von am 24. Oktober 2012

Jugendliche in Neukölln haben keine besonders gute Perspektive: kaum offene Stellen, zu niedrige Schulabschlüsse, unmotivierte Bewerber. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit scheint schnell erklärt. Dennoch bleiben jedes Jahr zahlreiche Lehrstellen unbesetzt. Wie lässt sich diese paradoxe Situation erklären?

Text: Insa Eekhoff

In Neukölln werden nach wie vor zahlreiche Ausbildungsstellen angeboten. Die Bandbreite reicht von der klassischen Einzelhandelskauffrau bis hin zum Fachangestellten für Bäderbetriebe. Sogar Ende September wird von vielen Betrieben noch versucht Lehrstellen für dieses Ausbildungsjahr nachzubesetzen. Dabei erscheint die Rechnung simpel: Bis zum Juni 2012 waren laut Arbeitsmarktreport der Bundesagentur für Arbeit allein im Berliner Süden 1.707 Ausbildungsplätze unbesetzt, obwohl sich zum gleichen Zeitpunkt 2.665 Bewerber als suchend gemeldet hatten.  Demnach gab es zwar nach wie vor mehr Bewerber als ausgeschriebene Lehrstellen, doch mehr Konkurrenz führte nicht zu mehr besetzten Ausbildungsplätzen.

Ein großes Problem läge laut Petra Struve-Mardones, Bewerberbeauftragte bei der IHK-Berlin, darin, dass viele Jugendliche „weg von ihren Wunschberufen“ kommen müssten. „Wenige Schüler sind sich der Breite des Berufsspektrums mit rund 350 Ausbildungsberufen bewusst und konzentrieren sich auf einige wenige populäre Lehrstellen.“ Es kann nicht jeder Schulabgänger in die klassischen Sparten des Kaufmanns rutschen. Vor einer Spezialisierung würde jedoch häufig zurückgeschreckt. Dabei versagen vor allem die Bildungsinstitutionen, beklagt Struve-Mardones. Die Jugendlichen werden in der Schule kaum über die Möglichkeiten verschiedener Berufssparten aufgeklärt. Die Illusion, sich an ein oder zwei Wunschoptionen festhalten zu können, führt zu Frustration auf beiden Seiten: bei den Bewerbern als auch den Arbeitgebern. Einige Stellen werden total überlaufen, andere bleiben gänzlich unbeachtet.

Falsche medial vermittelte Vorstellungen

Das schlechte Image einiger Ausbildungsberufe beklagt auch Wolfgang Rink, Pressesprecher der Handwerkskammer Berlin. Bewerber vermitteln nicht selten das Gefühl, mit einem Handwerksberuf nur das „kleinere Übel“ zu wählen. Dass sich die Berufsbilder, gerade im Handwerk, gewandelt hätten, sei bei vielen Jugendlichen noch nicht angekommen. Rink kritisiert auch die Vorstellungen, die sich vor allem medial durchgesetzt hätte: „Das Leben funktioniert eben nicht wie in den Castingsshows, mit der ganz großen Karriere für jeden.“ Mit großen Werbekampagnen versucht die Handwerkskammer nun Jugendliche für handwerkliche Ausbildungsberufe zu begeistern und von dem festsitzenden Vorurteil der mangelnden Karriere- und Aufstiegschancen loszulösen.

Bewerber und gemeldete Ausbildungstellen im Vergleich in den Jahren 2010-2012

 

Nachhilfe oder sogar höhere Lehrlingsgehälter

Dabei liegt jedoch das Versäumnis nicht nur bei den Jugendlichen, die sich schlecht informieren, sondern auch an den Betrieben und Bildungsinstitutionen, die erst zögerlich auf den Druck reagieren, sich aktiv um Bewerber bemühen zu müssen und gezielter Aufklärung betreiben. Angesichts drohender geburtsschwacher Jahrgänge war diese Entwicklung mehr als absehbar. Zahlreiche Betriebe versuchen nun mit Schulbesuchen aktiv Werbung für Ihre Ausbildungsberufe zu betreiben. Falls Bewerber aus der Schule nicht das nötige Grundwissen vorweisen können, wird immer häufiger Nachhilfe in den Betrieben angeboten. Manche Betriebe bieten sogarschon höhere Lehrlingsgehälter an, um Bewerber für sich zu begeistern.

Ein spezifisches Neukölln-Problem?

Freie Stellen und Bewerber lassen sich demnach nicht einfach aufaddieren. Dass Bewerber und freie Ausbildungsstellen nicht zueinander finden, scheint ein Phänomen zu sein, dass weit über den lokalen Einzelfall hinausgeht.. „Das ist kein Neuköllner Phänomen, sondern bundesweit zu beobachten.“ betont Wolfgang Rink. Auch Petra Struve-Mardones glaubt nicht, dass es ein „spezifisches Neukölln-Problem“ ist.

Anders als Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky, der sehr wohl einen engen Zusammenhang zwischen ungelernten Jugendlichen und der Neuköllner Lebenswelt sieht. Bildungsferne Jugendliche treffen auf überlastete Schulen. Es führe dazu dass viele junge Menschen die Schule „lebensuntüchtig“ verlassen.  Lehrberufe bleiben in Neukölln nicht unbesetzt, weil ein Studium, Auslandsaufenthalte oder Findungsphasen  attraktiver sind, sondern weil die arbeitende Lebenswelt häufig außerhalb der persönlichen Erfahrungen liegt. Vielleicht ist es wirklich kein „spezifisches Neukölln-Problem“, dennoch, die Ursachen sind andere. Bildungsferne Elternhäuser erschweren es um ein vielfaches, Motivation und Reiz eines Ausbildungsberufs zu vermitteln.

Warum jedoch von Seiten der öffentlichen Bildungsinstitutionen nicht in der Schule das Spektrum möglicher Ausbildungsberufe vermittelt und gezielter auf den Berufseinstieg vorbereitet wird, bleibt unbeantwortet. Mehrere Anfragen an die AG Jugendhilfe des Berliner Jugendamts und deren Kooperationspartner des Neuköllner Netzwerk Berufshilfe e.V. blieben ohne Reaktion. Vielleicht offenbart sich damit schon ein Kern des Problems.

 

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