von am 21. April 2011

Das Wostel möchte das leidige Thema der Partnervermittlung spielerisch auflockern – mit Kreativ-Speeddating. Ein Abend vor Ort.

Die illustre Runde steht seit ein paar Minuten, gemeinhin etwas verlegen, vor der Eingangstheke des Wostel herum und hält sich an einem Glas Aperol-Prosecco fest, das von den beiden Damen am Empfang als Begrüßungsgetränk verabreicht wurde. Die Gruppe bewegt sich in etwa in der Altersspanne zwischen 30 und 40 und ist  international besetzt. Heimlich wird einander kritisch beäugt, aber eine erste Konversation zu starten traut sich niemand so recht. Man wartet lieber darauf, dass das Kreativ Speeddating endlich beginnen möge.

Beim normalen Speeddating sitzt sich eine gleiche Anzahl von männlichen und weiblichen Singles in organisiertem Rahmen paarweise gegenüber. Sie haben einige Minuten Zeit sich kennen zu lernen, dann wird durchgewechselt, bis Jede sich mit Jedem einmal unterhalten hat. Ein kalifornischer Rabbi, Yaacov Deyo, war scheinbar einer der ersten, der die Partnervermittlung auf diese Weise professionalisiert hat. Er wollte etwas mehr Effizienz in diese Angelegenheit bringen.

Marie Jacobi erlöst das etwas verkrampfte Gruppengespräch und beginnt mit der Einführung in den Abend. Sechs Frauen und sechs Männer haben sich in Neukölln zusammengefunden, die sich nicht nur eine geraume Zeit lang miteinander unterhalten, sondern auch noch eine zusätzliche Kreativitätsleistung erbringen müssen: Basteln.

Speeddating als Mutprobe

Jeweils sechs Minuten mit sechs Vertretern des jeweils anderen Geschlechts, insgesamt also 64 Minuten Dialog, stehen jedem Teilnehmer im Nebenraum bevor. Danach gibt es kleine Pause und anschließend wird gemeinschaftlich gebastelt. Die Damen werden in den Nebenraum geführt und dürfen es sich an einem der vorbereiteten Plätze gemütlich machen.

Auf den Tischen stehen kleinen Leselampen und liebevoll angerichtete Teller mit handlichen Pizzahäppchen und einem Glas gefüllt mit Zahnstochern, auf denen Cocktailtomaten, Mozzarellastücke und Basilikumblätter der Reihe nach aufgespießt sind. Die Einrichtung ist schlicht, aber gemütlich.

„Einmal im Leben sollte man sowas mal gemacht haben.“ Für die Dame auf der anderen Seite des kleinen Holztisches geht es hier nicht nur um das reine Kennenlernen. Falls die eigenen Kinder womöglich später in ähnliche Situationen geraten sollten, muss man schließlich auf eigene Erfahrungswerte aufbauen können, um die mütterliche Weisheit weiterzugeben: Stell Dich nicht so an!

Normalerweise sitzen an den Tischen im Wostel, wie Chuente Noufena und Marie Jacobi ihren Laden nennen, eigentlich keine paarungswilligen Großstädter. Beim Wostel kann man sich für eine gewisse Zeit einen Arbeitsplatz anmieten, ein Gemeinschaftsarbeitsplatz oder Coworking Space sozusagen. Dass Marie Jacobi als Textildesignerin arbeitet, erklärt den einheitlichen Einrichtungsstil mit viel Liebe zum Detail. Chuente Noufena kümmert sich als Marketingberaterin um den organisatorischen Teil, wie auch an diesem Abend.

Gutes basteln, schlechtes basteln

Vehement und mit einer Glocke bewaffnet, läutet Chuente mit einer gekonnten Unnachgiebigkeit das Ende der Gesprächsrunden ein und fordert die Männer zum Tischwechsel auf. Widerstand ist zwecklos. Gegenüber sitzt eine sympathische Französin Ende zwanzig und wartet darauf, mit dem Dialog zu beginnen. Auf die Frage, wie sie zu der Veranstaltung gekommen sei, deutet sie etwas verlegen auf das Notizbuch neben ihrer Hand und erzählt, dass Sie als Freie Journalistin arbeite und für ein französisches Magazin eine Geschichte über den Abend schreibe. Dito.

Eine echte Urneuköllnerin berichtet von ihren gemischten Gefühlen, die sie dem Wandel in ihrem Kiez entgegenbringt, eine polnische Informatikerin von ihrer Heimat und kann Krakau wärmstens weiterempfehlen und eine Mutter von zwei Kindern erläutert, wie sie und der Vater seit der Trennung den neuen Alltag managen. Was man aus seinen sechs Minuten macht, bleibt letztlich Jedem selbst überlassen.

Erstaunlicherweise haben sich die meisten doch in erster Linie von der Bastelei anziehen lassen. Die Idee dieses etwas unliebsame Thema des Singletreffs mit einem spielerischen Element aufzulockern, scheint Viele überzeugt zu haben. Ein männlicher Kollege ist dafür sogar fast eine Stunde von Spandau bis nach Neukölln gereist und auch ein paar andere haben sich aus anderen Bezirken hierher getraut. Selbst die 19 Euro seien für den Abend mit Essen und Getränken in dieser entspannten Atmosphäre gerechtfertigt, ist man sich bei den Anwesenden einig. Woanders sei so etwas noch teurer und deutlich unpersönlicher. Für hiesige Verhältnisse ist das dennoch viel Geld.

In der Pause nach dem Gesprächsmarathon hat man nun endlich die Möglichkeit, an die durchaus interessanten Unterhaltungsfetzen – mehr ist in sechs Minuten nicht möglich – anzuknüpfen und die Nerven mit noch mehr alkoholischen Getränken zu beruhigen. Beim anschließenden Basteln gestaltet sich das Anknüpfen dann leider eher schwierig. Zwar sitzt man nach wie vor gemütlich zusammen, diesmal jedoch alle gemeinsam an einem großen Tisch, was einen von einer Konversation in kleinerer Runde tendenziell abhält. Ganz davon zu schweigen, dass man ja basteln muss. So sitzt die Gruppe konzentriert vor ihren Schachteln, versucht das letzte Quäntchen Kreativität aus sich heraus zu pressen und hofft, dass sich der Wagemut gelohnt hat und womöglich auch das Gegenüber bei einem selbst ein Kreuzchen gemacht hat. Sonst war es eben einfach nur ein netter Abend.

Die Nächsten Termine zum Kreativ Speeddating: 04. Mai, 15. Juni im Wostel

(Text in etwas veränderter Form erschienen in der taz vom 04. April 2011)

 

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