von am 3. August 2016
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Am 3.8.1919 war halb Neukölln auf den Beinen beim großen Wettschwimmen durch den Kanal. (Quelle: Museum Neukölln)

Am Neuköllner Schiffahrtskanal trinkt man sein Bierchen und trifft sich mit Freunden. Zu einem Bad lädt das oft morastige Wasser eher nicht ein. Kaum vorstellbar, dass hier vor genau 97 Jahren 117 wagemutige Schwimmer um die Wette kraulten.   

Die Schwimmer froren an diesem Sonntagmorgen. Der August hatte den Sportlern eine Kaltfront beschert. Trotzdem drängten sich bereits vor dem Startschuss zahlreiche Schaulustige rund um die Lohmühlenbrücke.

Heute würde ein solches Rennen wohl der mäßigen Wasserqualität zum Opfer fallen. Damals war es die größte Sportveranstaltung, die Neukölln bis dato gesehen hatte. Am 3. August 1919 veranstaltete die Neuköllner Schwimm-Union ein Wettschwimmen durch den Schiffahrtskanal. 117 Teilnehmer wagten sich auf die 3000 Meter lange Strecke. Eine Art Initialzündung für erfolgreichen Schwimmsport im Bezirk.

Gewaltige Menschenmenge

Geschätzte 50.000 Zuschauer fanden sich an diesem Morgen am Kanal ein und sahen ein bunt gemischtes Starterfeld. Unter den Schwimmern befanden sich Damen, Herren, Senioren und sogar drei Jugendliche. „Gespannt darf man sein, ob die drei gemeldeten Knaben unter 14 Jahren die 3000 Meter Strecke durchhalten werden“, schrieb das Tageblatt.

Unter tosendem Beifall erging für die Schwimmer um 9 Uhr der Startschuss. Ein gewisser Willy Babenschneider setzte sich schnell an die Spitze des Feldes. Im Laufe des Rennens mussten zahlreiche Teilnehmer aufgeben; das kalte Wasser forderte seinen Tribut in Form von Arm- und Beinkrämpfen. Einer Frau konnte all das nichts anhaben: Die Jugendschwimmerin Else Döbler zog kurz vor Schluss zum Zielsprint an, überflügelte ihre Konkurrentin Henschel und distanzierte auf der Zielgeraden obendrein Herrenmeister Sick und Altmeister Babenschneider um ganze vier Sekunden. Ihre Endzeit: 1 Stunde, fünf Minuten und 55 Sekunden.

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So sieht eine Siegerin aus: Else Döbler (links) schwamm schneller als die schnellsten Herren. (Quelle: Museum Neukölln)

Eine Frau schwimmt vorn

Eine Sensation! Eine junge Frau gewinnt das erste Wettschwimmen „Quer durch Neukölln“. Angesichts dieses ereignisreichen Tages und auch aufgrund der enormen Zuschauerresonanz wurde anschließend der Schrei nach einem Sommerbad für Neukölln immer lauter, natürlich auch zu Trainingszwecken. „Wäre es da nicht folgerichtig, dass ein solches bald errichtet würde?“, fragte die Neuköllner Presse.

Es sollte jedoch weitere 32 Jahre dauern, bis Neukölln 1951 sein erstes Sommerbad eröffnete. In puncto Schwimmsport hat der Bezirk dennoch seit Jahrzehnten eine Vormachtstellung in der Stadt. Vereinzelt brachte die Talentschmiede des Nachfolgevereins der Schwimm-Union, die SG Neukölln, sogar Olympiasieger und Weltmeister hervor, darunter Britta Steffen und Franziska van Almsick. Heute ist sie mit 4700 Mitgliedern der größte Schwimmverein Berlins.

Übrigens: Keiner der drei Knaben sah am 3. August 1919 bei der Brücke an der Köllnischen Allee die Zielflagge. Der letzte verbliebende Jungschwimmer, Willi Döbler, der Bruder der Siegerin, musste kurz vor Ende aufgeben.

Dieser Artikel erschien erstmals am 2. Februar 2014 auf neukoellner.net. Archivmaterial ©Museum Neukölln – In Zusammenarbeit mit dem Geschichtsspeicher des

 

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