von am 24. September 2014
Der Wahnsinn macht auch vor Plakaten nicht halt!

Der Wahnsinn macht auch vor Plakaten nicht halt!

Wie ein Virus breiten sie sich aus in Neukölln – eine „neue“ Modeerscheinung in dem von Szene und Hype ohnehin schwer gebeutelten Bezirk: Burgerläden. Und der Trend macht auch vor dem Rest der Republik nicht Halt. Eine Polemik.

Dass es so weit kommen würde, war absehbar, nur das Wie war überraschend. Dass die „Neueröffnung Neuköllns“ auch irgendwann die letzten großen Hochburgen des Lauten, Bunten, Dreckigen allmählich mit Veränderung überziehen würden, war nur eine Frage der Zeit: In der Hermannstraße, der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee hatte der Wandel schon eingesetzt. Und dass die Szene-Viertel links und rechts der großen Straße selbst den Kottbusser Damm irgendwann mit einbeziehen würden, war nicht weiter verwunderlich. Aber dass ausgerechnet ein Burgerladen den Anfang machen würde…

„Ghetto-Burger“ auf dem Kottbusser Damm

Der Kottbusser Damm – der vierspurige Mini-Highway zwischen Kreuzberg und Neukölln. Das Tor zur Stadt, viel befahren und immer bevölkert. Ramschläden und Dönerbuden reihen sich an Kleiderläden, die Obst- und Gemüseauslagen der türkischen Supermärkte, Backshops, Blumenläden, Wettbüros, undundund. Wer einmal rauf- und runterspaziert ist, kann sich hinterher an kaum ein Detail erinnern: zu viele Bilder, zu viel Lärm, zu viel Geruch: Reizüberflutung total.

Ein Detail fällt auf seit diesem Sommer: The Bird. Nicht, dass der Burgerladen besonders aufregend wäre – er wirkt nur einfach wie die Gurkenscheibe im Mc-Donalds-Hamburger: fehl am Platz. Die Scheiben zu sauber, das Angebot zu hochwertig, zu wenig Reizüberflutung. Und auch die coolen Menschen, die davor sitzen, wirken zum Normalmischungsverhältnis des Damms aus Migranten, Bettlern, Pennern, Studenten und Kreativen in ihrer Gesamtheit eher wie eine Gurkentruppe.

Von den üblichen Passanten wird sich wohl auch künftig niemand in die nun dritte Filiale (neben Prenzlauer Berg und Hamburg) von The Bird verirren, denn der billigste Burger auf der Karte der neuen „Kreuzberg“-Filiale in Neukölln kostet märchenhafte 9,50 Euro. Ob die Betreiber vor Eröffnung des Ladens je einen Fuß auf den Kottbusser Damm gesetzt haben? Den 9-50-Burger in dieser Gegend als „Ghetto Burger“ zu verkaufen, kann man geschmacklos finden – oder auch zum Kotzen.

Lustige Motto-Karten

Doch um Preispolitik oder Fleischqualität soll es hier nicht groß gehen. Denn der teure Vogel aus dem Prenzlauer Berg ist nur Teil eines viel größeren Fast-Food-Booms. Was als Fast-Food-Verschiebung (wir berichteten) begann, hat sich zu einer regelrechten Burger-Laden-Invasion entwickelt: Der Hamburger Heaven aus der Gräfestraße hat kürzlich eine zweite Filiale in der Sanderstraße eröffnet. Auf der Sonnenallee findet sich seit ein paar Monaten das Heat & Beat, das sich für seine Burger dem Namen entsprechend ein lustiges Motto hat einfallen lassen. Die Essenskarte liest sich als Reminiszenz an (vergangene) Berliner Clubgrößen wie WMF, Ostgut, Tresor und Maria. So berlin! Und der Burger Bunker füllt seit dem Sommer nun die letzte Lücke des mittlerweile komplett zur Fressmeile mutierten Abschnitts der Weserstraße zwischen Reuter und Pannier.

Unter die spaßigen Motto-Kandidaten fällt auch der Schiller-Burger, der seine Speisekarte entsprechend poetisch gehalten hat mit Varianten wie Die Glocke, Maria Stuart oder Die Räuber. Der Schiller-Burger hat jedoch für sich alleine schon eine kleine Invasion am Laufen: Nach einer Dreifach-Gastronomisierung der Herrfurthstraße im Schillerkiez (zwischen Weisestraße und Schillerpromenade) mit Schiller-Burger, -Backstube und -Bar, kommt seit geraumer Zeit Burger-Filiale nach der anderen hinzu: Eine in der Karl-Marx-Straße, eine in „Xberg““ und eine in „Fhain“. Und Pankow „coming soon“ – Sturm und Drang im Burger-Business.

Ein kleine Ausnahme in Sachen Kreativität bildet die Beißbeere in der Flughafenstraße – seit Sommer aktiv. Hier hat man sich auf die scharfe Chili-Variante des gegrillten Hackbrötchens spezialisiert. Dazu werden Chilis in verschiedenen Farben, Größen und Schärfegraden verkauft und selbst ganze Pflanzen für den Eigenanbau zu Hause lassen sich erwerben. Immerhin geht es hier konzeptionell über die Namensgebung hinaus.

 
Das immergleiche wiedergekäute Ergebnis: Burgerladen

Was genau zu diesem plötzlichen Burger-Wahnsinn geführt hat, dürfte Spekulationssache bleiben. Burgerläden, die auf gute Fleischqualität und frische Zutaten setzten (das muss man den meisten Neuzugängen lassen) sind ja bei weitem nichts Neues – Burgermeister und Kreuzburger seit Jahren feste Institutionen im Nachbarland, und auch vor dem BBI stehen die Schlangen auch schon länger. Vermutlich wittert man seit der Neueröffnung Neuköllns ein saftiges Filetstück und möchte sich seine Scheibe davon sichern.

Nur, muss man es dann unbedingt wieder und wieder durch den Fleischwolf pressen, um zu dem immergleichen wiedergekäuten Ergebnis zu gelangen: Burgerladen? Allein auf dem Fleischsektor gibt es bis dato völlig brachliegende Sektoren wie Wurstbrötchen, Schnitzelsemmel oder Leberkassemmeln/Fleischkäseschrippen. Ganz zu schweigen von gesünderen Alternativen wie Salate, Gemüsepfannen oder Ähnliches. Und es ließ sich doch bereits an den vorangegangenen Gastronomisierungswellen ablesen, dass auch die zwanzigste Flohmarktmöbelbar nicht weniger langweilig wird.

Doch die offenbar akut grassierende Fleisches- bzw. Burgerlust gibt den Fleischwolfpressern recht. Denn Neukölln ist längst nicht allein mit seinem Burger-Wahnsinn. Während in Berlin noch um die Vormachtstellung in den verschiedenen Bezirken gestritten wird, breitet sich im Rest von Deutschland längst ein anderer Konkurrent im großen Stil aus. Hans im Glück aus München (sieben Filialen) gibt es bereits in Nürnberg, Köln, Wuppertal, Essen, Münster, Hamburg, Lübeck, dreimal in Stuttgart und einmal in Berlin an der Friedrichstraße.

Bohei um ein Stück gegrilltes Hackfleisch

Warum dieses ganze Bohei um ein Stück gegrilltes Hackfleisch plus Gedöns? Kommen hier die etwa die Minderwertigkeitsgefühle der fleischfressenden Bevölkerung ökonomisch zum Tragen? Eine Art Gegen-Gegenbewegung zum Vegan- und Vegetarismus, die sich besonders mit dieser archaisch wirkenden Form des gegrillten Fleischklumpens, mit den bloßen Händen verzehrt, identifizieren kann? Möglich.

Dass jeder auch noch so kleine Schritt weg von der pervers-industrialisierten Massentierhaltung hin zu mehr Essensqualität unterstützenswert ist: außer Frage. Nur in einem Viertel, wo die Kreativität doch scheinbar hinter jeder Ecke lauert, möchte man manchem Gastronomen ein wenig mehr davon wünschen.
 

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Ein Kommentar:

  • Nicki sagt:

    Was so alles nicht sein muss! Zum Beispiel: Zugezogene und Leute, die uns Einheimischen unsere Stadt erklären wollen. Ich habs aufgegeben mich darüber aufzuregen. Die Meute wird ne neue Trend-City entdecken und weiterziehen. Leider werden die Kieze danach verdorben sein: Unbezahlbare Wohnungen, Cafés und Restaurants werden bleiben.

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