von am 18. Dezember 2012

Und dann geht das Spiel von vorne los? – Eine Anwohnerin der Allerstraße im Schillerkiez beschäftigt sich mit der Frage nach ihrem Zuhause und mit der Aussicht, es gezwungenermaßen aufzugeben.

Text: Jarmila Märzová (Name geändert), Fotos: Stephanie Lehr

Wo soll ich anfangen? Ich bin kein politisch aktiver Mensch und habe mich bisher nicht ausgiebig mit Gentrifizierung und Stadtentwicklung auseinandergesetzt. Bisher war es eine abstrakte Sache, die ich zwar zur Kenntnis nahm und beobachten konnte, wovon ich aber auch ein Teil bin.

Deswegen: Wo fange ich an? Seitdem ich in Berlin wohne merke ich, dass ich auf die Frage „woher kommst du?“ vermeidende Antworten suche. In Anbetracht der Hassparolen gegen Zugezogene aus Süddeutschland ist es mir unangenehm zu sagen, dass ich in München aufgewachsen bin und dort die ersten 20 Jahre meines Lebens verbracht habe, auch wenn ich seit 10 Jahren dort nicht mehr lebe. Meistens hänge ich noch dran, dass ich gar nicht in Deutschland geboren wurde und mich weder deutsch noch etwas Anderes fühle. Wo wir beim nächsten Punkt sind: Zuhause. Was ist das? Dort, wo unsere Wurzeln sind? Wo wir viel Zeit verbracht haben? Wo wir wohnen? Ist es Teil unserer Identität? Ich bin zuhause, wo ich im Moment lebe. Das kann auch temporär sonst wo sein und liegt daran, dass ich diese Verbundenheit zu einem Ort nicht „erben“ konnte und ich eine lange Zeit der Rastlosigkeit hinter mir habe.

Mein Zuhause ist auch gleichzeitig mein Rückzugsort, ein intimer Raum, an dem ich mich sicher fühle. Seit zwei Jahren ist mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt meine Wohnung im Schillerkiez. Auch wenn ich mich nicht immer willkommen sehe – als zugezogene, selbstständige Grafikdesignerin und Illustratorin bin ich ein prädestiniertes Hassobjekt – ist mir dieser Ort ans Herz gewachsen. Ich bin auch in diese Wohnung gezogen, um endlich länger verweilen, mich einleben und eine Verbindung zu Menschen und meiner Umgebung aufbauen zu können. Nach den zwei Jahren kann ich auch sagen, dass das endlich der Fall ist. Und jetzt soll ich wieder weg?

Im falschen Film gelandet

Ich bin im Schillerkiez gelandet, nicht weil ich mir das ausgesucht, sondern einfach, weil ich hier eine bezahlbare Wohnung bekommen habe, nachdem ich ein halbes Jahr lang verzweifelt überall gesucht hatte. Durch Zufall hat es mich hierher verschlagen, und der Zufall wollte es wohl auch, dass ich mitten ins Geschehen geworfen wurde und mich nun mit Themen wie Verdrängung und Mietrecht auseinandersetzen muss. Meine Wohnung stand zuvor sieben Jahre lang leer. Ich habe also niemandem etwas weggenommen oder jemanden vertrieben. Trotzdem bin ich nun mit der Frage konfrontiert, wer das Recht hat, wo zu leben und zu wohnen.

„Am schlimmsten ist die Machtlosigkeit nicht zu wissen, was mit uns passieren wird“, Foto: Stephanie Lehr

Manchmal habe ich das Gefühl, im falschen Film gelandet zu sein, wenn hier mal wieder 20 Leute durch meine Wohnung stapfen und sich ihre Zukunft in „meinen vier Wänden“ ausmalen. Auf der einen Seite stehen die, die das Geld haben, und auf der anderen Seite stehen wir Mieter, die nicht die Möglichkeit und Mittel haben, zu kaufen. Die Gefühle schwanken zwischen Verständnis, Angst und Wut. Am schlimmsten ist aber die Machtlosigkeit, dass wir dem ausgesetzt sind und nicht wissen, was mit uns passieren wird. Wer wird kaufen? Wie lange dürfen wir noch hier bleiben? Sind es drei, sechs Monate oder ein, zwei Jahre? Wird es zu einem Rechtsstreit kommen, kann man sich einigen, bekommt man Geld? Wo sollen wir dann überhaupt hin? Ich kann nicht in die Zukunft planen, solange kein Käufer feststeht. Dieser Zustand mit wöchentlichem Besichtigungsterror besteht nun bereits seit fast fünf Monaten und keiner weiß, wie lange der noch anhalten wird.

Der Höhepunkt war das Anbringen einer Überwachungskamera

Die Situation ist bereits unangenehm genug, aber was die ganze Sache noch schlimmer macht, ist das Verhalten der neuen Hauseigentümer. Das Haus wurde im Februar an eine Immobiliengesellschaft verkauft. Davon erfahren habe ich in dem Moment, als im Zuge einer Besichtigung auf dem Dachboden bei mir die Decke eingestürzt ist, und ich das Glück hatte, nicht erschlagen worden zu sein. Die Aufräumarbeiten und Renovierung wurden zwar unverzüglich in Angriff genommen, aber um meine finanzielle Entschädigung zu erhalten, musste ich letztendlich einen Anwalt einschalten. Anfang Juli erhielten wir einen Brief, in dem stand, dass einige Wohnungen im Haus verkauft werden müssen, um das Haus refinanzieren zu können. Zunächst dachten meine Nachbarin nebenan und ich, das betrifft nur uns, bis wir nach und nach rausfanden, dass alle Wohnungen angeboten werden.

„Selbst Käufer beklagen sich über die Methoden der Gesellschaft“, Foto: Stephanie Lehr

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits die ersten Kaufinteressenten unter Vorgabe falscher Tatsachen in unseren Wohnungen gewesen. Zum Kennenlerntreffen waren gleich angebliche Architekten dabei, die sich später als Investoren entpuppten. Der Eintrag ins Grundbuch fand auch erst im September statt. Bis dahin wurde die Unkenntnis vieler Mieter ausgenutzt, die bis dahin keinen Zutritt hätten gewähren müssen. Neben Lügen und illegalem Vorgehen wurden einige Leute im Haus auch bedroht sowie erpresst, und der Höhepunkt war dann das Anbringen einer Überwachungskamera im Eingangsbereich. Selbst Käufer beklagen sich über die Methoden der Gesellschaft. Sie sind massiv unter Druck gesetzt worden, zu unterschreiben, dubiose Anzahlungsforderungen wurden geltend gemacht und teilweise frage ich mich auch, was sie überhaupt gesagt bekommen, wenn sie in meiner Wohnung nach nicht vorhandenen Balkonen fragen.

Wo bleibt die Vielfalt?

Jeder einzelne meiner Nachbarn hat Geschichten zu erzählen und vielleicht ist das der einzige positive Aspekt dieser ganzen Ereignisse. Dass wir uns kennenlernen, miteinander sprechen und uns austauschen. Zum Teil sind sogar Freundschaften dadurch entstanden. Umso schwerer fällt mir nun auch die Vorstellung, hier in naher Zukunft vielleicht ausziehen zu müssen.

Mir ist klar, dass eine Stadt sich entwickelt und man das nicht aufhalten kann. Aber welche Art von Aufwertung ist tatsächlich ein Mehrwert und vor allem, für wen? Im Moment haben wir hier eine bunte Mischung im Haus aus jungen Studierenden und Berufstätigen, Pärchen, Familien, alteingesessenen RentnerInnen, Deutschen und Migranten, einer Kita, einer Ergotherapiepraxis und einem Nachhilfezentrum. Wenn ich mir die Kaufinteressenten ansehe, wird die Zukunft ziemlich homogen. Wo bleibt die Vielfalt, die diese Gegend so attraktiv gemacht hat? Wollen wir eine neue Kneipen-Meile à la Simon-Dach-Straße? Ich glaube nicht. Und ich kann mir das Lachen schwer verkneifen, wenn ich bei einer Besichtigung höre: „Wir fliehen aus dem Prenzlauer Berg, weil uns dort langweilig ist.“

Letztens bekam ich von einem potenziellen Wohnungskäufer den Ratschlag, ich solle doch nach Schöneweide ziehen. Vielleicht hat er Recht. Und dann geht das Spiel von vorne los?

Dieser Text ist in der Dezember-/Januarausgabe der Schillerkiezzeitung „Promenadenmischung“ erschienen.

Mehr zum Thema: Die andere Seite – Ankommen? Ein Erfahrungsbericht aus der Sicht einer Käuferin.

 

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