von am 15. Juni 2015
Kreativität für alle!

Auf den genauen Schnitt kommt es an: In der Kiezwerkstatt ist eine helfende Hand immer zur Stelle.

Kreative Ideen umsetzen statt Ausgrenzung und Trübsal blasen – ansässige KünstlerInnen haben die gemeinnützige Design-Initiative be able gegründet, in der Menschen vom Rand der Gesellschaft ein zweites Zuhause gefunden haben.

Fotos: Ivett Polyak

Die Nähmaschinen rattern, das Bügeleisen dampft: In einem kleinen Raum der Kiezwerkstatt in der Braunschweiger Straße sitzen fünf Frauen zwischen Stoffresten und Füllwolle. Würden sie heute nicht am Design- und Nähkurs von be able teilnehmen, sie würden vermutlich einkaufen gehen oder allein zuhause den Haushalt machen. Das zwölfwöchige Bildungskonzept ist eines der vielen Projekte des gemeinnützigen Vereins aus Neukölln. Isabelle Dechamps ist Designerin und Gründerin von be able. Sie hat den Kurs gemeinsam mit ihrem Team für die Migrantinnen aus der Nachbarschaft entwickelt. Nachdem zu Beginn des Kurses Farben- und Formenlehre besprochen wurden, helfen nun zwei sogenannte Designvermittlerinnen den Teilnehmerinnen ihre Ideen an den Nähmaschinen umzusetzen. Isabelle nennt das Ganze „Design-Empowerment“, also Selbstbestimmung durch Design.

Vor Ort was bewegen

Isabelle Dechamps, Gründerin von be able.

Isabelle Dechamps, Gründerin von be able.

Die Idee zu be able entstand 2008 während eines studentischen Projektaufenthalts in Südafrika. Dort ist Isabelle in einer Firma gelandet, in der Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam gearbeitet haben. „Als ich wieder zurück nach Berlin gekommen bin, dachte ich, eigentlich muss man doch nicht immer nur solche sozialen Projekte irgendwo in der Welt machen, sondern das geht genauso gut hier vor Ort und vielleicht kann man dann mal nachhaltig was bewegen“, erzählt Isabelle. Nach einem Praktikum in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen hat die 30-Jährige schnell gemerkt, dass es dort vor allem an Produkten fehlt, die wirklich was mit den Leuten zu tun haben und die auch auf deren Fähigkeiten abgestimmt sind. 2010 gründete Isabelle dann be able.

Inzwischen ist das Kernteam von be able auf fünf Personen angewachsen, hinzukommen die Designvermittler der einzelnen Projekte. Alle sind ehrenamtlich tätig – die Initiative finanziert sich vor allem durch Spenden. Gemeinsam entwickelt das Team verschiedene Projekte für Werkstätten für Menschen mit Behinderungen und andere soziale Randgruppen, vorrangig mit den Materialien Holz, Keramik und Textilien. Dabei werden die Kurse genau auf die TeilnehmerInnen abgestimmt, damit deren Sozialkompetenz und Kreativität optimal gestärkt werden kann. Die in den Projekten entstandenen Produktideen werden dabei soweit entwickelt, dass sie sogar zum Teil im Online-Shop von be able oder in ausgewählten Museumsshops zum Verkauf angeboten werden. Vom Erlös geht ein Euro an den Verein, den Rest erhalten die ProjektteilnehmerInnen beziehungsweise die Werkstätten.

Sich auf Augenhöhe begegnen

Doch bei be able geht es nicht nur um Designvermittlung, sondern auch um Inklusion. „Wir wollen die einzelnen Gruppen gar nicht so auf sich beschränken, sondern eigentlich auch in Kontakt mit anderen Menschen bringen. Deshalb sind auch Führungskräfte aus Unternehmen eine unserer Zielgruppen“, sagt Isabelle. Diese können einen kostenpflichtigen Workshop buchen und gemeinsam mit Menschen mit Behinderungen in einer Werkstatt ein Produkt entwickeln und produzieren. Durch diesen Perspektivwechsel soll die Sozialkompetenz der Führungskräfte geschult werden. „Das ist auch für die Leute aus der Werkstatt toll, weil sie eine ganz andere Wertschätzung bekommen. Die begegnen sich wirklich auf Augenhöhe, weil es für beide Seitem relativ ungewohnt ist so kreativ zu arbeiten“, erklärt Isabelle.

Die Frauen vom Design- und Nähkurs in der Kiezwerkstatt freuen sich über die Möglichkeit auch mal eigene Ideen verwirklichen zu können. Sie nennen die Räume im Richardkiez ihr zweites Wohnzimmer, denn hier wird nicht nur jeden Dienstag genäht, sondern auch gekocht und, ganz wichtig: gequatscht.

Die Ergebnisse des Nähkurses können übrigens während 48-Stunden-Neukölln (26. – 28. Juni) in der Kiezwerkstatt in der Braunschweiger Straße 8 bewundert werden.

 

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