödsinn gemacht, aber was ich hier erlebe, das ist absolut einmalig. Ich will das nicht schön reden, es ist tatsächlich so. Extrem anstrengend, voll die Reizüberflutung, Du hast alle zweieinhalb Minuten eine U-Bahn. Es passiert ständig was, ich meine, das ist Schönleinstraße, ja. Und wenn dann mal eine Einsatz-Polizei-Truppe da vorbei spurtet… Ich will gar nicht ins Detail gehen, ich mag alle Menschen und die haben mich noch nicht bedroht, aber es ist Wahnsinn, was sich hier abspielt von morgens bis abends. Wenn Du den ganzen Tag hier arbeitest, bist zu fertig, deshalb gibt es bei uns nur 4-Stunden-Schichten.

Kunst im Kiosk von Carola Rümper

In Zukunft sind auch mobile Onigiri-Verkaufsstände, Caterings oder sogar weitere Filialen geplant. Und: Es gibt Kunst im Kiosk. In vier kleinen Schaukästen stellt die Berliner Künstlerin Carola Rümper ihre Skulpturen aus. „Die Rümperiens“ nennt sie die schwarzen, biegsamen Kumpanen, die den gehetzten Großstädtern ab morgen im U-Bahnhof Gesellschaft leisten – beim Reisbällchen kauen oder wartend auf den nächsten Zug.

Mehr Infos: http://www.facebook.com/riceuponigiri

 

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