von am 23. Oktober 2013
Die Szenekneipenszene

Geben und Nehmen – Schwarzes Brett im Frollein Langner

Scheiß Gentrifizierung oder verbesserte Lebensqualität: Jede Woche ploppen neue Cafés, Bars und „Szenekneipen“ im Schillerkiez aus dem Boden. Wir waren uns selbst nicht sicher, was wir davon halten sollen und haben uns eine Meinung angetrunken.

Text: Agnes Ludwig / Fotos und Support: Max Büch

Auftakt in der Langen Nacht (0,5l Bier 3 Euro). Ein verregneter Mittwochabend, 19.30 Uhr. Es läuft Fußball, was die Kontaktaufnahme zu anderen Gästen eher schwierig macht. Hertha gegen Kaiserslautern. Das Publikum ist überwiegend männlich und die Barfrau ausgesprochen freundlich. „Uns gibt’s schon seit sieben, acht Jahren“, erzählt sie, und benannt sei ihre Kneipe nach dem Besitzer, Stefan Lange, der außerdem den Froschkönig zwei Straßenecken weiter betreibt. Auf der Suche nach einer Spezialität des Hauses bleibt unser Blick an einer gefüllten Glaskaraffe hinter der Theke hängen. „Mirabellenschnaps, sehr zu empfehlen“, hören wir. Wir sind ein bisschen skeptisch, wagen aber den Versuch (2,10 Euro): Unser Mut wird belohnt.

Für die einen ist es ein Zeichen der fortschreitenden Gentrifizierung im Kiez, für andere eine klare Verbesserung ihrer Lebensqualität. „Ich fühle mich hier nachts viel sicherer, seit hier so viel los ist“, sagt eine Anwohnerin aus der Selchower Straße. „Wer sehen will, wohin der Schillerkiez steuert, kann den Wandel an seinen Kneipen ablesen“ hieß es dagegen in der taz schon 2011, in einem Artikel mit der bezeichnenden Überschrift „Bürgerliche Langeweile“. Gemeint sind damit die seit einigen Jahren gefühlt jede Woche aus dem Boden ploppenden Cafés, Bars und vor allem „Szenekneipen“, von denen sich viele mit ihren obligatorischen Obstkisten-Regalen, Schnörkeltapeten, Stehlampen und Wohnzimmerfeeling seltsam ähneln.

Köstlicher Mirabellenschnaps aus der und für eine Lange Nacht

Köstlicher Mirabellenschnaps aus der und für eine Lange Nacht

Wir selbst, im Kiez oder direkt angrenzend wohnend, sind zwiegespalten. Einerseits teilen wir die größte Sorge der Gentrifizierungs-Gegner: Die Verdrängung der Alteingesessenen und finanziell Schlechtergestellten durch Mietsteigerungen, die mit der Aufwertung einhergehen. Andererseits genießen wir es auch, mehr als ein Café in nächster Nähe zum Frühstücken zu haben. Und mehr als eine Nicht-Eckkneipe, um abends ein Bier zu trinken. Mit dem Ziel einer Meinungsbildung haben wir uns also aufgemacht, um den eigenen Zwiespalt ein bisschen zu entzerren und Feldforschung zu betreiben. Und wo könnte die Szenekneipenszene besser erkundet werden als auf der neuen „Partymeile“ im Schillerkiez, der Weisestraße.

Mexikaner und Federweißer

Mit der wohligen Wärme des Mirabellenschnapses im Bauch treten wir aus der Langen Nacht wieder auf die Straße und touren weiter. Erst einmal ein kurzer Abstecher zum Syndikat (0,5l Bier 2,20 Euro). Das passt als lokales Punkkneipen-Urgestein zwar nicht in unseren Rechercheauftrag, bietet aber das mittlerweile berlinweit verbreitete Getränk Mexikaner (1,50 Euro) als Hausmarke schon seit einer Zeit an, zu der einige der jetzigen Besucher vermutlich noch gar nicht geboren waren. Als Hausspezialität ist übrigens (fast) immer die „Schnapsidee der Woche“ zu empfehlen. Diesmal mit mexikanischer Sonne (und Schärfe) im Bauch ziehen wir ein paar Häuser weiter in die Schiller Bar (0,5l Bier 3 Euro), die einzige komplette Nichtraucherkneipe in der Weisestraße, existent seit Mitte 2012.

An der Fassade sind die Überreste einer kleinen Gentrifizierungsfehde noch deutlich erkennbar. Einige Bürger haben dort ihrem Ärger über die vielen neuen Szenekneipen Luft gemacht, die Fassade mit roten Farbbeuteln be- und Scheiben eingeworfen. Die über die rote Farbe gesprühten Schiller-Zitate der Kneipe konnten die Gegnerschaft offensichtlich auch nicht besänftigen, denn auch sie sind wieder übermalt. Hier scheint es jemand schon sehr genau zu nehmen. Fast ein bisschen spießig. Im Laden selbst gibt es Federweißen und Flammkuchen für 3,50 Euro im Angebot – der süße Frühwein ist gut, nur die Zwiebeln vom Flammkuchen sind leider nicht wirklich durch. Es gibt kein W-Lan, dafür Bücher. Trotzdem sehen die anwesenden Gäste größtenteils so aus, als ob sie „irgendwas mit Medien“ machen, und da wir das auch machen und Neues kennenlernen wollen, ziehen wir weiter.

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Kommt es auf die richtige Wahl der Zitate an? Hier das vom Frollein Langner.

Im Froschkönig (0,5l Bier 2,80 Euro) läuft, wie jeden Mittwoch, ein Stummfilm. Da uns aber nach Reden ist, lassen wir den König rechts liegen, ebenso das Sowieso, wo noch ein Jazzkonzert stattfindet, und ziehen ins Frollein Langner (0,5l Bier 2,50 Euro) weiter. Über der Theke hängt eine Liebeserklärung an Berlin in Form eines Zitates von Anneliese Bödecker, das „laut, dreckig und grau“, aber eben doch trotzdem und vielleicht auch deswegen eine sehr liebens- und lebenswert Stadt sei. So in etwa der Tenor. Dreckig und grau ist es im Frollein nicht, im Gegenteil. Es ist schön und liebevoll hergerichtet. Ausgebaut wurde auch, die Bar um den Imbiss „Rundstück, warm“ nebenan erweitert und mit einem Durchbruch verbunden. Eine Gentrifizierungsfehde hat hier aber scheinbar noch nicht eingesetzt. Der große Kritikpunkt an den Betreibern der Schiller Bar war schließlich die franchiseartige Kombination aus Burgerladen, Bäckerei und Bar. Vielleicht kommt es auf die Wahl der richtigen Zitate an.

Das Publikum ist international, es wird Englisch, Spanisch und Italienisch gesprochen. Wir erfahren vom Barmann, dass es das Frollein seit März 2011 gibt und sich die Essensangebote auch nach den herkunftsspezifischen Künsten des aus Guatemala stammenden Kochs richten. Sogleich entbrennt eine hitzige Diskussion unter den Anwesenden, ob es nun „guatemaltekischer“ (Max, Barmann, Tresengast) oder „guatemalikanischer“ (Agnes) Koch heißen müsste (Ersteres ist richtig). Offenbar hat niemand ein Smartphone. Wir fragen nach der Spezialität des Hauses und bekommen „Frollein Mate mit XuXu“ (Erdbeerlimes) empfohlen. Das ist uns auf Grund grauenvoller Jugenderinnerungen dann doch zu gefährlich. Dafür trinken wir aus Vergleichsgründen noch einen Mexikaner (1,50 Euro), dessen Schärfe uns die Tränen in die Augen treibt. Gutes Zeug.

Leicht verrückt und liebenswert

Derart gestärkt machen wir uns wieder auf den Weg und landen am Straßenende im „Art und Weise (Kunstraum und Heilbar)“. Im Moment noch ist das in erster Linie ein Ort für Bilder- und Fotoausstellungen, doch ab Anfang Dezember soll auch hier ein regulärer Barbetrieb angegliedert werden, wo man sich, so der Betreiber, „Kunst und Unterhaltung“ verschreiben werde. Fasziniert betrachten wir ein abstraktes Gemälde neben dem Tresen und merken erst nach einiger Zeit, dass es sich dabei um ein Stück aufgebrochene Mauer mit Abflussrohr handelt, vor das eine daumendicke Glasscheibe gehängt wurde.

Entdeckungen zu später Stunde im Art und Weise

Entdeckungen zu später Stunde im Art und Weise

Getränke erhalten wir auf Spendenbasis, auch hier gibt es Mexikaner, doch wir versuchen es zur Abwechslung und zur Unterstützung der lokalen Wirtschaft mit einem Korn, den „Berliner Brandstifter“. Max verschwindet daraufhin länger Richtung Klo und kommt begeistert wieder: Auf der Suche nach Fotomotiven hat er eine Tamagotchi-Klobürste entdeckt. Unter Gekicher der wenigen verbliebenen Gäste bekommt er die Erlaubnis für ein Foto.

Ein Absacker? Sowieso.

Ein Absacker? Sowieso.

Wir nehmen Abschied und haben es fast geschafft. Auf dem Rückweg machen wir einen letzten Abstecher ins Sowieso (0,5l Bier 2,20 Euro). Dort sitzt noch der holländische Chef hinterm Tresen und plaudert mit einem Freund aus Norwegen, während ein Tourist aus NRW etwas verloren herumsitzt. Seit fünf Jahren gibt es die Bar, erzählt der Chef und schimpft über die einjährige Unterbrechung der U8 zwischen Boddin- und Hermannstraße, die massive Umsatzeinbußen nach sich ziehe. Gemeinsam trinken wir noch einen Absacker, einen köstlichen 13-jährigen Rum (5 Euro) und unterhalten uns über das Leben und die Liebe, wegen derer die Herren einst nach Berlin kamen. Es ist nach ein Uhr, als wir den Heimweg antreten. Glücklich, bierselig und uns völlig einig, nach diesem Abend Fans der Szenekneipenszene zu sein – auch trotz der negativen Entwicklung, die sie nun einmal mit sich bringt -, schwanken wir nach Hause. Sie ist genauso international, mannigfaltig, leicht verrückt und liebenswert wie der Kiez, in dem sie stattfindet.

Dieser Artikel ist in der Oktober-/Novemberausgabe der Schillerkiezzeitung „Promenadenmischung“ erschienen.

 

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