von am 27. August 2013

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Der Name ist Programm. In der Briesestraße im Rollbergkiez repariert und verkauft Mustafa Makinist Computer. Er macht das ohne große finanzielle Vorteile. Die Passion für das Tüfteln liegt in der Familie – wie schon sein Nachname sagt. Zuerst erschienen bei rhebs.tumblr.com

Text und Foto: Richard Hebstreit

Ein Bekannter mit einer sehr schmalen  Geldbörse suchte einen einfachen PC und meinte, ich wüsste doch sicher, wo man in Berlin da fündig werden könnte. Ich wusste es nicht sicher, aber ich kann Google und gebe “Sozialer Computerladen” in das Suchfeld ein. Mit mehreren Einträgen ganz oben bei Google kommt der “http://www.sozialer-computerladen.de/” aus Berlin angepfiffen. “Das sehe ich mir an”, meine ich und packe am 13.08.2013 meine Kamera und mein Notizbuch in meine Fototasche. Sich das persönlich anzusehen, war interessant. Sehr interessant! Der Macher des Sozialen Computerladens, “Mustafa Makinist”, taucht mehrfach im Internet bei Google auf, wo ich denke, das ist sowas wie ein Künstlername. Das war ein oberflächlicher Interpretationsirrtum meinerseits.

Ein echter Maschinist

Mustafa heißt mit Nachnamen wirklich “Makinist”, weil zu Zeiten Kemal Atatürks ein Gesetz, nämlich das Familiennamensgesetz vom 21. Juni 1934 in der Türkei erstmals Familiennamen einführte. Das im Januar 1935 in Kraft getretene Gesetz verpflichtet alle Türken, also jeden türkischen Staatsbürger, außer seinem Vornamen auch einen Familiennamen zu führen. „Efendi“ Ali vom „Bey“ Ali Mustafas „Pascha“ war Geschichte und Adels- und Clanherschertitel waren ab da verboten. Der Opa von Mustafa Makinist reparierte zu dieser Zeit Mitte der Dreißiger Jahre in der Türkei Grammophone, Nähmaschinen und weitere technische Haushaltsgeräte. Er gab sich somit selber den Nachnamen “Makinist”.

Als Maschinist bezeichnet man in unterschiedlichen Zusammenhängen den Bediener einer Maschine, etwa: bei der Eisenbahn den Führer einer Lokomotive,z.B. Triebfahrzeugführer; bei der Feuerwehr der Fahrer von Einsatzfahrzeugen und Bediener von feuerwehrtechnischen Einrichtungen als Mitglied einer Gruppe oder Staffel beim Technischen Hilfswerk den Bediener strom- und lichterzeugender Anlagen und Pumpen;in der Dampf- und Motorschifffahrt den Bediener des Schiffsmotors, siehe Maschinist (Schifffahrt); in der Industrie einen Maschinenführer, und zwar insbesondere den Bediener einer Werkzeugmaschine, z.B.  Zerspanungsmechaniker; beim Theater den Bediener der Bühnenmaschinerie (Theatermaschinist).

Keine dicke Knete

Mustafa Makinist hat neben seinen Interessen, Neigungen, Talenten, Familientraditionen auch einige technische Gene vom Opa geerbt, um einen Beruf auszuüben, den man heute Hardwarespezialist, PC – Schrauber, Elektroniker und derzeit offiziell IT-Systemelektroniker nennt. Er ist in diese Tätigkeit Stück für Stück hineingewachsen. In einem größeren Unternehmen arbeitete er sich innerhalb von 7 Jahren vom Lagerarbeiter zum Hardwareexperten hoch. Über die Mitarbeit in einem Neuköllner Sozialverein landete er in seiner Selbständigkeit als PC-Allrounder in der Briesestrasse 6 in seinem Laden “Sozialer Computerladen”. Seine Tätigkeit, als Retter mancher übel abgestürzter PC´s, erledigt er als Berufung – mit Spaß und Freude und Leidenschaft. Die Arbeit an der Sache und mit den Menschen, seinen Kunden bringt ihm Erfüllung. Die dicke Knete mit dieser Tätigkeit zu verdienen interessiert ihn herzlich wenig. PC´s verschenken, wie damals im Sozialverein, geht nicht mehr. Seine Preise für einen dicken funktionierenden PC mit Windows XP liegen um die 50 Euro und sind somit auch halb geschenkt. Zielgruppe sind die unterprivilegierten Menschen aus dem Kiez und um die Karl-Marx-Straße und dem Rollbergviertel.

Man spürt seine Herzlichkeit, als ein Kunde erscheint mit einen Tower, der absolut kein Bild mehr anzeigt und nur noch piept. Mustafa Makinist beruhigt ihn und meint am anderen Tag wüsste er sicher, was der PC für ein Wehwehchen hat. Egal welches Wehwehchen, der Computerdoktor ist gewappnet. Er hat kiloweise Netzteile, Grafikkarten und Festplatten gesammelt. Praktikanten aus anderen sozialen Vereinen oder dem Jobcenter finden bei ihm Wege in technischen Berufe der EDV oder in eine sinnvolle Freizeitgestaltung jenseits der problembehafteten Jugendgangs-Aktivitäten Berlin-Neuköllns.

Das Dopingverfahren

Mustafa Makinist ist Computer-Recycling-Experte und entsorgt und verwertet umweltgerecht EDV- und Elektronik. Er holt Altgeräte kostenlos ab. Ein Teil der Geräte unterwirft er einem Doping Verfahren – sie werden mit Arbeitsspeichern aus anderen PC´s wiederverwendbar gemacht, um noch einige Jahre als Familien-PC für einfache Office- und Internetanwendungen zu funktionieren.

Sein Laden platzt aus allen Nähten – er sucht preisgünstigen Lagerraum. Man merkt, es fällt ihm schwer, die „schönen“ EDV Teile weg zu werfen. Vor jeder Verwertung sieht er erst einmal die Rettung. Er ist ein richtiger  „Maschinist“. Die dicken großen PC´s werden in wenigen Jahren Geschichte sein, so wie die Linotype Setzmaschinen. Mustafa Makinist hilft momentan dabei, die Beerdigung dieser riesigen PC-Hammermaschinen noch ein wenig zu verzögern. Und er hat Spaß dabei!

 

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