von am 19. August 2011


Für die meisten war es ein ganz normaler Samstagabend im Reuterkiez. Die Kneipen rund um die Weserstraße sind gut gefüllt, das gedimmte Licht der Bars strahlt eine angenehme Wärme aus an jenem kalten Januarabend.

Drinnen wird, mal leiser mal lauter, geredet und gelacht und Musik gehört. Manchmal wird einfach nur geraucht und manchmal wird auch lamentiert: Über steigende Mieten oder den „scheiss Köter“, der vor der Tür sitzt und keine Ruhe geben will, weil Herrchen Horst drinnen noch schnell ein Kurzen trinken muss.

Für Marcus Trojan hingegen ist es ein ganz besonderer Abend, denn er feiert seinen Geburtstag. Und für ihn kommt es noch besser. Denn er feiert ihn in seiner eigenen Bar, dem frisch renovierten „Pigalle“  in der Sanderstraße, das nur wenige Tage später die Türen für jedermann öffnet. Zuvor wurde die Bar erfolglos von ein paar Studenten betrieben, die zwar viel Arbeit in erste Renovierungen gesteckt haben, vom Marketing aber vermutlich nicht ganz so viel verstanden wie der jetzige Besitzer. Und Geld für einen Innenarchitekten hatten die auch nicht.

Im Gegensatz zu Markus Trojan. Der hat auch sonst allen Grund zu feiern. Denn das „Pigalle“ ist nicht seine erste Bar. In der Torstraße betreibt er zusammen mit dem Cookie-Club-Besitzer das Trust, eine kuschelige kleine Kneipe, die mit einigen Überraschungen aufwartet. Das funktioniert, zumindest in Mitte. Mit dem Publikum in Mitte kennt sich Trojan auch gut aus, denn er ist – das nur am Rande – auch noch der Betreiber des Weekend-Clubs, der sich über höher gelegene Stockwerke und die Dachterrasse des ehemaligen Haus des Reisens am Alexanderplatz ausbreitet.

Und während Trojan in der Sanderstraße vom besonderen Charme der unsanierten Häuser und von billigen Mieten redet, wägt er sich als Pionier der Szene, als „Vorreiter“. Was er vielleicht nicht weiß ist, dass Herrchen Horst drüben in der Weserstraße seine Miete kaum noch bezahlen kann, so klein ist seine Rente. Aber der hat ja auch noch nie was von Marketing gehört. Und der Innenarchitekt ist dem auch egal, Hauptsache den Kurzen in seiner Eckkneipe kann er sich noch leisten.

Mitte hält sich in Neukölln

Zwar versprüht die angeranzte Fassade des „Pigalle“ durchaus Neuköllner Charme. Gleich neben „Marvin’s Tele & Internetcafe“, wo früher in der „Nachtbar Pigalle“ die Freier ein- und ausgingen und auch schon mal scharf geschossen wurde. Damals machte das „Pigalle“, das irgendwann einmal nach dem Pariser Rotlichtviertel benannt wurde, seinem Namen noch alle Ehre. Aber heute verraten nagelneue Sicherheitsschlösser, die modernen Automatik-Markisen und teure Schallschutzfenster den neuen Besitzer und seine Absichten.

Wer sich jetzt noch traut, das Pigalle zu betreten, der wird seinen Augen bald nicht mehr trauen. Das Interieur versprüht eher den Charme eines Upper-Class-Club in Miami als den einer Neuköllner Szene-Kneipe. Nun ist es wieder Sommer in Neukölln und die Mitte-Bar  scheint sich etabliert zu haben. Das Publikum sieht zwar nicht ganz so aus wie der durchschnittliche Kneipengänger im Reuterkiez, doch die Preise haben sich erfreulicherweise auf einem der Gegend angemessenem Niveau eingependelt.

Möglicherweise, und das ist eine versöhnlich Vorstellung, schaut Herrchen Horst in Erinnerung an alte Zeiten auch mal im „Pigalle“ vorbei. Auch wenn er es sich eigentlich nicht leisten kann, dann gönnt er sich vielleicht einen der preiswerten Cocktails ohne den gewohnten Fusel aus der Eckkneipe. Und dann schnuppert auch er ein wenig von dem Lüftchen, das in Mitte weht. Vielleicht hat es dann sogar jemanden aus Mitte hergeweht, der es sich leisten kann, dem Horst einen auszugeben.

 

2 Kommentare:

  • Mo sagt:

    Ich kann nicht gerade sage, dass die Herren Pigalle viel fürs Marketing tun. In der Regel herrscht da gepflegte Langeweile vor. Das einzige Publikum scheint aus Kumpels der zugegeben sehr hübschen Barladies und der Entourage der DJs zu bestehen. Und deren Definition von Spaß ist auch eher das lässig-gelangweilte rumhängen…

  • Onkel sagt:

    Als ich die Pigalle das erste und einzige Mal betrat, fasste ich endgültig den Entschluss aus „meinem“ alten Reuterkiez weg zu ziehen, um der „Verdisneylandisierung“ den Rücken zu kehren.

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