von am 13. Februar 2013

Heidelberg gegen Berlin, Pfarrerin gegen Pfarrer, Wort gegen Wort: Das 1. Neuköllner Predigtbattle war der Versuch, der christlichen Rede ein modernes Gewand zu geben.

Die Organistin Anke Meyer scheint heute besonders virtuos aufgelegt zu sein. Ihr Solo erinnert mehr an das Intro einer Game-Show im amerikanischen Fernsehen als an besinnliche Kirchenmusik. Das passt auch besser zu diesem Abend, denn die Besucher, die sich eng auf den Plätzen im Kirchenschiff aneinander drängen, sind auch nicht wegen eines klassischen Gottesdiensts gekommen. Sie wollen sehen, wer in der Rixdorfer Magdalenenkirche das 1. Neuköllner Predigtbattle, eine Art Poetry Slam für Geistliche, für sich entscheiden wird.

Die Kandidaten sind Marita Lersner, die Kreisjugendpfarrerin des evangelischen Kirchenkreises Neukölln, sowie Florian Barth, der aus seiner Gemeinde in Heidelberg angereist ist. Beide kennen sich aus dem Studium und sind im vergangenen Oktober zum ersten Mal im Predigen gegeneinander angetreten. Damals in Barths Kapellengemeinde in Heidelberg, wo der baden-württembergische Pfarrer im Heimspiel gewonnen hat. Marita Lersner will das nicht auf sich sitzen lassen und bevor es los geht, weist sie ihre Schäfchen noch schnell zurecht: „Sie wissen, was zu tun ist.“ Florian Barth dagegen punktet mit einem Eröffnungswitz und entschuldigt sich dafür, dass er kein Hochdeutsch spricht: „Ich weiß, dass der süddeutsche Dialekt in Berlin derzeit sehr unbeliebt ist, möchte jedoch anmerken, dass ich Schrippen niemals Wecken nennen würde.“

Die Stadt der Zukunft

Drei Runden stehen den Kontrahenten bevor. Zum Einstieg hält jeder der beiden eine vorbereitete Rede, danach muss improvisiert werden. Nach jeder Runde entscheidet das Publikum per Applaus über seinen Favoriten. Thema der ersten Rede ist die Jahreslosung: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Florian Barth, so hat der Münzwurf entschieden, darf anfangen und steigt auf die Kanzel. Für ihn heißt die Suche nach einer zukünftigen Stadt, Hoffnung zu haben. Das veranschaulicht er mit einem Beispiel aus seinem Berufsalltag, zu dem auch der regelmäßige Besuch der Palliativstation eines Krankenhauses gehört. Hier erlebe er, dass sich Hoffnung nicht erzwingen lässt. „Hoffnung kann man nicht machen, Hoffnung bekommt man geschenkt. Dafür kann man Gott danken.“

Marita Lersner vergleicht danach das Reich Gottes erst einmal mit dem Flughafen Berlin-Brandenburg: „Der Flughafen ist ja schon da, aber eben noch nicht im vollen Sinn Wirklichkeit geworden.“ Das Reich Gottes bedeute ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit. Um Menschen zu begegnen, die auf eine bessere Zukunft hoffen, könne man ebenfalls nach Schönefeld schauen: Flüchtlinge, die auf Asyl hoffen. Pfarrerin Lersner ermutigt die Zuhörer dazu, den Glauben an eine bessere Welt nicht zu verlieren und dafür zu kämpfen, „auch wenn es unbequem werden könnte.“  Mit diesem Aufruf kann sie den ersten Punkt für sich verbuchen.

Brauchen wir Gott?

In der zweiten Runde gibt der Moderator das Thema vor und es gilt, die schwierige Frage „Brauchen wir heute noch Gott?“ zu diskutieren. „Natürlich nicht!“ steigt Lersner ein und ein leises Raunen geht durch die Zuhörerschaft. Sie möchte sich nicht gerne sagen lassen, dass sie irgendwas brauche. Aber: „Mit Gott lebt es sich besser.“ Auch Barth gibt zu, dass Gott nicht jede Minute in seinem Leben präsent ist. Man brauche vielleicht Gott jetzt nicht, aber morgen, für seine „göttlichen Fügungen“. Und Gott brauche auch uns, für unser Leben in Gemeinschaft. Dieser Punkt geht an Barth.

Für die entscheidende dritte Runde darf das Publikum Stichworte zurufen, die in den Reden auftauchen müssen. Der Moderator entscheidet sich für „Zukunft“, „Hass“ und „Dreifaltigkeit“. Nach drei Minuten Klaviermusik entwirft Florian Barth seine Vorstellung von Vater, Sohn und Heiliger Geist, schweift aber zu sehr in einen Vortrag wie im Religionsunterricht ab. Marita Lersner zeigt, dass sie sich als Neuköllner Pfarrerin auch mit dem Islam auskennt, und zieht eine Parallele von der Dreifaltigkeit zu den 99 Namen, die Gott im Koran trägt. Mit diesem Bild führt sie anschaulich die Widersprüchlichkeiten in den Vorstellungen von Gott aus – und entscheidet auch die letzte Runde für sich.

Ein knallhartes Battle war die Veranstaltung nicht, obwohl man merkte, dass vor allem Lersner nicht als Verliererin in ihrer eigenen Gemeinde nach Hause gehen wollte. Aber nach einer unterhaltsamen Stunde war klar: Kirche kann heute spannender sein als realitätsfremde Vorträge über biblische Begebenheiten und vorbildliche Heilige. Die beiden Pfarrer offenbaren, dass es in Ordnung ist, auch einmal an Gott zu zweifeln. Den größten Agnostiker hätten sie mit ihren Vorträgen wohl nicht überzeugt, aber immerhin zeugte das Predigtbattle von dem Versuch, sich für ein breiteres Publikum zu öffnen.

Hier gibt es die letzte Runde noch einmal zum Nachhören:

 

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