von am 15. November 2012

Das Stadtentwicklungsbüro Coopolis gibt ein Buch über das Kreativnetzwerk Neukölln heraus. Eher eine Broschüre über die Früchte der eigenen Arbeit als eine vielschichtige Analyse der lokalen Kreativwirtschaft.

Ein mutiger Titel! „Neukölln ist hier“ kündigt sich als Antwort an auf Heinz Buschkowskys „Neukölln ist überall“. Hier wolle man das andere Neukölln zeigen, so die Herausgeber, also das Neukölln der Kreativen, der Macher, der Gebildeten. Dass auch Heinz von den Kreativen mit Hochschulabschluss weiß, die mittlerweile vorrangig in Nord-Neukölln leben und arbeiten, hat er uns ja im Interview erzählt.  Aber der Bezirksbürgermeister will eben – mit teils etwas drastischen Mitteln und Wortwahl – auf die Probleme im Kiez aufmerksam machen. Coopolis dagegen verfolgt ein anderes Ziel: Die eigene Arbeit vor Ort beschreiben und Akteure des Kreativnetzwerks Neukölln (KNNK) vorstellen, in Form einer schön aufgemachten Broschüre. Und darüber hinaus, so schreibt Ralph Hildebrand in seinem Vorwort, nicht nur dokumentieren, sondern sogar inspirieren.

Die größtenteils sehr lockere und abwechslungsreiche grafische Gestaltung von Tim Werremeyer korrespondiert gut mit den Fotos von Halina Hildebrand, die einige Mitglieder des KNNK – etwa die Menschen hinter der Club/Kneipe Fuchs & Elster, dem Architekturbüros SPAR*K oder dem Creativ-Centrum Neuköllner Leuchtturm – sympathisch und seriös zugleich in Szene setzt. Beim Durchblättern stellt man sich jedoch schnell die Frage, an wen das Buch eigentlich adressiert ist. Die Akteure selbst? Sind ja eigentlich gut vernetzt, wie „Neukölln ist hier“ an mehreren Stellen beschreibt. Interessenten aus Neukölln und anderswo, die Kreative kennen lernen wollen? Da kann man sich auch durch die Seite des KNNK klicken, auf der sich die Akteure präsentieren. Potentielle Kunden und Förderer? Wohl schon eher, denn sie dürften sich von einem professionell aufgemachten Buch beeindruckt zeigen. Zumal das Stadtentwicklungsbüro Coopolis, das das Kreativnetzwerk vor drei Jahren gründete und seither leitet, hier weniger einen kritischen Blick auf Neukölln wirft und sich stattdessen sehr darum bemüht, die Standortvorteile des Kiezes ins rechte Licht zu rücken. Im Eigenverlag erscheint das Buch beim Selfpublishing-Anbieter blurb – daher auch der stolze Preis von 31,95€ als Softcover und 72€ in der Hardcover-Variante.

Geschönter Blick

Leider fehlt es an handfesten Analysen, wie es um das kreative Neukölln bestellt ist. Es ist mehr eine Momentaufnahme, wie im Untertitel bereits angekündigt „unnvollständig, ungefiltert, un(d)verschämt“. Zwar ist auch Gentrifizierung am Rande mal Thema, doch die Aufwertung durch kreative Unternehmen wird rein positiv gesehen, ganz im Sinne des Wirtschaftswissenschaftlers Richard Florida, der in „The Rise Of The Creative Class“ die Bedeutung der kreativen Klasse für die Entwicklung von Städten erforschte. Aus wirtschaftlicher Sicht hat das kreative Netzwerk sicherlich positiven Einfluss auf den Standort Neukölln, aber in sozialer Hinsicht kann man dies durchaus hinterfragen. So hat auch Coopolis Gegner: Maria Richarz, die Coopolis zusammen mit Stefanie Raab als „Zwischennutzungsagentur“ gründete, sagte etwa in einem Artikel des Tip, ihnen werde immer wieder die Schuld für die Gentrifizierung in Neukölln gegeben.

Von diesen Problemen erzählt das Buch nicht. Stefanie Raab sagt in einem Interview in „Neukölln ist hier“, sie erkenne in der Kreativwirtschaft ein „extrem hohes Toleranz- und Selbstentfaltungspotenzial“, das Schulabgängern mit Migrationshintergrund, die auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt benachteiligt sind, Chancen biete. Um es mit Richard Florida zu sagen – der „Diversity Index“ ist in Neukölln ziemlich hoch. Aber selbst wenn es sich ein paar Kleinstunternehmen leisten können, einen Auszubildenden einzustellen, fehlt immer noch die große Masse an Jobs, die Jugendlichen aus Neukölln eine sichere Perspektive bieten könnte. Und so ist dieses Buch leider zu positiv, genauso wie Buschkowskys Output manchmal zu negativ ist. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Coopolis: Neukölln ist hier. blurb, 31,95€ (Softcover)/72€ (Hardcover)

 

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