von am 31. August 2014

dreilaedenAn einer Stelle konzentriert sich das Wesen der Sonnenallee auf nur wenigen Metern. Hier sitzen Neuköllner aller Couleur nebeneinander. Überschneidungen gibt es allerdings wenige.

Was macht die Sonnenallee aus? Wir haben bereits eine Inventur gemacht und die Straße in Zahlen und Fakten erfasst. Ihre Eigenheiten lassen sich wohl nirgends so gut erfassen wie an einer ganz bestimmten Ecke: Zwischen Pannier- und Tellstraße offenbart sich die Essenz der Sonnenallee in drei Lokalen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

1. Café Espera

Hipsteresk einen Macchiato schlürfen kann man im Café Espera.

Hipsteresk einen Macchiato schlürfen kann man im Café Espera.

An dieser Stelle tun viele Menschen vor allem eins: Warten. Vor dem Café Espera hat der Bus M41 seine Haltestelle in Richtung Hermannplatz. Espera, das spanische Wort für „Erwartung“, ist also ein passender Name für ein Lokal in dieser Nähe. Das 2012 eröffnete Café symbolisiert das junge Neukölln: Stylische Kaffeesäcke im Schaufenster, abgezogene Backsteinwände im Inneren. Selbstgebaute Tische aus alten Tropi-Cola-Kisten, die mit kleinen Blumensträußen geschmückt werden. Wer hier sitzt, taucht im Latte-Macchiato-Schaum ab, verdrückt dazu ein frisch gebackenes Franzbrötchen und liest das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, während Folkmusik aus den Lautsprechern dringt. Hin und wieder durchbricht ein Motzverkäufer oder der laut brummende M41 die gediegene Atmosphäre.

2. Simone’s Bier- und Speisegaststätte

Auf ein Bier ... oder auch zwei, oder drei .... bei Simone.

Auf ein Bier … oder auch zwei, oder drei …. bei Simone.

Das gute, alte, ehrliche Neukölln. Man darf sich einen Wirtshausstuhl aus der Kneipe nehmen und den Zugezogenen aus aller Welt beim Macchiato-Schlürfen zuschauen – bei Simone bekommt man höchstens einen schön starken Filterkaffee. Die Mehrheit trinkt hier ohnehin Bier, da gibt es etwa ein gehaltvolles Tschechisches. Ebenfalls sehr beliebt: Jack Daniels mit Cola oder eine dubiose Mixtur namens „Wilder Mann“. Für die lesefreudigen Gäste liegt in der Ablage eines Spielautomaten, der auf jeden Fall noch aus dem letzten Jahrtausend stammt, ein Stapel „B.Z.“ bereit. Man munkelt, am Wochenende schaue das junge Party-Publikum gerne mal in den Morgenstunden vorbei, wenn es Zeit für einen Absacker ist. Aber auch am Nachmittag ist das dunkle Interieur gut gefüllt mit Gestalten, die dem miefigen Dunst noch einiges an frischem Qualm hinzufügen. Mit glasigem Blick erzählt der ein oder andere wirre Geschichten, während aus dem Radio Helene Fischer oder „Liebeskummer lohnt sich nicht, My Darling“ dudelt. Doch immer wird man freundlich aufgenommen und die Getränkepreise sind einfach unschlagbar günstig. Gute Gründe, eine der vier letzten Eckkneipen auf der Sonnenallee zu unterstützen.

3. Sultan Zwei Bäckerei

Hauptsache billig: In der Bäckerei Café Sultan Zwei kann geldfbeutelschonend gefrühstückt werden.

Hauptsache billig: In der Bäckerei Café Sultan Zwei kann geldfbeutelschonend gefrühstückt werden.

Irgendwo in Berlin gibt es wohl auch „Sultan Eins“, vielleicht sogar Drei und Vier. Die charmante Kreativlosigkeit bei der Namensgebung passt zum unaufgeregten Angebot der Bäckerei. Billiger Kaffee, billige Brötchen, billiges Gebäck. Eine Besonderheit ist das türkische Frühstück: Da wäre etwa ein Sesamring mit Kaffee, Tee und Oliven oder Knoblauchwurst mit Ei und Tomaten. Für nicht einmal fünf Euro bekommt man einen Frühstücksteller mit Käse, Ei und Salami. Ebenfalls zum Familienbetrieb gehört ein Gözleme- und Pizzaladen nebenan. Vor den Läden sitzen zum großen Teil türkische Männer. Man blättert in der Hürriyet, bespricht die wichtigsten Neuigkeiten und amüsiert sich über die vorbeilaufenden Hipster.

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