von am 17. September 2013

Insektendealer-03smalWas zirpt denn da? Carsten Neukirch weiß, was Schlange, Frosch und Eidechse am liebsten verspeisen: proteinreiche Krabbeltiere, die er züchtet und verkauft. Ein Besuch beim Insektendealer von Neukölln.

Das Chamäleon ist hungrig, aber die klebrige Zunge zu kurz. Im weißen Licht einer Halogenlampe sitzt es auf seinem Ast und prüft mit rollenden Augen die Distanz zum leckeren Brummer gegenüber. Gemächlich setzt es sich in Bewegung, aber da ist die Beute schon weggeflogen. „Du bist zu langsam“, spottet Carsten Neukirch, der die Jagdbemühungen seines Arbeitskollegen lächelnd beobachtet hat. Wenn das Chamäleon nur wüsste, was für eine krabbelnde Festtafel sein Herrchen unter seinem Ast bereithält. In durchsichtigen Plastikdosen wimmelt es nur so vor exotischen Leckereien: kubanische Kellerasseln, asiatische Bohnenkäfer, Fauchschaben aus Madagaskar oder bunte Wüstenheuschrecken. Auf dem Arbeitstisch zirpen sauber gestapelt fette Steppengrillen für 1,80 Euro die Dose.

Carsten in seiner Werksatt

Carsten Neukirch in seinem Geschäft in der Elbestraße

Carsten Neukirch hat alles, was Reptilien und Amphibien satt und glücklich macht. Er ist der „Insektendealer“, so steht es an der schmalen Tür seines Geschäfts in der Elbestraße. Wer daran vorbeigeht, hält es vielleicht eher für eine Fahrradwerkstatt oder einen Hobbyraum, wäre da nicht dieses Terrarienlicht und ein verdächtiges Zirpen. Neukirch ist gelernter Schlosser und Reptilienliebhaber. Vor 11 Jahren hat er sich gedacht, dass es ganz nett sein könnte mal für ein Jahr aus seinem Beruf auszusteigen, seine Lieblingsbeschäftigung zu einem kleinen Geschäft zu machen und Insekten zu verkaufen. Wer Reptilien hält, weiß meistens auch wie man die Futtertiere züchtet und wenn sie nicht sofort gefressen werden, vermehren sich Heuschrecken ganz von selbst.

Überfütterte Schlangen

„Für den Geldbeutel bringt das weniger, für’s Leben aber mehr“, meint Neukirch und man merkt es ihm an, wenn er strahlend und fast druckreif davon erzählt, was Heuschrecken so fressen und warum viele Reptilienhalter ihren Lieblingen zu viele davon zumuten. Eine Schlange, die ihr Futter verweigert, ist in den meisten Fällen einfach schon satt. Das Chamäleon bekommt jetzt seinen Leckerbissen, eine saftige Heuschrecke, die es mit einem unangenehmen Knacken genüsslich verspeist.

Begonnen hat Carsten Neukirchs Leidenschaft für Reptilien mit einer Landschildkröte, die er als kleines Kind im Park gefunden hat. Heute hält er sich mehrere Chamäleons, Schlangen und einen Albino-Königspython. Der hat sich vor neugierigen Augen verborgen in einer Ecke seines Terrariums zusammengerollt. Gegenüber steht der große Kühlschrank. Hier warten frisch tiefgefrorene Mäuse und Ratten auf den Verkauf. Mehr als 1,30 Euro ist dem Kunden eine frische Maus nicht wert und sie zu einem solchen Preis selbst groß zu ziehen, findet Neukirch irgendwie makaber. Alle andere Futtertiere hat er selbst gezüchtet, aufgezogen und verpackt. Die Dosen sind voll mit „gesunden, kräftigen Insekten“ – anders als im Großhandel, wie er versichert.

Treffpunkt für Reptilienliebhaber

Zu ihm kommen alle, die Reptilien mögen, der Arzt aus Charlottenburg ebenso wie Leute mit bescheideneren Einkommen. Und sie kommen nicht nur wegen der Heuschrecken, sondern auch um zu fragen und zu fachsimpeln, die meisten seit Jahren. Als Carsten Neukirch anfing, waren Futtertiere noch nicht so einfach verfügbar und Reptilien zwar leichter zu haben, aber noch nicht so populär. „Mit exotischen Reptilien ist es wie mit Tattoos“, scherzt er, „vor zwanzig Jahren war das noch was Besonderes, heute hat jeder eins.“

Die Echse

Carsten Neukirchs Chamäleon hat im Laden sein Zuhause.

Eine Echse ist in Kauf und Pflege günstiger als ein Hund. Nur die steigenden Strompreise machen den Reptilienhaltern zu schaffen, da die meisten ihrer Lieblinge künstliche Wärme und Beleuchtung brauchen. Mit Leuten, die für ihr Ego eine dicke Schlange brauchen, kann er wenig anfangen. Manchmal fragt ihn die Amtstierärztin, ob er nicht ein beschlagnahmtes Reptil bei sich aufnehmen will. Aber Neukirch hat genug Tiere, sowohl von denen, die Fressen als auch denen, die gefressen werden. Und das macht eine Menge Arbeit.

Keine Angst vor Ausreißern

Die Insektenzucht funktioniert wie ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb. In einer Ecke des Ladens gedeiht gut beleuchtet auf viereckigen Regalböden aus Metall junger Weizen, der im Tierfutterhandel sonst als „Katzengras“ verkauft wird. Den fressen die Heuschrecken besonders gern, genauso wie frische Karotten und die guten Haferflocken von Aldi. Jeden Morgen desinfiziert und wäscht Neukirch ihre kleinen weißen Futter- und Wassertröge aus Plastik. Ob schon mal welche ausgebrochen sind? Selbstverständlich! Ist aber auch nicht weiter schlimm, da die Futterinsekten, die Carsten Neukirch züchtet, eine wärmere Umgebung gewohnt sind. Bei 10 Grad würden sie draußen auf der Elbestraße in eine Kältestarre verfallen.

Neukölln gefällt ihm, auch wenn sich hier über die Jahre viel verändert hat. Als er sich vor 25 Jahren hier sein erstes Tattoo hat stechen lassen, waren viele Geschäfte noch vernagelt. Heute laufen selbst in der ruhigen Elbestraße deutlich mehr Leute an seiner Tür vorbei. Das „Klientel“, das in den letzten Jahren hier her gezogen ist, gefällt ihm allerdings nicht. Nicht die Ausländer, sondern die Studenten. Er mag an Neukölln das Multikulti, nur dass die Weserstraße sich zur Partymeile entwickelt, gefällt ihm weniger. Ab und zu geht er aber nach Feierabend dort einen Cocktail trinken. Mit so einer Bar, die oft auch nicht größer als sein Laden ist, könnte man bestimmt mehr Geld verdienen, meint er und lacht.

Der Insektendealer
Elbestr. 33
Mo, Di, Do, Sa 15-19 Uhr, Fr 14-20 Uhr
www.insektendealer.de

 

Ein Kommentar:

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