von am 15. August 2014

wochenschau_33-14 Immer wieder freitags: Geschichten vom Neukoellner Tellerrand und darüber hinaus. An dieser Stelle präsentieren wir die Themen das Thema der Woche – was wir noch sagen wollten, was die Anderen so machen und unsere Empfehlung fürs Wochenende.

Die Wochenschau ist traurig. Traurig wegen der Tragödie, die sich zwischen Palästina und Israel abspielt. Die unnötige Spirale der Gewalt, die Toten, die Flüchtlinge, die zerstörten Familien. Der Hass auf beiden Seiten. Die Wochenschau ist traurig, weil sich dieser Konflikt offenbar auch hier abspielt. Diese Woche erschien auf der Seite Honestly Concerned der Bericht eines Mannes, der mit einer Israelflagge am Auto durch Neukölln fuhr. Er wurde beschimpft, er wurde bedroht. (Beschimpft, bespuckt, bedroht: „Du bist tot.“, Honestly Concerned, 12.08.) Wir haben mit dem Autor des Textes, Andrew Walde, gesprochen. Er ist SPD-Mitglied, arbeitet beim DGB. Seit Jahren setzt er sich gegen Rechtsextremismus ein, u.a. bei den Neuköllner Falken. Deren Kinder- und Jugendzentrum wurde 2011 von Nazis abgebrannt. Walde leitete den Aufruf „Bollwerk gegen Nazis“. Er zitiert die deutsche Widerstandskämpferin Edith Wolff: „Es ist richtiger auf der Seite der Verfolgten zu stehen als auf der Seite der Verfolger.“ Walde zeigt sich im Gespräch  schockiert vom Ausmaß der Aggression gegen seine Israelflagge.

„Ich habe mit Kopfschütteln oder mit Stinkefingern gerechnet. Oder dass vielleicht jemand ruft: Das was Israel macht, ist Scheiße. Das wäre ja noch in Ordnung. Aber diese Aggressivität, diese Attacke auf Leib und Seele, das hat mich ungehauen. Ich konnte immerhin nach Hause fahren und die Flagge abmachen. Das können andere nicht.“

Walde fürchtet, dass eine verlorene Generation unter den jungen Migranten entstehen würde, wenn der Staat nicht eingreift. Kinder und Jugendliche aus migrantischen Familien müssten schon von der Kita an für die Werte der demokratischen Gesellschaft sensibilisiert werden. In dieser Position sei er nah bei Heinz Buschkowsky. Bildung sei dessen Auffassung nach der Schlüssel zur Teilhabe.

„Die Situation darf nicht verschwiegen, nicht bemäntelt, nicht schöngeredet werden. Wir haben ein massives Problem, was Integration betrifft. Dieser Antisemitismus resultiert aus mangelnder Bildung, anderen Werten. Er ist ein Zeichen für die Ablehnung einer freien, bunten, vielfältigen Gesellschaft.“

Als unreflektierter Verteidiger der Politik Israels möchte sich der Gewerkschaftsmann, der schon häufig von Nazis bedroht wurde und offenbar auf einer Liste der Terrorgruppe NSU stand, aber nicht sehen.

„Ich sehe auch kritisch auf Israel, habe gute Beziehungen nach Palästina. Ich blicke nicht mit einer rosaroten Brille auf Israel. Es gibt dort Nazis, Rechtsextreme und Araberhass. Aber dieses unreflektierte Bashing, was hier gerade passiert, ist nicht hinnehmbar.“

Dass die krassen Reaktionen womöglich nicht dem Judentum an sich, sondern der Flagge, also einem Hoheitssymbol des Staates Israel galten, ist für Walde nicht vorstellbar.

„Es wird nicht zwischen dem Staat Israel und den Juden differenziert. Wenn die Hamas und die Fatah, aber auch Staaten wie Iran oder Katar sagen, man müsse die Juden vernichten, dann kann ich da keine Differenzierung erkennen. Es wird auch nicht zur Kenntnis genommen, dass in Israel zwei Millionen Araber wohnen. Dass diese integriert sind. Dass Arabisch zweite Amtssprache ist. Ich rede viel mit Kollegen und merke, wie viele Defizite vorhanden sind, was die Historie, aber auch was die aktuelle Situation betrifft.“

Einer Ähnlichkeit zwischen Antisemitismus und der Ablehnung von Muslimen mag Walde nur bedingt zustimmen. Anti-Islamismus entstehe ebenso durch Unwissenheit wie der Antisemitismus. Andererseits sei eine negative Einstellung gegenüber Muslimen auch den Erfahrungen aus dem Alltag geschuldet.

„Es wird immer häufiger diskutiert: Sind wir überhaupt noch diejenigen, die unsere Umgangsformen bestimmen oder geht das in eine völlig beliebige Richtung, die in die Ablehnung unserer Kultur, unserer Werte mündet? Reden sie mal mit Polizisten, Busfahrern, Lehrerinnen oder mit Krankenschwestern. Diese können Ihnen Geschichten erzählen, da stehen Ihnen die Haare zu Berge. Dabei geht es nicht um Vorurteile, sondern um reale Probleme. Die Security im Neuköllner Krankenhaus ist nicht da, weil man Angst hat, die Blutbank wird ausgeraubt.“

Der Bericht von Andrew Walde auf der Seite Honestly Concerned.

Der Bericht von Andrew Walde auf der Seite Honestly Concerned.

 

„Der Autor ist entweder sehr naiv oder ein Provokateur“

Die Wochenschau hat Armin Langer, Gründer der jüdischen Initiative „Salaam Shalom“, die sich für ein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Juden in Neukölln einsetzt, um ein Statement zu dem Text von Andrew Walde gebeten.

„Der Autor dieses Berichtes ist entweder sehr naiv oder ein Provokateur. Mit einer israelischen Fahne in Nord-Neukölln herumzufahren, wo tausende Palästinenser leben, die ihre Heimat wegen der israelischen Besatzung verlassen mussten, ist eine Provokation. Würde man unter Kurden mit einer türkischen Fahne oder unter Tibetern mit einer chinesischen Fahne herumlaufen, würde Ähnliches passieren. Der Autor meint, dass er ein Zeichen gegen Antisemitismus setzt – diese Absicht ist nett, aber er benutzt ein Symbol des Staates Israel, und nicht des Judentums. Er fährt in Neukölln herum als Unterstützer eines Staates, der Gaza unter Blockade hält. Ein Staat der einen freien palästinensischen Nachbarstaat verhindert. Ein Staat wo täglich junge Araber – und jüdische Friedensaktivisten – von israelischen Rechtsextremisten zusammengeschlagen werden.

Die Tausenden von (ex-)Israelis, die jetzt in Neukölln und Berlin wohnen, freuen sich auch bestimmt nicht über diese Fahne – sie haben ihr Land wegen den Nationalisten verlassen, die sogar zum Einkaufen mit einer Fahne gehen. Dazu kommt noch, dass der Autor kein Jude ist. Wir, mehrere Dutzend Mitglieder der Salaam-Schalom Initiative sind in Neukölln lebende Juden. Wir gehen offen mit unserer Religion und Herkunft um: unsere israelischen Mitglieder sprechen Hebräisch auf den Straßen von Neukölln – sie haben noch nie negative Erfahrungen gemacht. Einige Mitglieder tragen Kippa auf der Straße, auf ihrem Weg in die Synagoge: kein Problem bis jetzt. Wir haben muslimische und nicht-muslimische Nachbarn, und alles ist gut. Juden und Muslime sind keine Feinde – nur die Nationalisten auf beiden Seiten wollen uns das einreden.

Sowohl Antisemitismusforscher wie Wolgang Benz als auch die Angaben der Bundesregierung aus dem ersten Halbjahr 2014 beweisen, dass es keine neue Lawine von Antisemitismus gibt. Die absolute Mehrheit der Überfälle und Anfeidungen werden nicht durch Migranten ausgeübt. Antisemitismus ist keine „Importware“. Mit solchen zu kurz greifenden Selbstversuchen, versucht ein Teil der deutschen Öffentlichkeit die Verantwortung loszuwerden. Sie verwenden Muslime und Migranten als Sündenböcke. Sie instrumentalisieren Antisemitismus, um Antimuslimismus zu verbreiten. Wir Juden waren einst die Sündenbocke, jetzt sind es die Muslime und die Migranten. Genau dagegen engagiert sich die Salaam-Schalom Initiative – es gibt noch viel zu tun.“

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4 Kommentare:

  • Mr. Corado sagt:

    Ich erlebe tatsächlich keinen Hass von der israelischen oder gar von der jüdischen Bevölkerung hier in Deutschland .
    Wo hat der Autor dieses Artikels den Hass von diesen Menschen erlebt? Vielmehr wünschen sie sich nichts mehr als Frieden.
    Das zeigt sich auch sehr deutlich daran, dass keine einzige Rakete oder Mordkommando von Israels Seite nach Gaza eindringt. Selbst hunderte Raketen von Gaza auf Israel hat keinen israelischen Bürger dazu veranlasst sich zu bewaffnen um zurück zuschlagen.
    Das wäre ihr gutes Recht gewesen !!
    Wer diesen Konflikt nach Europa , in die Straßen der Metropolen Deutschlands und anderer europäischen Staaten trägt ist auch ziemlich eindeutig – auch ist eindeutig welches Ziel diese Provokationen haben. Illegale Demos in denen das Opfer von Monatelangen Raketenangriffen einer Terrororganisation zum Täter erklärt wurden und mit allzu bekannten Stereotypen , die gerne seit hunderten von Jahren dem jüdischen Volk angedichtet werden. Dieses ist nicht nur ein Straftatbestand hier in Deutschland , sondern treibt mir als Deutschen die Schames- und Wut-röte ins Gesicht , wenn sich hier auf den Straßen ein muslemischer Mob mit diesen faschistoiden Parolen tummelt und Angst und Schrecken verbreitet.
    Der Selbstversuch eines Mannes , der das gute Recht hat , eine Flagge seiner Wahl ans Auto zu klemmen ohne als Provokateur bezeichnet zu werden, zeigt welches Demokratieverständis diese mit blinden Hass erfüllte Bevölkerungsgruppe hat.
    Falls sie anderer Meinung sind , empfehle ich einen Gegenversuch. Gehen sie mit einer typisch arabischen Kleidung durch Tel Aviv, dann gehen sie mit einer jüdischen Kopfbedeckung durch Neukölln . Oder sehen Sie das in demokratischen Staaten als Provokation???
    Ich kann Ihnen voraussagen was passiert, Sie werden völlig unbehelligt aus Tel Aviv und gedemütigt, beleidigt oder gar misshandelt aus Neukölln zurückkommen.
    Israelische Bürger die hier in Deutschland leben und die ich zu ihrem Artikel befragt habe teilen ganz und gar nicht ihre Ansicht, vielmehr sind sie Froh das auch für Sie eine Stimme in der Öffentlichkeit spricht. Sie meinen sicher den Juden der sich klein macht wenn man auf Ihn rumtrampelt und der Gehorsam in die Gaskammern gegangen ist- aber diesen Juden gibt es nicht mehr, Juden wehren sich und sagen ihre Meinung und kämpfen für Ihr Recht zu Leben.
    Das ist was die palästinensischen Aggressoren dort und hier noch lernen müssen, und wenn dieser Prozess abgeschlossen ist , wird Frieden im alten Palästina sein. Salem Shalom

  • Maria sagt:

    Ohne die ganze Komplexität des Konflikts einschätzen und bewerten zu können und zu wollen, finde ich es tatsächlich auch etwas bedenklich, dass der Autor nach seinen Erfahrung die Verantwortung für den Antisemitismus komplett auf die „jungen Migranten“, die nicht unsere demokratischen Werte teilen, abwälzen will. Das klingt mir zu kurz gedacht. Es gibt zu diesem Thema einen ganz guten und interessanten Artikel in der taz:

    http://www.taz.de/!144365/

  • […] Ein Mann fährt kurz durch Kreuzberg und Neukölln mit einer israelischen Fahne am Auto, wird beschimpft, beschwert sich danach in den Medien über den „Antisemitismus“ der Migranten, und fragt sich, was die Juden und Israelis machen können, die “täglich an Leib und Leben Bedrohten“? […]

  • […] Wochenschau hatten wir uns zuletzt mit dem Antisemitismus auseinander gesetzt. Es ging dabei um die Reaktionen auf einen Deutschen, der mit Israelflagge durch Neukölln gefahren war. Die sich um ein friedliches Zusammenleben bemühende Salaam Shalom-Initiative sah die Aktion […]

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