von am 9. Februar 2013

Die Serie „Pieces of Neukölln“ geht in die nächste Runde. Fotograf Florian Reischauer zeigt uns diesmal sein POB Special 2.0 Spätiverkäufer. Im Portrait: Ahmet von Kiosk AK 44 und Dogan von Späti International.

Bereits die sechste Ausgabe unserer beliebten Serie, in der wir Euch Florian Reischauers Neuköllnbilder aus seinem Foto-Blog “Pieces of Berlin” präsentieren. Erst kürzlich wurde das Projekt mit dem Annual Multimedia Award 2013 ausgezeichnet. Reischauer begeht einen nachdenklichen fotografischen Streifzug durch die Stadt und portraitiert echte Menschen, ganz egal ob jung, alt, eingesessen oder zugezogen. Schon im August 2011 lief auf neukoellner.net der erste Teil, es folgten Nummer zwei, drei, vier und fünf. Nun kommt die Spezial-Ausgabe von Neuköllner Spätiverkäufern zu unserem aktuellen Themenschwerpunkt Markt & Moneten.

 

der ahmet; 26; spätiverkäufer und musiker;

mit 6 jahren verließen seine familie und er ihr kleines kurdisches dörfchen und emigrierten nach deutschland. nach 2 jahren in einem pankower asylantenheim konnten sie eine wohnung in f’hain beziehen und später in neukölln. dort hatte ja auch ein bekannter den späti schon in betrieb. das ganze wird zum familien-ding und mit frischen 19 jahren übernimmt der ahmet den laden, ak44!

wies zum Namen kam? da gibt’s mehrere theorien, die 2 naheliegendsten wären: ak für ahmet’s kiosk und 44 von der ehemaligen postleitzahl hergeleitet, oder eine nahe ideologische verwandtschaft zur berühmten ak47. der laden ist rund um die uhr geöffnet, der kiosk des vertrauens im kiez. die schichten teilt er sich mit freunden und seinen eltern. das klientel sind fast ausnahmslos stammkunden, die der ahmet alle beim namen kennt, und die geschichten zu jeder person sowieso.

die kunden jedoch haben sich auch hier in den letzten jahren verändert. “früher hatten wir bänke vorm laden, das war der soziale treffpunkt der assis. die sind in der früh gekommen, pilsator gab’s für eine mark, (kostet jetzt auch noch immer nur 50 cent) und am abend, alle total besoffen, wurde immer wild gestritten. jeden tag das gleiche. das waren die ersten, die verschwanden. ein paar sind in talkshows immer wieder aufgetaucht und ein paar ausnahmen gibt’s noch, die weiterhin dem treibstoff pilsator wegen kommen, aber sich dann in den s-bahnhof gegenüber verdrücken.”

die mieten steigen, es wird saniert, die “assis” weichen den studenten, jungen künstlern usw und für die wiederum wird es jetzt auch schon wieder hart, und die ersten, die vor 5 jahren gekommen sind, müssen weg. “früher war berlin ein mekka für jeden, was richtig günstiges zum wohnen findest du nur noch zum beispiel in hellersdorf, aber da will ja keiner hin!” aber zurück zum spätialltag.

der ahmet beschreibt seinen laden gern als “auf die fresse kiosk”. “wer keinen humor hat, braucht erst gar nicht kommen!” zu seiner erfrischenden “ich-sage-immer, was-ich-denke-direktheit” verschreckt er liebend gern schüchterne touris. überzeugter spätimann ist er und glücklich obendrein, aber auch neben seinem streben als heavy-metal-schlagzeuger würde er am liebsten eigentlich formel 1 fahrer sein. “schaun wir, was passiert, alles hat sich so entwickelt. scheiß auf ziele!”

kiosk ak44, saalestraße 39a

 

dogan; 43; spätiverkäufer;

1980 wanderte der gebürtige türke nach deutschland aus. hier angekommen verdingte er sich als fußbodenleger. so richtig glücklich wurde er damit aber nicht und am bau zahlen die leute nicht, sagt er. eine weile hat’s gedauert, aber seit fast 4 jahren ist er der stolze späti international!

sieben tage die woche im laden, seine frau hält morgens die stellung und der dogan dann bis spät nachts… “ein traumjob ist das auch nicht unbedingt, aber wenn’s nicht langweilig ist, weil grad niemand da ist, tut sich immer was hier, und das ist schön so!” ihm ist’s wichtig seinen freunden (apropos das deutsche “der kunde ist könig” spielt’s nicht beim dogan! alle, die kommen, sind freunde!) was zu bieten, ein sozialer treffpunkt zu sein. so kommen leute um der musik zu lauschen, die er auflegt (meist ausgefallene äthiopische hingaben, oder seine favourites pink floyd und vieles mehr) oder man bringt selbst seinen usb stick mit, am sonntag um tatort zu kucken, ausstellungen zu organisieren, zu heißen sommertagen gab’s mal eine von ihm installierte dusche vor dem laden, doch die musste aufgrund berlins liebster spaßverderber, dem ordnungsamt wieder weichen. live musik gab’s auch mal, aber leider nur einmal und endete mit einer saftigen geldstrafe …das nervt ihn schon sehr hier…

während wir quatschen kommt der wenzel in den laden: “…das ist hier alles sehr familiär, man lernt die ganze familie kennen, wenn man mal kein geld hat, muss man auch nicht bezahlen, oder man kann sich einen fernseher ausleihen, da fällt mir ein, ich hab noch deinen föhn, dogan” man hilft sich gegenseitig. hat der dogan mal ein computerproblem, sowas ist rasch gelöst.

manchmal knallt’s auch richtig, sagt er, und der wenzel bestätigt das mit einem verschmitzten lächeln. “ab und zu hat man frust und den muss man dann einfach rauslassen, aber am nächsten tag sind alle wieder freunde!” wie’s zum namen kam? freunde hatten den vorgeschlagen: “international – hier leben ja menschen aus aller welt!”

späti international, weserstraße 190

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3 Kommentare:

  • […] bereits der erste Teil der Pieces of Neukoelln, es folgten Nummer zwei, drei, vier, fünf und die Späti Pieces. Nun kommt die Spezial-Ausgabe zur Berliner Ringbahn, bei dem wir unser Augenmerk vornehmlich auf […]

  • […] II. Dogan gibt auf:  Der Besitzer des Späti International und Kiezgröße (hier im Portrait) sucht einen Nachfolger. Die Institution im Kiez – mit Bier und Kippen im Vorderzimmer und Kunst […]

  • […] Dogan Karaoglan wirkt müde. Wenn er hustet, klingt das nicht gesund. Schuld an diesem schrecklichen Husten seien zu viel Filterkaffee und Zigaretten, sagt er. “Vom Alkohol mal ganz zu schweigen”, brummt der 46-Jährige und nimmt einen weiteren Zug an seinem Glimmstängel. Seit fünf Jahren führt der gebürtige Türke den Spätkauf International in der Neuköllner Weserstraße 190. Übernommen hat er den Kiosk damals von Freunden, die nach seiner Ansicht “mit allem überfordert waren. Und bevor ihn ein anderer genommen hätte …”, sagt Karaoglan, der gelernter Fußbodenleger ist. […]

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