von am 26. Juni 2013

Seit 1922 gibt es in Rixdorf die alkoholischen Tröpfchen aus der Destillerie Rudolf Grützmacher.

In der Auslage der Sommerfeld Spirituosen stehen – wie in einem Schaukasten und auf feinen Tischtüchern aufgereiht – verschiedene Sorten Liköre der Marke Grützmacher. Im Inneren des Ladens offenbart sich eine für einen Getränkehandel untypische Mischung aus Arbeitsplatz, Spätverkauf und Wohnraum. Nachbarschaftlicher Treffpunkt und Verkaufsbüro gehen hier eine besondere Symbiose ein. Ein Stehtisch wartet auf der linken Seite des Verkaufsraumes auf Kundschaft, Getränke alkoholischer und nichtalkoholischer Couleur sowie salzige und süße Knabbereien werden feilgeboten. In einem der Regale reihen sich „Berliner Kümmel“, „Rixdorfer Galgen“ oder „Bunte Wolke“ – alles Liköre aus eigener Herstellung – aneinander. Auf der rechten Seite des Verkaufsraumes befindet sich der Arbeitsplatz des Getränkehändlers.

Grützmacher's Likör Spezialitäten: seit über 90 Jahren

Seit 1922 gibt es die alkoholischen Tröpfchen aus der Destillerie Rudolf Grützmacher. Am offensichtlichsten trägt der „Berliner Kümmel“ die lokale Handschrift. Das Kümmel-Gewürz also, das wie kein anderes die Berliner Küche begleitet. Krautgulasch, Buletten oder Zwiebelkuchen schmecken ohne Kümmel einfach nicht berlintypisch, nicht so bodenständig und belebend. Beim Begriff „Berliner Kümmel“  handelt es sich um eine geschützte geografische Herkunftsangabe. Der halbsüße Kümmelbranntwein, dessen Alkoholgehalt  bei 32% Vol. liegt, darf laut Gesetz nur in Berlin hergestellt werden, wird jedoch wie alle Grützmacher Liköre auch international nachgefragt.

Die Holzbrücke „Rixdorfer Galgen“

Der Produktionsort der Liköre liegt seit einigen Jahren im Ortsteil Mariendorf des Bezirkes Tempelhof-Schöneberg bei der Firma Hasebrink. Langjährig als Familienunternehmen Grützmacher geführt, wird die Firma heute durch das Unternehmen Sommerfeld vermarktet. Das ehemalige Stammhaus jedoch befindet sich, wenn auch anderweitig genutzt, noch in der Richardstraße, einige Hauseingänge neben dem Getränkehandel der Firma Sommerfeld entfernt. Der Verbundenheit mit dem Böhmischen Dorf verdankt ein Kräuterlikör seinen Namen: der „Rixdorfer Galgen“, dessen Rezeptur 38 Kräuter vereint und 38% Vol. stark ist. Nur fünf Gehminuten vom anfänglichen Produktionsort in der Richardstraße entfernt, stand bis 1895 tatsächlich der so genannte Rixdorfer Galgen: „Eine steile Holzbrücke, die die Alt-Berliner Ringbahn am Bahnhof Rixdorf überspannte.“ Nachzulesen ist das in einem dünnen Heft zur Historie der Firma.

Kutscher Kümmel für 8,50 die Flasche

Es gibt noch eine Reihe weiterer geheimnisvoller Rezepturen, in denen Berliner Pflanzen verarbeitet werden. Der „Kalmüser“ beinhaltet als Grundstoff den Saft der Wurzelstöcke des Kalmus, einer Schilfpflanze, die an Berliner Seen und in der Umgebung wächst. Verkaufsschlager der Grützmacher Destillerie waren allerdings immer auch die fruchtigen Liköre. Die  Rixdorfer „Bunte Wolke“ ist zum Beispiel eine Eigenkreation des einstigen Destillateurmeisters Wolfgang Kastner, der 1989 die Geschäfte an die Firma Sommerfeld abgegeben hat. Der starke Fruchtbezug wird auf dem Werbeschild, das außen am Laden angebracht ist, deutlich. Die Liköre spielen dort symbolisch auf der Klaviatur der Früchte. Die Getränkenamen stützen sich auf Bezüge zur Musik, Tradition und Internationalität. Der Werbespruch „Da ist Musike drin“ verweist auf den Berliner Schlager und Likör-Bezeichnungen wie „Juke Box“, „Evergreen“ und „Bunte Wolke“ verweisen auf vergangene Zeiten sowie auf die bunte Vielfalt von Menschen im Bezirk. So beschreiben die Charakteristiken des Neuköllner Bezirksteils Alt-Rixdorf die Liköre – genauso wie umgekehrt.

 

2 Kommentare:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.