von am 8. Oktober 2011

Mode aus, in und für Neukölln – die ging am vorigen Wochenende im Heimathafen an der Karl-Marx-Straße über den Laufsteg des “Neukölln Fashion Weekend”, kurz NKfWE. Ein Gastbeitrag von bier statt blumen.

Text: Nicole Walter

Ich habe mit den Modemachern der Berlinfabrik Martin Mai und Nadine Vollstädt, mit dem Model Arne, den Macherinnen von “Sieben auf einen Streich”, Sabine Hülsebus, eine der Gründerinnen des Neukölln Fashion Weekends und mit jungen Besucherinnen gesprochen.

Sekt, Drops, Rosenkohl und Profan Bier

Martin Mai und Nadine Vollstädt liefern das Bier zum T-Shirt gleich mit: “Sekt, Drops und Rosenkohl” steht auf dem Shirt, das ich mir mit nach Hause nehme. Und das Bier dazu, das heißt “Profan Bier”. Eigentlich sollte es das gar nicht geben: “Es war nur als PR-Gag gedacht. Damit wollten wir einfach nur auf unsere Mode, auf die Berlinfabrik aufmerksam machen. Und T-Shirts für die imaginäre Biermarke Profan Bier machen”, sagt Martin. Und als die PR-Kampagne dann in einer großen Party mündete, da stand ein Typ am Tresen und sagte: “Ich brau’ euch das Bier dazu.” So gibt es das Profan Bier heute flüssig in Flaschen.

Eine “Manufaktur feinsten Siebdruckdesigns” nennt Nadine Vollstädt ihre Berlinfabrik. Herzstück ist die Siebdruckwerkstatt im Hinterzimmer der Langen Nacht, der Kneipe in der Weisestraße im Schillerkiez. Und Billardtisch wurde zum Arbeitstisch umgebaut. Die Lange Nacht wurde prompt via Siebdruck auf T-Shirts verewigt. Slogan: “Downtown Neukölln”.

Neukölln ist seit 15 Jahren der Bezirk, in dem Mai zu Hause ist. “Ich bin aus Frankfurt/Oder eherzufällig hier gelandet”, erzählt er. “Wie sich der Kiez heute wandelt, das finde ich okay”, sagt er spontan dazu. “Jetzt hat man langsam das Gefühl, man könnte hier auch einen Laden eröffnen und davon leben.”

>> die beiden von der Berlinfabrik im Podcast des Schillerkiezblogs

Neukölln ist nicht Catwalk, Neukölln ist Straße

„Is mir egal ich lass das jetzt so so“ steht auf dem Kapuzenpullover: Model Arne auf dem Laufsteg

Arne ist in gerade T-Shirts und Hosen, Pullover und Baseball-Caps von Rütli-Wear, JR Sewing und Treches über den Neuköllner Laufsteg spaziert. Gebucht wurde er über seine Model-Agentur, “aber mit Neukölln verbindet mich viel”, schiebt er schnell hinterher. “Hier ist mein Basketball-Verein, hier gehe ich gerne aus.” Was macht die Neuköller Mode in seinen Augen besonders? “Sie ist ziemlich used. Neukölln ist nicht Catwalk, Neukölln ist Straße. Prada-Täschchen passen hier einfach nicht hin.” Ich frage ihn, wer denn die Mode, die er auf dem Laufsteg gezeigt hat, wohl kaufen wird. Neuköllner, Touristen, Mitte-Menschen? “Jeder will Neukölln sein”, sagt er. Die Sprüche auf den T-Shirts wie “Is mir egal ich lass das jetzt so” oder “44 bleibt Ghetto” (nach der alten Postleitzahl Nord-Neuköllns), das Raue und Rotzige, danach sehnten sich viele. “Das kaufen Menschen, die sich ihr Berlin wieder holen wollen”, vermutet er. Die nichts glatt Poliertes mögen. Würde er selbst die Mode tragen, die er auf dem Laufsteg zeigt? Er überlegt einen kurzen Moment, ja, die Sachen von “Kollateralschaden” , die wohl schon.

“Die Modebranche ist die härteste, die es gibt”

„Tschüss Niveau, bis Montag“ steht auf dem Einkaufsbeutel, den der Herr im Hintergrund trägt.

Kurz bevor die erste Modenschau beginnt, steht Sabine Hülsebus zusammen mit Susann Liepe vom Neuköllner Citymanagement im Eingang zum großen Saal des Heimathafens und beobachtet die letzten Vorbereitungen. Entspannt, eher am Rande. “Damals, als wir vor ein paar Jahren für die Wirtschaftsförderung in Neukölln unterwegs waren, haben wir uns die Designer im Bezirk ganz genau angeschaut. Da waren unglaublich gute Sachen dabei, die Qualität war recht hoch. Und das wollten wir unbedingt zeigen”, erinnert sich Sabine Hülsebus an die ersten Ideen für das Neukölln Fashion Weekend. Modedesigner, die gibt es vielerorts in Berlin, im Juli fand die große Berlin Fashion Week statt – gibt es etwas, das die Neuköllner Modemacher abhebt? “Viele sind sehr jung, sie stehen hier mittendrin im Leben, mitten in Neukölln”, sagt Sabine Hülsebus. Vielen liege die Nachhaltigkeit am Herzen: “Sie achten auf die sozialen Umstände, auf gute Arbeitsbedingungen. Sie denken lokal, kaufen hier ein und produzieren zum Tei lauch hier.” Außerdem arbeiteten die meisten lieber kollegial zusammen, statt die anderen nur als Konkurrenten zu sehen.

Heute können allerdings “nicht viele” Neuköllner Modemacher allein von dieser Arbeit leben, räumt sie ein. “Die Modebranche ist die härteste, die es gibt”, sagt Hülsebus. Damit sich das ändere, müsse man vor allem klarmachen, wieviel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt und was alles mit dranhängt, vom Vertrieb bis zur Sozialversicherung. Auch deshalb sind dieses Mal mehrere Produktionsstätten beim Fashion Weekend dabei, um den Entstehungsprozess der Mode zu zeigen.

Das “Kaufhaus – Made in Neukölln” ist der Arbeitstitel für ein Projekt der Neuköllner Wirtschaftsförderung, an dem Susann Liepe mitwirkt. “Wir wollen einen Show- und Verkaufsraum in der Karl-Marx-Straße aufbauen, in dem auch produziert und ausgebildet wird. Dafür sind Fördergelder beantragt”, sagt sie. Entstehen soll das Mode-Kaufhaus vielleicht schon 2012 dort, wo heute Leerstand ist. Das Ziel: weitere Modemacher nach Neukölln zu locken, der Branche Aufmerksamkeit und Käufer zu verschaffen.

„Wir wollen mit den jungen Labels wachsen“

Buntes von der Stange.

sther Ohse ist eine von den “Neuzugängen” aus der Produktion auf dem Fashion Weekend: Sie ist mit ihren Kolleginnen von “Sieben auf einen Streich” im oberen Stockwerk zugange. Dort, wo gezeigt wird, wie Mode entsteht, wie aus Ideen Schnittmuster werden und aus Schnittmustern die Modestücke. Das junge Unternehmen”Sieben auf einen Streich” mit Sitz in der Braunschweiger Straße fertigt Designermodelle, erstellt Schnitte und schneidert Mode nach Maß für Designer, Private und Theater. “Mit der Zeit sind immer mehr Designer nach Neukölln gekommen und im Netzwerk haben wir immer öfter gehört “Wir brauchen hier auch Produktionsstätten”. 2009 haben wir dann unser Unternehmen gegründet”, sagt Esther Ohse. Die Mode in Neukölln auch zu produzieren, das ist teurer als sie ins Ausland auszulagern. “Aber dem stehen Vorteile gegenüber: die Absprachen lassen sich vor Ort viel besser treffen, die Zusammenarbeit ist einfacher”, sagt Esther Ohse. Und für viele ihrer Kunden zähle noch ein anderer Aspekt: soziale Nachhaltigkeit. “Sieben auf einen Streich” bildet aus und unterstützt vor allem Frauen aus dem Kiez, die arbeitslos sind oder einen Migrationshintergrund haben. Mit dem Ziel, sie nach der Ausbildung fest einzustellen. Fünf Frauen können sie so derzeit geringfügig beschäftigen. “Wir sind familienfreundlich, wir arbeiten sorgfältig, ohne Zeitdruck. Wenn ein Designer zu uns kommt, der für die Modenschau am nächsten Tag rasch die Ware braucht, dann ist er bei uns falsch”, sagt Esther Ohse. “Die Designer, die mit uns arbeiten wissen und respektieren das.” Gerade unter Neuköllner Modemachern werde soziales Engagement geschätzt. “Jungen Modemachern kommen wir am Anfang entgegen”, sagt Ohse. “Denn wer sich erstmal am Markt etablieren muss, der braucht dafür ja auch Ware.” Das Ziel: mit den jungen Labels zu wachsen.

Deren Mode werde heute weniger von Neuköllnern als vielmehr von Touristen gekauft. “Es ist Designerware. Und Designerware ist immer teurer”, sagt sie. “Die meisten Menschen wissen gar nicht, was an Arbeit darin steckt.” Doch das Kaufverhalten ändere sich, sagt sie. “Es gibt eine stärkere Bindung an Orte und an das Persönliche hinter der Mode.” Und das kommt wohl den Neuköllner Modemachern zugute.

“Lässig, stylish, catchy, cool”

Sitzen in der ersten Reihe: Janine, Yasmin und Dunja (rechts im Bild)

Ihre Freundin hat gerade ein Praktikum gemacht, bei dem Label JR Sewing von Jana Reiche in der Hobrechtstraße. “Sie fand’s super”, auch deshalb sitzen Janine, Yasmin und Dunja schon bei der ersten Modenschau auf dem Fashion Weekend direkt vor dem Laufsteg. Und auch, weil die 15- und 16-jährigen jungen Frauen später gerne selbst in die Modebranche einsteigen wollen, erzählen sie. Sie haben fast jedes Model während der Schau fotografiert und tuschelnd ihre Eindrücke ausgetauscht. Am Ende springen sie auf, applaudieren kräftig. Yasmin möchte Designerin werden, Dunja ebenso, “vielleicht auch Schmink-Artist”, ergänzt sie.

Mode aus Neukölln, die ist in ihren Augen “lässig, stylish, cooler”, und die Farben sind “catchy”, die fallen auf. Sie sagen: “Die Mode hier auf dem Laufsteg, darin fühlt man sich wohl. Und jeder akzeptiert das hier.”

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf bier statt blumen. Vielen Dank dafür!

Das Neukölln Fashion Weekend im Internet.

 


 

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