von am 3. Mai 2012

neukoellner.net ging auf „Neukölln classic Tour“ mit der schärfsten Zunge des Bezirks – Edith Schröder. Eine Erfahrung, so heftig wie ein Fudschiabsturz.

Ein rosa Trolley fährt vorbei. „Edith sieht es gar nicht gerne, wenn hier nichts Alkoholisches zu sich genommen wird“, spricht Steward Moritz Piefke durch das Mikrofon und schuppst seine Getränke weiter durch die Reihen. Kichern. Besonders von vier Damen mit silbernen Cowboyhüten, die sofort eine Runde Schöfferhofer Blutorange ordern – Warmlaufen für ihren Junggesellinnen-Abschied.

Wir sind am Nollendorfplatz. Dort in Schöneberg startet die „Neukölln Classic Tour“ mit Comedy-Koryphäe Edith Schröder. Obligatorisch, möchte man fast sagen. Liegt hier doch das zentrale Nervensystem der schwul-lesbischen Hauptstadt. Reiseleiterin Schröder lässt allerdings auf sich warten. „Die hat sicher wieder einen VIP-Termin“, weiß Moritz und rückt dabei mit großer Geste seine rosa Jeans zurecht. Darüber trägt er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Neukölln Survivor“. Ob wir die Tour auch überleben? Edith erreicht den Bus. Applausstufe Sieben. Busfahrer Klaus legt den ersten Gang ein und die Tour kann beginnen.

Lidl-Tüte über der Perücke

Über die Lautsprecher swingt Discomusik. Edith weist kurz auf die Notausgänge hin und das schusssichere Fensterglas. Neukölln sei ja schließlich ein Problembezirk. Dem älteren schwäbischen Ehepaar in der Sitzreihe hinter uns gefällt dieser Gedanke offenbar gar nicht. Gequält lächelt die Dame, während der Herr stoisch an seinem Bier nippt. „Tüte über Kopf bei Druckabfall“, beendet Edith den Sicherheitscheck mit einer Netto-Einkaufstüte auf ihrer gepflegten Perücke. Nicht nur die Cowboyhut-Fraktion kriegt da seine erste Lachattacke.

Es folgt das Comedy-Bus-Lied. Alle müssen mitsingen. Etwas verhalten werden die Textzeilen geträllert. „Da fehlt noch der Pegel“, meint Moritz. Der Bus fährt derweil durch Kreuzberg und biegt ein auf den Tempelhofer Damm. Mit einer einstudierten Laola-Welle wird der Grenzübertritt nach Neukölln zelebriert. Danach folgt der erste Besichtigungstermin am Flugfeld Tempelhof. Edith erklärt die Kampfhundzone und warnt vor den „militanten“ Radfahrern. Es gibt eine Freirunde Fudschi, das Neuköllner Nationalgetränk. Fröhlich tigert die Reisegruppe wieder zurück in den Bus.

Fleisch-Outlet und Gäng-Bäng-Videos 

Die „Drogenhölle Hasenheide“ huscht vorbei, bevor in die Herrmannstraße einbogen wird, laut Reiseleitung der „Ku’damm“ Neuköllns. Gekonnt spielen sich Edith und Moritz nun die Bälle zu. Es entsteht ein Dialog in Endlosschleife. Jeder Passant, der sich des Weges trollt, jedes Geschäft, dient als Vorlage für beißenden Spott. Da ist der Trödel-Dödel: „Hier gibt’s gebrauchte Sex-Toys“, dort das „Fleisch-Outlet“ vom Wurstsonderposten-Markt. Die Neuköllner Straßen sind das Kino, die Insassen vom Comedy-Bus seine Besucher. An der Ecke Blaschkoallee steht ein Pärchen küssend auf einem Balkon. „Kuck mal Edith, hier wird wieder so’n Gäng-Bäng-Video gedreht.“ Die Cowboyhüte trocknen sich die Tränen.

Der Bus biegt auf die Autobahn ein, von wo aus die „Skyline Neuköllns“ zu sehen ist: Stillgelegte Schornsteine, verrottete Silos („voller Hundekot“) und verlassene Fabrikhallen. An der Grenzallee geht es wieder in das Herz des Bezirks. Passanten bieten dem schlagfertigen Team weitere Steilvorlagen. Edith hat eine Frau in einer Burka entdeckt. „Wenn sie wissen wollen, was sich unter einer Burka tut. Nur soviel: Die Haare wachsen zum Licht!“ Die Passagiere werden zum Brüllkommando. Humor ist selten eine Frage des guten Geschmacks. Schon gar nicht im Comedybus.

Popstar Heinz bei der „Leckschwester“

Am Hotel Estrel macht der Bus seinen zweiten Stopp. Vorm Eingang rauchen Geschäftsleute ihre Zigaretten. Beim gerade stattfindenden Unternehmerforum 2012 scheint Pause zu sein. „Gehören die zu uns?“, fragt ein Schlipsträger verwirrt seinen Nebenmann. Der schüttelt stumm mit dem Kopf. Drinnen gibt’s Fotos mit Edith. Die Cowboyhüte und das schwäbische Pärchen knipsen Bilder von der monströsen Lobby. In einer Ecke spielt eine Pianistin Radiosongs. Nach dem Gruppenfoto geht es wieder ins Freie, wo Würstchen mit Senf gereicht werden. Bis Klaus den Motor aufheulen lässt.

Auf der Sonnenallee erblickt Edith das „Traum-Eck“: „Früher war das ein öffentliches Klo, jetzt ist es eine Dönerbude. Also früher Endprodukt, jetzt Ausgangsprodukt“, witzelt sie. Geschwind biegt der Bus auf die Erkstraße ein und kommt vor dem Rathaus zum Stehen. Endlich ist Zeit für Bürgermeister Heinz Buschkowsky – laut Edith der einzige „Popstar“ Neuköllns. Heinz sei aber gerade außer Haus, vermutlich wieder Gast in irgendeiner Talkshow. Kunstpause! „Wohl bei Anne Will, der alten Leckschwester.“ Vor Gejohle platzt der Bus beinahe auseinander, auch das unterkühlte alt-schwäbische Pärchen hält nun nichts mehr auf den Sitzen. Check! Alle Klischees wurden hiermit abgearbeitet.

Zielgerade! Der Bus steuert auf den Hermannplatz zu. Vor dem Karstadt wird das neukoellner-net Team verwirrt ins Freie entlassen. Wir haben es überlebt. Doch da ist dieses Grinsen, welches einfach nicht von unserem Gesicht verschwinden will. Eines ist sicher: Neukölln und seine Klischees bieten beste Angriffsfläche für Comedy. Und Edith Schröder ist eine Meisterin ihres Fachs.

Impressionen der „Neukölln classic Tour“:

Fotos: Yana Wernicke

Wer selbst gerne mit Edith Schröder auf Tour gehen möchte, bekommt hier die Infos.

 

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