von am 15. Februar 2012

Sandra Diana Troegel betreibt in der Selchower Straße mit ihrer Freundin Anna Veit einen 2nd-Hand-Laden mit Hintergrund: “Veist – Kleidergeschichten”.

Gerade ist ihre dritte Zusammenstellung spezieller Vintage Kleider, mit teilweise sehr persönlichen Geschichten fertig geworden: “Geschichten vom Fliegen” steht zum Nachlesen und Erwerben auf ihrer Website. Ihr Laden ist buchstäblich bis unter die Decke eine Bibliothek. Es gibt eine kleine “Herrenabteilung”, die Denimstange, eine Sportecke und einen Koffer voller Schals und Mützen, der Rest gehört den Frauen.

Die Bibliothek der Kleidergeschichten

Zusätzlich haben junge Designer aus Berlin die Möglichkeit ihre Sachen hier zu präsentieren. Grob gestrickte Mützen mit Lederapplikationen, selbstgenähte Ledertaschen und Armbänder sind von Anna selbst. Ihr Label nennt sie schlicht „Ana“. Aus Lederverschnitt und fair gehandelten Edelmetallen hergestellter Street-Couture-Schmuck kommt von einer weiteren befreundeten Designerin: Mika Modiggard.

Kleidung wieder schätzen lernen und ihre Besonderheit würdigen

Nachdem Sandra uns Rosentee, mit ihrer Spezialzutat getrockneten Äpfeln, serviert hat, beginnt die Reise durch die Zeit. Sie weiß zu jedem Stück etwas zu erzählen. Den feinen Nadelstreifenanzug von Windsor hier vor uns hat sie selbst getragen. Er war früher ein stetiger Begleiter in ihrem Job, mitunter bei Bewerbungsgesprächen und sogar im Fernsehen. Mittlerweile trägt die Besitzerin keine Anzüge mehr. Warum nur?

Jetzt ist sie hier in ihrem Element. Begonnen hat die Leidenschaft für Kleidung mit der Großmutter. Die hat stets auf ihre Kleidungsstücke achtgegeben und sie sorgfältig gepflegt. Das ist auch Sandra’s großes Anliegen. Das man Kleidung wieder schätzten lernt und ihre Besonderheit würdigt, denn oftmals aufwendig hergestellt, lässt man sie nah an sich heran und trägt sie direkt am Körper. Das Interessante ist sich vorzustellen, wo das Stück vorher überall war, wer es besessen hat und was es für die Person bedeutet hat.

Das handgewebte Messingfäden-Kleid aus Persien und andere Schätze aus der Sammelcke

Stoffgeschichten aus verschiedenen Jahrzehnten und Kontinenten

Die Mutter von Sandra war früher Stewardess. Sie hat während dieser Zeit viele Kleider als Erinnerungsstücke auf ihren Reisen erworben. Die Geschichten zu ihren Kleidern sind verknüpft mit Orten, Menschen und Lebenssituationen aus verschiedenen Jahrzehnten und Kontinenten dieser Welt. Ihre originale American Airlines Brosche wird derzeit auf der Website ausgestellt, einige der geschichtsträchtigen Teile sind auf einen Shooting, aber vieles ist im Laden zu bestaunen. Zum Beispiel ein mit Messingfäden handgewebter Umhang aus Persien, den sie während seiner Fertigstellung auf einem “verbotenen” kaiserlichen Basar entdeckt und gekauft hat.

In der “Sammlerecke” hinter dem Tresen spitzt das Label “…Laurent” unter den Kleiderhaken hervor. Die schwarze mit Kordeln und Goldknöpfen besetzte Jacke ist aus einer der wichtigsten Yves Saint Laurent Kollektionen der 70er: “Ballet Russes”. Heute passt die Jacke kaum noch jemandem, weil sie für kleinere zierlichere Menschen geschnitten ist. Sie gehörte einer alten Dame, die man “Madame Rosa” nannte – nach ihrem weichen rosa Kashmirmantel auf der Kleiderstange gegenüber.

Die weisssilberne Lederjacke daneben, bekleidete Sandras Mutter als sie den Bund für’s Leben schloss. Das in allen Farben glitzernde Paillettenoberteil aus den 30ern ist von einer älteren Dame aus dem Kiez, ebenso wie ein schwarzfließendes Kleid mit Fledermausärmeln und Paillettenapplikationen auf den Schultern.

Tauschen, kaufen oder plauschen mit der Nachbarschaft

50% erhält der Kunde bei erfolgreichem Verkauf. Viele der Kunden sind direkt aus dem Schillerkiez und kommen vorbei, um zu tauschen, kaufen oder plauschen. Mit manchen sind Freundschaften entstanden, wie mit Stammkundin Deniz, die eben beim Tee mitgetrunken hat. Von ihr sind die rot-blauen Langlaufskier und das winzige Paar Kinderschlittschuhe, die im Moment dem winterlich ausstaffierten Schaufenster den letzten Schliff geben.

Nebenan ist der Plattenladen von Guido, dann kommt Circus Lemke. Und dort hat eigentlich alles angefangen. Ohne “den Lemke” gäbe es den Laden vielleicht gar nicht. Beim Kaffeetrinken dort im letzen Sommer mit ihrem Freund haben die beiden gesehen, dass die Rollläden des Ladenlokales heruntergelassen sind. Eine schnelle Nachfrage ergab: Die Räume sind zu haben! Sofort wurde Anna, mit der sie seit der gemeinsamen Arbeit für das Modelabel “armedangels” befreundet ist, angerufen. Sie hat gleich zugesagt. Seitdem Ergänzen sich die handwerklich begabte Modedesignerin Anna Veit und die internaffine PR-Frau Sandra Diana Troegel zu “Veist”.

Die “Veist” Inhaberinnen Sandra Troegel (li.) und Anna Veit am Tag der Eröffnung ©impress picture Buddy Bartelsen

Zwischen Federschmuck und Schreibfeder

Am 12. November 2011 wurde schließlich zur Eröffnung von “Veist” geladen. Der Name geht, neben der Namen der beiden Inhaberinnen, auf das bayrische Wort “feist” zurück. Es steht für wohlbeleibt und gut genährt. Man frisst sich “feist” und geht auf die Pirsch, auf die Jagd – Geschichtenjagd. Das Wort ist recht altmodisch und so steht es sinnbildlich dafür, dass man alten Dingen eine neue Bedeutung gibt.

Das Logo wiederum, eine Feder, ist das verbindende Element zwischen dem Erzählen und den Klamotten: die Feder als Schreibinstrument oder als letztes i-Tüpfelchen beim Styling.

Zu erwähnen ist noch die Tauschkiste. Hier kann man Sachen austauschen oder gegen einen kleine Obolus mitnehmen. Für Sandra darf alles so bleiben wie es ist: Der Laden hat gerade genau die richtige Größe, um viele Geschichten zu erzählen – und zu erleben.

VEIST – Kleidergeschichten
Selchower Straße 32, 12049 Berlin Neukölln, U8 Boddinstraße

Öffnungszeiten
: Mo-Fr 14-20 Uhr, Sa 12-18 Uhr

 

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