von am 27. März 2013

Türkische Gastarbeiter in den 70ern in Berlin, Foto: Heinrich Klaffs

Immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund treten ins Rentenalter ein. Viele von ihnen erwartet ein Leben in Armut. Ein kleiner Einblick in die Arbeitsbiographie eines türkischen Gastarbeiters.

Foto: Heinrich Klaffs/flickr

Zu fünft spielen sie Karten im EM-DER, dem „Hilfs- und Solidaritätsvereins für Rentner, Behinderte und Senioren“, in der Neuköllner Allerstraße. Einer von ihnen ist Kazançi A., Ein Mann mit Brille, und weichem Gesicht.

Nach Berlin ist er Anfang der Siebziger Jahre gekommen aus Corum in der Türkei. Jung war er damals, Mitte 20. Die wirtschaftlichen Perspektiven in Deutschland und die miserablen Aussichten in der Türkei haben ihn zu diesem Schritt bewogen. Erst hat er bei AEG in der Voltastraße gearbeitet, dann in einer Kistenfabrik, dann in irgendeiner Firma für Scharniere. Er weiß es selber nicht mehr genau. Seit 1992 jedoch ist er arbeitslos.

Laut Studie des Statistischen Bundesamtes leben 2,5 bis 2,7 Millionen Türken in Deutschland. Davon rund 100.000 im Rentenalter, ungefähr 14.000 in Berlin. Während gut 31 Prozent der deutschen Staatsbürger in der Altersgruppe über 65-Jähriger im Niedriglohnsektor arbeiteten, betrug diese Quote unter Ausländern über 52 Prozent. 2,1 Prozent der deutschen Staatsbürger in dieser Altersgruppe müssen staatliche Hilfe in Anspruch nehmen. Wie die Zahlen des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW 2010) zeigen, ist diese Quote mit 12,7 Prozent bei Ausländern mehr als sechs Mal so hoch.

Renten sind im Durchschnitt 20% niedriger als die Renten der einheimischen Bevölkerung

Kazançi ist nach seiner eigenen Einschätzung nur bedingt von diesem Problem betroffen. Er bekommt 480 Euro Rente im Monat; seine Frau war Putzfrau bei zwei Städtischen Kindergärten, der Öffentliche Dienst zahlt ihr jetzt 1100 Euro Rente. Durch ihre Arbeitseinstellung haben sie bis zur Arbeitslosigkeit so viele Rücklagen geschaffen, dass sie bis heute davon zehren und zudem ihren arbeitslosen Sohn unterstützen können. Eine Eigentumswohnung in Neukölln gehört ihnen auch.

Ist Kazançi ein exemplarischer Fall für türkische Gastarbeiter? Wohl kaum. Denn die Renten von türkischen, aber auch ehemaligen jugoslawischen Arbeitsmigranten, sind im Durchschnitt 20% niedriger als die Renten der einheimischen Bevölkerung. Weil aufgrund des niedrigeren Einkommens die allermeisten Gastarbeiter weniger in die Rentenkasse gezahlt haben. Weil gerade in den 80er Jahren das produzierende Gewerbe überproportional von Arbeitslosigkeit betroffen war und die Arbeitslosenwelle gerade türkische Gastarbeiter häufiger als Deutsche traf. Weil viele aufgrund der körperlich schweren Arbeit nicht bis zum vollen Renteneintrittsalter gearbeitet haben. Und weil viele aufgrund der Arbeitslosenwelle und der körperlich schweren Arbeit gar keinen jahrzehntelangen lückenlosen Versicherungsverlauf für einen vollen Rentenanspruch vorweisen können.

„Wir haben so gelebt, weil wir zurück wollten“

Doch wenn es Kazançi auch nicht so hart getroffen hat, fällt bei der Rückbesinnung auf sein Arbeitsleben dennoch der Nebensatz: „Den ganzen Tag  arbeiten – das kann kein Mensch.“

Denn seine Frau und er haben sich in Deutschland abgeschuftet, ein karges Leben geführt, extrem sparsam gelebt: Das Holz für den Kohleofen auf der Straße eingesammelt, kein warmes Wasser gehabt, das Brot selber gebacken, bis in die Nacht gearbeitet. Seine Frau kam regelmäßig erst um elf Uhr Nachts nach Hause. Überlebenskünstler. „Wir haben so gelebt, weil wir zurück wollten.“

Mittlerweile lebt er neun Monate in Bodrum in der Türkei und drei Monate in Deutschland, um Freunde, Familie und Ärzte zu besuchen. Grundsicherung will er nicht beziehen, weil er dann nicht einfach neun Monate in der Türkei sein dürfte. Doch Deutschland könne er ohnehin nicht gänzlich den Rücken kehren: „Wir haben ja schließlich 40 Jahre hier gelebt!“

 

2 Kommentare:

  • toothroot sagt:

    Danke für diesen informativen Artikel! Doch, Leute, bitte setzt in Zukunft historische Begriffe in Anführungszeichen. Dass es sich beim „Gastarbeiter“ um einen politisch-tendenziösen Begriff der 50er und 60er Jahre handelt, sollte man doch wissen.

  • Richard sagt:

    Danke – und hoffentlich nicht wieder derart fiese Kommentare!

    Familie A hat es trotz Allem gut getroffen. In einem anderen Fall wurde nicht in eine Wohnung investiert, sondern in einen Imbiss. Dann zwangen Schutzgelderpressungen (wahrscheinlich zugunsten der PKK) zur Aufgabe und zum Verlust der meisten Ersparnisse.

    Tragen wir ruhig und engagiert auf dieser Seite noch mehr Biografien zusammen?! Wir alle können nur lernen und in Zukunft besser differenzieren!

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